Sachbuch

Treffpunkt der Egomanen

Wer in Berlin lebt, den beschleicht nicht selten das Gefühl des Zuspätgekommenseins. Die Tage, in denen Kreuzberg der Mittelpunkt der westdeutschen Subkultur war, sind lange vorbei. Die vom Aussterben bedrohte Klubkultur der 90er-Jahre benötigt trotz Kommerzialisierung Denkmalschutz. Die Reste der Kunst- und Theaterszene der 2000er sind entweder zum Kanon geworden oder fristen ein prekäres Dasein.

Wie viel zu spät man dran ist, erfährt, wer das »Europa Center« am Breitscheidplatz besucht. Direkt neben der Verkaufsfläche eines amerikanischen Sportartikelherstellers lädt die wenig verlockende Leuchtschrift des »Romanischen Cafés« zum Besuch ein. Es handelt sich jedoch keinesfalls um ein Kaffeehaus, sondern um ein Museum. Es erinnert an das legendäre Café, das sich bis 1943 an dieser Stelle befand. Trotz Virtual Reality und zahlreichen Exponaten ist es hier nur schwer vorstellbar, dass das »Romanische« einmal zu den lebendigsten Treffpunkten der europäischen Intelligenzija gezählt hat.

Für viele Kreative war der Besuch des Cafés nicht immer nur ein Privatvergnügen.

In Café Babylon unternimmt der Autor und Journalist Christian Buckard den Versuch, diesem verlorenen Ort ein Denkmal zu setzen. Er erzählt die Geschichte des Cafés in der Tauentzienstraße, das sich in den 1910er-Jahren vom ehemals bürgerlichen Kaffeehaus zum Treffpunkt der insbesondere jüdischen Bohème entwickelte, vor allem entlang der Biografien seiner Stammgäste. Bis zur Überforderung gefüllt sind die knapp 300 Seiten mit Namen, Anekdoten und Zitaten. Darin dürfte sich die aufgedrehte und rastlose Stimmung des »Romanischen« spiegeln: ein Stimmengewirr, bei dem man sich bisweilen ein wenig Ruhe wünscht – und doch sitzen bleibt.

Zu den Stammgästen, für die das Café der Mittelpunkt ihres privaten und beruflichen Lebens war, gehörten nicht nur deutschsprachige Wissenschaftler und Literaten wie Albert Einstein und Else Lasker-Schüler. Buckard erzählt, wie es auch die aus Osteuropa stammenden Juden waren, die auf der Flucht vor Antisemitismus und wirtschaftlichem Elend in der »zentralen Transit-Herberge von ganz Jiddischland« ein Zuhause fanden.

Ein Zentrum der jiddischen Kultur in Europa

Bis sich von 1922 an auch in Berlin ein zunehmend aggressiverer Antisemitismus verfestigte, wurde das Café so zu einem wichtigen Zentrum des jiddischen Kultur- und Verlagslebens. »Alle Schriftsteller, Maler, Musiker, Aktivisten – alle, die einen Stift halten, sind dort. Aus Minsk und aus Odessa, aus Moskau und aus Czernowitz, aus Lemberg und aus Jerusalem … Und von allen Tischen her hört man vor allem EIN Wort: ICH. Ich bin groß, ich bin größer, ich bin der Größte«, zitiert Buckard den linken Zionisten Abraham Coralnik, der über die Atmosphäre im liebevoll auch »Café Meschugah« genannten »Romanischen« berichtet.

Zu den zahllosen (ost-)jüdischen Gästen und Stammgästen, die in Buckards Buch die Erzählung tragen, gehören neben dem Schauspieler Alexander Granach und der Schriftstellerin Mascha Kaléko auch Menschen wie der jiddische Schriftsteller David Einhorn. Für viele junge Kreative war der Besuch des Cafés nicht immer nur ein Privatvergnügen. Buckard zeigt geschickt, wie sich die Lebenslinien der Gäste beruflich, freundschaftlich und mitunter auch romantisch miteinander verknüpften. So nahm zum Beispiel auch die Karriere des österreichischen Filmemachers Billy Wilder an einem Tisch im »Romanischen« ihren Anfang.

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Zur tragischen Seite der Geschichte gehört, dass zwar viele Karrieren im »Romanischen« ihren Anfang nahmen, aber mit Exil, Selbstmord oder Vernichtung endeten. Über mehrere Kapitel hinweg entfaltet Buckard das Schicksal des Cafés und seiner häufig ebenso dem Sozialismus wie ihrer jüdischen Identität verbundenen Gäste. Am Ende der Katastrophe finden sich am Breitscheidplatz nur noch die Trümmer des »Romanischen Cafés«. Die Besucher, die es ehemals bevölkerten, wurden ermordet oder sind über die ganze Welt zerstreut.

Christian Buckard: »Café Babylon. Berlin, Romanisches Café 1913–1933«. C.H. Beck, München 2026, 352 S., 26 €

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