Roman

Wir sind wieder wer

»Man gönnte sich was.« – Andrang beim Frankfurter Sommerschlussverkauf 1957 Foto: ullstein

Michel Bergmanns erster Roman Die Teilacher, der im Rückblick jüdisches Leben in den frühen Nachkriegsjahren in Frankfurt am Main beschreibt, erschien im Frühjahr 2010 und war für ein Debüt ein ausgesprochener Erfolg. Das mit viel Wärme und Humor beschriebene Milieu der »Teilacher«, überlebender jüdischer Handelsvertreter, die den Deutschen mit Witz und Tricks Wäschepakete verkauften, kennt der 1945 in einem Schweizer Internierungslager geborene und in der Mainmetropole aufgewachsene Sohn jüdischer Rückkehrer aus seiner eigenen Jugend. Jetzt ist mit Machloikes die Fortsetzung erschienen.

wohlstand Machloikes (das jiddische Wort bedeutet Durcheinander, Zwiespalt, Zwist) spielt 1953/1954. David Bermann – neben seinem Ziehsohn Alfred die zentrale Figur – und viele seiner Freunde sind in Deutschland geblieben, obwohl sie eigentlich in die USA, nach Israel oder Australien weiterziehen wollten. »Die wilden Jahre waren vorbei, und langsam begannen die Wunden zu vernarben«, beschreibt Bergmann die Atmosphäre der damaligen Zeit.

»Die Kaffeehäuser und Gaststätten waren gut besucht. Man gönnte sich wieder was.« Wobei Frankfurt in den frühen 50-ern keine heile Welt ist. Der beginnende Wohlstand ist hart erarbeitet und steht oft noch auf wackeligen Beinen. Solidarität ist in der jüdischen Gemeinschaft zwar verbreitet, jedoch nicht immer oberstes Gebot.

Zu Beginn des Romans sitzt der 15-jährige Alfred Kleefeld wie so oft mittags mit »Onkel David« in dessen Stammcafé. Mit dabei Davids Freunde Emil Verständig, dem die Gestapo ein Auge ausgeschlagen hat, und Jossel Fajnbrot, dessen Aussehen Alfred an einen Gangster aus dem Chicago der 30er-Jahre erinnert. Die drei Vertreter diskutieren mal wieder lebhaft in ihrem jiddisch gefärbten Deutsch. Dieses Mal über die Frage, ob ihr Kollege Robert Fränkel ein Verräter ist.

Fränkel, früher in Berlin Schauspieler, war Fajnbrot und Verständig schon immer suspekt: »Er ist ein linker Vogel! Stell dir vor! Ich habe schon immer gesagt, er ist ein arroganter Potz! Moische Wichtig!« Und überhaupt: Hat er nicht mit den Nazis kollaboriert?

bahnhofsviertel Wie auch immer. Fränkel macht jedenfalls nicht mehr von Tür zu Tür in Wäsche, sondern hat ein Teppichgeschäft im Bahnhofsviertel eröffnet, das bald sehr gut läuft. Seine Angestellten sind: ein traumatisierter, mürrischer alter Mann »mit Auschwitz-Karriere«, der zwanghaft Listen führt; ein hundertprozentiger Goj aus einer unbelehrbaren Nazifamilie, der »eine pathologische Liebe zu Juden entwickelt hat«; und der junge Blum, der diesen Job als Sprungbrett für eine Karriere als Hehler und Schwarzhändler nutzt.

Auch der junge Alfred arbeitet aushilfsweise bei Fränkel. Mit dem Geld, das er dort verdient, kann er sich sein erträumtes Fahrrad kaufen und damit die feenhafte Juliette aus reichem Elternhaus beeindrucken.

Bergmann verknüpft subtil mehrere Handlungsstränge: Einer dreht sich um David, Alfred und deren Freunde und Familie – David und Alfreds Mutter leben nach vielen Hindernissen endlich zusammen. Der zweite ist Fränkels Teppichgeschäft, in dessen Umfeld der legale und illegale Handel blüht.

Ein dritter Schauplatz ist das Hauptquartier der US Army, wo Fränkel wochenlang verhört wird. Er soll erklären, warum sein Name in so vielen Akten der SS auftaucht. Dass er als geborener Entertainer im Lager ausgewählt wurde, um Hitler Witze beizubringen, glaubt ihm zunächst niemand.

Die Frage, wie man als Jude nach allem, was passiert ist, weitermachen kann, steht auch Mitte der 50er-Jahre weiter im Raum. Gleichzeitig pendelt die jüdische Nachkriegsgeneration zwischen den Welten: Alfred bewegt sich unter Juden, die sich langsam etablieren, ebenso selbstverständlich wie unter den »Einheimischen« und bei den amerikanischen Besatzern.

türöffner Da er seine ersten Lebensjahre in den USA verbracht hat, spricht er perfekt Englisch. Ihm öffnen sich Türen, die nicht nur der Generation seiner Eltern, sondern auch den meisten Gleichaltrigen verschlossen bleiben. Doch es treibt ihn auch früh die Frage um: Wer bin ich und wo gehöre ich hin?

Den Zwiespalt der jüdischen Rückkehrer macht eine Romanszene besonders deutlich. Als die deutsche Fußballnationalmannschaft 1954 Weltmeister wird, jubeln alle, nur die Teilacher nicht. Sie stehen unter Schock: »Die Deutschen hatten den Zweiten Weltkrieg doch noch gewonnen!« Doch dann versuchen sie, das Beste daraus zu machen. Sie bieten »weltmeisterliche« Preise und nennen ihre Wäschekollektionen »Helmuth Rahn« und »Fritz Walter«.

Michel Bergmann: »Machloikes«, Arche, Zürich und Hamburg 2011, 288 S., 19,90 €

Ausstellung

Sieben Videos und 1700 Bücher

Das Museum Ludwig in Köln zeigt Arbeiten des israelischen Künstlers Boaz Kaizman und Bände aus der »Germania Judaica«

von Eugen El  16.10.2021

Geschichte

Blütezeit vor dem Inferno

Eine Konferenz blickte auf die jüdische Prägung Frankfurts von der Emanzipation bis 1933

von Eugen El  16.10.2021

Universität

Oxford startet Sprachkurs für zwölf alte jüdische Sprachen

Zu den Angeboten gehören neben Jiddisch und Ladino auch weniger bekannte Sprachen der aramäischen, arabischen und türkischen Sprachfamilien

 15.10.2021

Meinung

Was ist eigentlich bei den Öffentlich-Rechtlichen los?

Feyza-Yasmin Ayhan, Nemi El-Hassan, Malcolm Ohanwe: Der Umgang von ZDF, WDR und BR mit den Themen Israelhass und Antisemitismus ist ebenso skandalös wie besorgniserregend

von Gideon Böss  14.10.2021

Diskussion

Kippot und Klischees

Welches Bild von Juden zeichnen deutsche Medien? Dieser Frage widmete sich ein hochkarätig besetzter Thementag

von Eugen El, Katrin Richter  14.10.2021

Begegnungen

Auf Entdeckungsreise

In seinem neuen Buch zeichnet Gerhard Haase-Hindenberg ein jüdisches Panorama der Klage und Lebenslust

von Alexander Kudascheff  14.10.2021

»Endlich Tacheles«

Rebellion gegen den Schmerz

Der Dokumentarfilm macht unter anderem ein Computerspiel über die Schoa zum Thema

von Heide Soltau  14.10.2021

Interview

»Monk am Main«

Der Bestsellerautor Michel Bergmann über seinen neuen Frankfurt-Krimi und den Ermittler Rabbi Silberbaum

von Ayala Goldmann  14.10.2021

Porträt

Begnadeter Songschreiber

Mit »Simon & Garfunkel« war Paul Simon in den 60er-Jahren ein Superstar. Als Solokünstler ist der Amerikaner bis heute erfolgreich

von Alexander Lang  13.10.2021