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Von Vätern und »Migrant*innen«

Foto: PR

So miefig und spießig, wie oft behauptet, war die deutsche Kultur in der Spätphase des Kaiserreichs unter Wilhelm II. keineswegs. Ganz im Gegenteil: Jenseits der höfisch-aristokratischen Borniertheit war damals deutsche Kultur Weltkultur und der liberale Journalismus des »Berliner Tageblatts« aus dem Hause Mosse Weltspitze.

Für Antisemiten indes war es ein »Judenblatt«, und, ja, sowohl Rudolf Mosse als auch Theodor Wolff, von 1906 bis 1933 Chefredakteur, waren Juden – und religiös sehr liberal. So liberal, dass Wolff, seiner protestantischen Frau zuliebe, die drei Kinder taufen ließ. Lakonisch kommentierte er dieses Faktum in seinem nun erstmals veröffentlichten Vater-Tagebuch.

Reflektion Wolff begann es zwei Tage nach der Geburt seines ältesten Sohnes und erzählte ihm darin dieses und jenes, was ihn familiär bewegte. Das alles ist selten außergewöhnlich, denn der Ausnahme-Journalist Wolff war – sympathisch und zugleich wenig interessant – als Vater ein Vater wie Milliarden andere. Und sein Judentum reflektierte er darin ungefähr so intensiv wie circa 80 Prozent der damaligen durch und durch akkulturierten deutschen Juden: nämlich kaum.

Eine andere Neuerscheinung ist jüdischen Migranten wie Chaim Nachman Bialik, Simon Dubnow und ihren Nachfahren aus Osteuropa gewidmet, die im liberalen Berlin der Weimarer Republik, meistens nach den dramatischen Umbrüchen in ihrer Heimat, Zuflucht suchten – und meistens nicht heimisch wurden.

Berlin Die Anthologie Die Nacht hat uns verschluckt. Poesie und Prosa jüdischer Migrant*innen im Berlin der 1920er und 30er Jahre liest sich wie ein Who’s who osteuropäisch-jüdischer Kultur, zum Beispiel: Boris Pasternak, Joseph Roth, Mascha Kaléko oder Marcel Reich-Ranicki. Das 400-seitige Buch ist eine lesenswerte Fleißarbeit, die das breite Spektrum jüdischer Ost-West-Erfahrung in der »Mitte«, also in Berlin, leicht griffbereit bietet.

Die Einführung der Herausgeberinnen ist ebenso kurz wie bieder und in geradezu unerträglich modischer Weise sprachlich mit »*innen« durch den »Fleischwolf« gegendert, und im Fleischwolf wird bekanntlich auch das beste Filet Hackfleisch. Nicht so hier, trotz Gendersternchen: Dieses literarische Hackfleisch ist, wie es so oft bei Anthologien der Fall ist, sehr schmackhaft.

Theodor Wolff: »Es ist im Grunde eine schöne Zeit. Vater-Tagebuch«. Wallstein, Göttingen 2018, 240 S., 19,80 €

Anne-Christin Saß, Verena Dohrn und Britta Korkowsky (Hg.): »Die Nacht hat uns verschluckt«. Wallstein, Göttingen 2018, 396 S., 29,90 €

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