Debatte

Wozu noch Universitäten?

Die Hebräische Universität in Jerusalem Foto: Flash 90

Das akademische System, so wie wir alle es kennen, ist passé, die Universität ein verlorenes Paradies, gekennzeichnet von Verlogenheit, Korruption und anachronistischem Denken.

So behaupten es die Eheleute Tamar und Oz Almog und sorgen in Israel mit ihrem eben erschienenen, fast 700 Seiten umfassenden Buch Kol Schikre ha-Akademia (»Academia: All the Lies. What Went Wrong in the University Model and What Will Come in its Place«) für große Aufregung – wobei sich Zustimmung und Widerspruch vermischen. Das Leben auf dem Campus kennen sie allzu gut. Beide sind Fakultätsmitglieder, genießen die finanzielle Sicherheit der Auserwählten, die eine Dauerstelle haben.

umfrage Was ist los? Zum einen hatte die ökonomische Krise im Jahr 2008 schwere Folgen für die höhere Bildung. Eine Umfrage unter 435 amerikanischen Institutionen machte damals die herben finanziellen Verluste deutlich, nicht zuletzt das sinkende Spendenaufkommen von bis dahin großzügigen privaten Geldgebern.

Viele Universitäten und Colleges verloren fast ein Viertel der Zuwendungen. Da das Buch vor der Corona-Krise verfasst wurde, fragt man sich freilich, wie die finanziellen Konsequenzen in diesem Bereich nach Ende der Pandemie ausfallen werden.

Die Universität ist, so wie wir sie kennen, ein verlorenes Paradies, sind die Autoren überzeugt.

Zum anderen schossen – besonders in Israel – immer mehr akademische Institute aus dem Boden. Lag 1990 die Zahl bei 21, so waren es 20 Jahre später schon 71 israelische Anstalten für höhere Bildung. Braucht man denn so viele? Wohl kaum, meinen die Autoren. Sie sprechen auch von einer »Titel-Inflation«.

Während deutsche Studenten keine Gebühren zahlen, sind die Kosten in vielen Ländern, so in Israel und insbesondere in den USA, horrend. In Amerika, wo man an manchen Eliteuniversitäten bis zu 60.000 Dollar pro Jahr zahlt, verschulden sich die Studenten (oder deren Eltern) auf Jahre hinaus. Sichert das Studium den Studierenden eine sorgenfreie Zukunft? Nur selten. Wie sehen die Klassen aus? Wenige Zuhörer, ein Abwesenheitsattest ist nicht nötig, manche sitzen brav, andere schauen auf ihre Smartphones, schreiben Mails, einige schlummern.

illusionen Ein wiederkehrendes Wort in diesem auf zahlreichen Studien und Büchern beruhenden Band ist »Illusion«. Es sind nicht nur die Studenten, die sich durch den Universitätsbesuch Illusionen machen, sondern sogar die Lehrenden, darunter nicht zuletzt die Frauen, die auf Gender-Gleichberechtigung setzen.

Viele der Angestellten müssen sich mit einem Lehrauftrag begnügen, die Zahl der Zeitverträge nimmt immer mehr zu, ein Angestelltenbeirat kann sich gegen die universitäre Führungsspitze kaum wehren. Es handelt sich um einen »exklusiven, geschlossenen Klub«, in dem die Herrschenden, also allen voran die Präsidenten der jeweiligen Universität und deren Entourage, alles entscheiden.

Korruption und Desinteresse an der Erkundung neuer Wege gehören dazu. Neben der ökonomischen Pleite diagnostiziert das Ehepaar Almog auch ein ethisches Versagen. Als israelische Bürger werfen sie dem Rat für Hochschulbildung sowie der Nationalakademie einiges vor.

system Doch nicht nur das System betrachtet das Ehepaar kritisch. Wozu der Druck, Artikel zu veröffentlichen, fragen sie. Die für Gotteslohn erbrachten Gutachten von Fachleuten und Kollegen, die oft auf diffusen Kriterien beruhen, sind anachronistisch angesichts der neuen, digitalen Möglichkeiten à la Open Access.

Wieso sind Artikel, die in hebräischen Zeitschriften gedruckt werden, weniger angesehen als solche, die in obskuren fremdsprachigen Zeitschriften erscheinen?

Wieso sind Artikel, die in hebräischen Zeitschriften gedruckt werden, weniger angesehen als solche, die in obskuren fremdsprachigen Zeitschriften erscheinen? Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einem Teufelstanz, der der Wissenschaft schadet. Masse gehe oft auf Kosten der Qualität, denn in der akademischen Welt zählt allein der Slogan »Publish or perish«.

vorschläge Was also tun? Am Ende des Buches schlagen die Autoren ihr Zukunftsmodell vor. In einer globalisierten Gegenwart brauchen wir Kurse aus aller Welt sowie Online-Kurse. So bietet beispielsweise eine hoch angesehene amerikanische Universität einen Online-Bachelor in »Applied Arts and Sciences« an.

Anstelle des patronisierenden Unterrichts plädieren die Autoren für das autonome Studium in Hinblick auf praktische Alltagsfragen. Anstelle der Titelhuberei: Praxis und Workshops. Sie befürworten die Trennung von Unterricht und Forschung sowie das Ende der Zitier- und Zeitschriftenkartelle.

Erst der Zusammenbruch des Bestehenden ebenso wie die neuen Möglichkeiten unserer Zeit eröffnen ihrer Meinung nach innovative Wege in der akademischen Welt. Die Autoren scheuen vor plakativen Thesen nicht zurück – Leser werden sich wohl fragen, ob hier die traditionelle Wissenschaft nicht zu holzschnittartig und die neuen Wege zu idealistisch dargestellt werden.

Und dennoch: Das provokante Buch bietet eine spannende und anregende Lektüre, für Dozenten ebenso wie für Studierende – und das nicht allein in Israel und den USA mit ihren ganz eigenen akademischen Modellen, sondern wegen der Reformen in den vergangenen Jahrzehnten gleichermaßen auch in Deutschland.

Die Autorin ist Professorin für Hebräische und jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

Tamar und Oz Almog: »Academia: All the Lies. What Went Wrong in the University Model and What Will Come in its Place«. 759 S., 23,55 €

Sehen!

»In the Hand of Dante«

Die Handlung springt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Trotzdem ist der Film mit Gal Gadot und Oscar Isaac ein gelungenes Werk

von Katrin Richter  10.07.2026

Musik

Der Mann, der die 13 fürchtete

Zum 75. Todestag des Komponisten Arnold Schönberg

von Axel Brüggemann  10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026

Los Angeles

Chalamet und Villeneuve stellen »Dune: Teil 3«-Trailer vor

Der dritte Teil der Science-Fiction-Reihe kommt kurz nach Chanukka in die Kinos. Mit dem Regisseur stimmt der jüdische Hauptdarsteller jetzt mit einem düsteren Trailer auf das Werk ein

 09.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Berlin

Bücher als portatives Vaterland

»Altneuland« ist der erste säkulare hebräische Verlag in der Diaspora seit 1948. Ein Besuch in Neukölln

von Ayala Goldmann  09.07.2026

Zahl der Woche

1. Maccabiah-Goldmedaille

Fun Facts und Wissenswertes

 08.07.2026