Debatte

Unser Wagner

Ausgelöscht sein aus der Menschen/Angedenken hier auf Erden,/Ist die Blume der Verwünschung – Nicht gedacht soll seiner werden!» (Heinrich Heine)

Er hätte es zweifellos verdient: Richard Wagner (1813–1883), dessen 200. Geburtstag dieses Jahr im Mai ansteht. Nicht wegen der maßlosen Selbstbezogenheit, mit der er alle und jeden, der in seinen Dunstkreis geriet, für seine Zwecke auszunutzen versuchte, nicht wegen seines Bestrebens, sich und seine Musik in den Mittelpunkt eines religionsähnlichen Kults zu stellen, bei dem er als Oberpriester und Idol auftrat. Sondern weil Richard Wagner dem Judentum sehr öffentlich Böses, nämlich «den Untergang!», zudachte.

Marcus Dick hat in der vorigen Ausgabe viel Richtiges und Unerfreuliches zu Wagners Person und Gedankenwelt gesagt (prelive.juedische-allgemeine.de/article/view/id/14835); alles ebenso wahr wie bedrückend. Der Fluch, den Richard Wagner gegen die Juden aussprach, ist, wie in seinen Opern, auf ihn als Urheber zurückgefallen.

bahnbrechend Doch während die groteske Gedankenwelt des politischen Denkers und Rassentheoretikers in der Tat «aus der Menschen Angedenken ausgelöscht» gehört, ist der geniale Komponist Richard Wagner, der sich bei Tannhäuser und Der fliegende Holländer bei Heinrich Heine (für Wagner ein «sehr begabter dichterischer Jude, der sich zum Dichter log») bedient hat, aus unserer Kultur nicht wegzudenken, ob man seine Musik mag oder nicht. Er ist als Erfinder des Gesamtkunstwerks Wagner-Oper Teil unserer modernen Zivilisation. Mahlers Symphonien und der Herr der Ringe, Thomas Manns Joseph-Tetralogie und Conan der Barbar wären ohne ihn und seine bahnbrechenden Schöpfungen undenkbar.

Wagners vormythischer Opernkosmos, der von barbarischen, in ihrer Macht beschränkten Göttern bestimmt und von barbarisch-heroischen Gesetzen unterworfenen Figuren belebt ist, die zugleich einen menschlichen Makel aufweisen, der ihre Bemühungen scheitern lässt, hat schon immer viele und prominente jüdische Interpreten und Bewunderer gehabt. Auch in der christlichen Ausprägung, in der sich der Protestant Wagner in frühmittelalterlichem Zauber- und Wunderglauben ergeht.

jüdische fans Hermann Levi (1839–1900), der seit seinen Anfängen den damals hochmodernen und extrem schwierigen Wagner leidenschaftlich gern und berühmt gut dirigierte, der erfolgreich dessen letzte Oper Parsifal uraufführte, in deren Mittelpunkt die Taufe als Erlösung steht, war ein Rabbinersohn, der trotz der nachdrücklichen Forderung des verehrten «Meisters» nicht bereit war, sich passend zur Oper taufen zu lassen.

Eine Beziehung, die in vielem beispielhaft erscheint: Solange Richard Wagner lebte, bestand für Levi ein labiles Gleichgewicht zwischen Verachtung seiner jüdischen Herkunft und Anerkennung seiner Dirigierbegabung und Organisationsfähigkeit, das nach dem Tod des Komponisten in plumpe Judenfeindlichkeit um- schlug. Hermann Levi konnte sich im inneren Wagnerkreis nicht mehr halten und starb, 61-jährig, müde und erschöpft, ein frühes Opfer des postumen rassistischen Wagner-Kultes.

Theodor Herzl, der als junger Student wegen öffentlicher antisemitischer Äußerungen bei der Trauerfeier für Richard Wagner aus seiner Studentenverbindung austrat, blieb dennoch Wagner-Liebhaber. Er ließ sich bei der Niederschrift seines Judenstaats von Wagner-Musik inspirieren und den Zweiten Zionistenkongress mit der Tannhäuser-Ouvertüre eröffnen.

Der Auschwitz- und Buchenwald-Überlebende Imre Kertész beschreibt in seiner Erzählung Die englische Flagge, wie er als junger Journalist im stalinistischen Budapest nur einen Zufluchtsort und Rückzugsraum fand: die Wagner-Aufführungen an der Budapester Oper, die von 1947 bis 1950 vom jüdischen Dirigenten und Amerika-Rückkehrer Otto Klemperer dirigiert wurden.

selbstbehauptung Juden haben stets beides gewollt und gelebt: das Festhalten an der eigenen Identität, und das Sich-Einbringen in die sie umgebende Kultur und Welt. Eine jüdische Beschäftigung mit Wagner scheint mir dem Vorgehen der chassidischen Gruppe Chabad Lubawitsch vergleichbar, die in Berlin, der früheren Reichshauptstadt der Nazis, eine Jeschiwa gründet und betreibt, was diese stark in der Tradition verwurzelte Bewegung als Erfüllung des Gebots des Weiterlebens und jüdischen Sieg begreift.

Wenn Daniel Barenboim Wagner grandios dirigiert, wird Wagner dadurch ebenso wenig freigesprochen wie das öffentliche Anzünden des Chanukkaleuchters vor dem Brandenburger Tor den dortigen Fackelzug der Nazis von 1933 aufhebt.

Juden haben sich, nach den Massakern des Ersten Kreuzzugs wied er in den Städten des Rheinlands niedergelassen, wo man sie verraten und ermordet hat, genauso wie sie nach den Nazimorden in Deutschland blieben oder nach Deutschland gezogen sind, als Verwaltung und Politik noch von Nazi-Karrieristen wie Globke besetzt waren. Das gilt in Übertragung auch für den jüdischen Umgang mit Richard Wagners Musik, die, der judenfeindlichen Ideologie ihres Schöpfers ungeachtet, dem gehört, der sie gut interpretiert und/ oder sich an ihr erfreut.

zeichen setzen Doch genauso, wie Globke in der Schweiz zur unerwünschten Person erklärt wurde, als er dort seinen komfortablen Ruhestand verbringen wollte, kann man, und sei es nur, um ein Zeichen zu setzen, in Israel auf öffentliche Aufführungen von Wagner-Musik verzichten, wobei man daran denken sollte, dass dies zulasten der israelischen Musiker geht, die ihn, eben weil er musikalisch so bedeutend ist, gerne spielen würden. Man darf Richard Wagners 200. Geburtstag feiern – solange einem klar ist, wen man hier preist. Vergessen wird, kann und soll man ihn nicht.

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026