Migration

Suche nach dem besseren Leben

Russisch-jüdische Zuwanderer kurz nach ihrer Ankunft in Köln im Juni 1996 vor dem städtischen Wohnungsamt Foto: Herby Sachs / version

Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ›Flüchtlinge‹ nennt. Wir selbst bezeichnen uns als ›Neuankömmlinge‹ oder als ›Einwanderer‹.» Mit diesen Worten beginnt Hannah Arendt 1943 ihren Essay «Wir Flüchtlinge». Sie analysiert darin die rechtliche Position geflüchteter Menschen, die Situation von Menschen also, die auf nichts als ihr bloßes Leben zurückgeworfen sind, die sich, aller grundlegenden Rechte entkleidet, auf ihr nacktes Menschsein berufen müssen und so von der Willkür und Wohltätigkeit anderer abhängen.

Arendt spricht über die Juden, die sich vor dem Naziregime in die USA retten konnten. Ihre Worte berühren aber einen allgemeinen Aspekt der Situation von Flüchtlingen und vielen Migranten – die Reduktion eines komplexen Lebens mit all seinen Erfahrungen und Hoffnungen auf einen (migrations-)politischen Status. Solange mit Bürger- und Menschenrechten zwei Kategorien von Rechten unterschieden werden, so Arendt, würden Flüchtlinge, egal wie sehr sie sich um Assimilation bemühen, immer Gefahr laufen, erneut für vogelfrei erklärt zu werden.

Arendt erfasst auch die mit dem Flüchtlingsstatus verbundene soziale Abwertung. Sie beschreibt die schmerzhafte Entwertung des bisherigen Lebens in einer Situation, in der man doch alle Ressourcen braucht, um ein neues Leben aufzubauen, weil man das alte hinter sich lassen musste. Mit der Bezeichnung «Flüchtling» gehen Stigmatisierung, Rechtlosigkeit und der Status der Bedürftigkeit einher. Der hilfesuchende Flüchtling wird schnell, so Arendt, zum ungeliebten Schnorrer. Vor allem bleibt er mit dem Flüchtlingsstatus, trotz aller Anstrengungen, sich zu assimilieren, stets der Paria oder Parvenü.

Regulierung Heute haben Fragen nach der Situation und den Rechten von Flüchtlingen und Migranten wieder große Dringlichkeit. Deutschland und Europa diskutieren, wie die Neuankömmlinge versorgt werden können. Zugleich gibt es beständig Debatten darum, wer wahrhaft bedürftig und wer bloß «Wirtschaftsflüchtling» ist.

Vor dem Hintergrund dieser Debatten jährt sich für die Bundesrepublik wie für die jüdischen Gemeinden in Deutschland der Beginn einer anderen Geschichte – der Migration russischsprachiger Juden und ihrer zum Teil nichtjüdischen Partner. Vor 25 Jahren, im Schatten der deutschen Wiedervereinigung und des Zusammenbruchs der Sowjetunion, wurde mit der Kontingentflüchtlingsregelung eine gesetzliche Regulierung der für alle Beteiligten unerwarteten Migration sowjetischer Juden ausgerechnet nach Deutschland gefunden.

Heute blicken wir auf ein Vierteljahrhundert russischsprachiger jüdischer Migration zurück und sehen neue und wiederbelebte Formen jüdischen Lebens in einer Bundesrepublik, die sich nur widerwillig an ihr neues Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft gewöhnt. Das scheint ein guter Moment, um an Arendts Überlegungen anzuknüpfen und über die Bezeichnungen nachzudenken, die wir für Flüchtlinge und Migranten finden. Denn die Geschichte der jüdischen Kontingentflüchtlinge verweist mit ihrem zumindest nominellem Widerspruch zwischen formaler Regulation über das Asylrecht und «eigentlicher» Migration auf ein grundlegendes Phänomen in Einwanderungsgesellschaften: Die Handlungen und Selbstverständnisse von Migranten entziehen sich immer wieder dem staatlich und mehrheitsgesellschaftlich für sie vorgegebenen Rahmen.

Im Gegensatz zu der von Hannah Arendt erfahrenen Flucht handelt es sich bei den rund 220.000 sogenannten Kontingentflüchtlingen weniger um Flüchtlinge als um Menschen, die aus politischen, aber vor allem wirtschaftlichen Gründen auswanderten. 1990 war allen Beteiligten klar, erzählt Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, in einem Interview, dass es sich bei ihnen nicht um Asylbewerber im eigentlichen Sinn handelte, sondern «einfach um Menschen, die nach Deutschland kommen wollten, weil sie nicht mehr in der Sowjetunion leben wollten».

Die Kontingentflüchtlingsregelung kam somit aus einem einfachen Grund ins Spiel: In der Bundesrepublik der 90er-Jahre, dem Selbstverständnis nach kein Einwanderungsland, gab es damals keine andere Möglichkeit, Einwanderung juristisch zu erfassen. Zugleich gab es den politischen Willen – eingefordert von den jüdischen Gemeinden –, «das Geschenk», so Schäuble, «dass wieder Jüdinnen und Juden in Deutschland leben wollten», anzunehmen.

Unsrige Es ist daher konsequent, dass sich die russischen Juden trotz des formalen Status selbst nicht als Flüchtlinge bezeichnen. Untereinander spricht man von «Emigranten», nennt sich «die Unseren» oder «unser Kontingent», wobei klugerweise offengelassen wird, was das Unsrige ausmacht. Innerhalb der Gemeinden unterscheidet man zwischen Alteingesessenen und Neueingewanderten, die Mehrheitsgesellschaft spricht von «den Russen» oder schweigt ganz zu dieser Gruppe. Politisch werden die russischen Juden weiterhin als «Geschenk» bezeichnet. Mitunter reüssieren sie als Vorzeigemigranten oder Integrationsvorbilder. Selten äußern sich böse Stimmen und sprechen vom notorischen Homo Sovieticus oder gar von jüdischen Wirtschaftsflüchtlingen.

Während die Arbeitsmigranten, die seit den 60er-Jahren mit ihren Händen und Köpfen das westdeutsche Wirtschaftswunder mitgestalteten, als «Gastarbeiter», also tatsächlich als Gäste bezeichnet wurden, waren die russischen Juden also ein Geschenk an Deutschland. Nun ist die Position eines Geschenkes wahrlich angenehmer als die eines Gastes. Ein Geschenk will und muss man behalten. Vor allem schaut man nicht so genau hin, lächelt freundlich und träumt vielleicht heimlich von einem Umtausch gegen das eigentlich Ersehnte.

Die russischen Juden erfuhren in den 90er-Jahren wesentlich bessere Aufnahmebedingungen als einige Jahrzehnte vor ihnen die türkischen und südeuropäischen Arbeitsmigranten oder heute geflüchtete Menschen aus den Bürgerkriegen in Eritrea, Syrien oder Afghanistan sowie Roma aus den Balkanländern. Sie erhielten zügig einen gesicherten Aufenthaltsstatus, Sprachkurse und eine Arbeitserlaubnis. Die Älteren der russischen Juden, zum Teil Schoa-Überlebende oder Veteranen der Roten Armee, konnten schnell auf die Unterstützung des deutschen Gesundheits- und Pflegesystems zurückgreifen. Syrische Flüchtlinge dagegen erhalten derzeit nur sehr eingeschränkt eine medizinische Grundversorgung. Vor allem zählten viele Einwanderer auf den unermüdlichen Beistand der Mitarbeiter jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen, die eine soziale und kulturelle Eingliederung ermöglichten und trotz aller Missverständnisse und Konflikte das Gefühl schufen, willkommen zu sein.

Geschenke Doch sind Geschenke nicht unkompliziert. Aus der Anthropologie wissen wir, dass ein scheinbar selbstlos gegebenes Geschenk eingebunden ist in einen Gabentausch und auf reziproken Erwartungen beruht. Diesen Erwartungen entsprachen die Migranten nur bedingt, schließlich kamen Menschen und keine Geschenke. Die überwiegend säkularen sowjetischen Juden passten nicht in die im postfaschistischen Deutschland gewachsenen Vorstellungen und Selbstverständnisse des Jüdischen und katalysierten Veränderungen in den schwierigen und lange ausgehandelten Beziehungen zwischen Gemeinden und nichtjüdischer Gesellschaft. So markiert die Migration russischsprachiger Juden eine historische Zäsur. Deutschland wurde wieder Einwanderungsland für Juden, und in den letzten 25 Jahren etablierten sich unerwartete, schöne und oft konfliktreiche Formen jüdischen Lebens inner- und außerhalb der Gemeinden. Die russisch-jüdische Migration trug zu einer Pluralisierung jüdischer Selbstverständnisse in Deutschland und Europa bei, deren langfristige Entwicklungen wir noch nicht abschätzen können.

Die Menschen, die als Kontingentflüchtlinge kamen, fügten sich auch sozial und ökonomisch nicht in die für Flüchtlinge und Einwanderer vorgesehenen Rollen. Sie waren nicht dankbar genug, suchten, gut ausgebildet und selbstbewusst, nach sozialer Anerkennung. Als eine Migration von urbanen, ehrgeizigen Mittelschichten wollten sie sich mit den schlecht(er) bezahlten Stellen als gelernte und ungelernte Arbeiter nicht zufriedengeben. Dennoch fanden viele ihrer mitgebrachten Qualifikationen und Berufserfahrungen keine Anerkennung. Viele mussten sich mit Arbeitslosigkeit oder Stellen weit unter ihrem Qualifikationsniveau abfinden. Die jüngeren Migranten, vor allem die zweite Generation, sind inzwischen beruflich äußerst erfolgreich, ein Großteil studierte, hat mittlerweile gut bezahlte Jobs.

In der Bundesrepublik ist die Migration postsowjetischer Juden paradigmatisch für das Entstehen neuer Migrationsmuster und die Etablierung migrantischer Mittelschichten. Sie steht für die faktische Normalisierung einer ökonomisch motivierten Migration nach Deutschland. Nach dem Ende der Ära der Gastarbeitsverträge und der restriktiven Ausländer- und Asylpolitik der 80er- und 90er-Jahre ist Deutschland de facto ein beliebtes Einwanderungsland für unterschiedliche Europäer, für Israelis und Menschen aus Südasien und Afrika.

Mittelschicht Vor allem aber etabliert sich in Deutschland eine breite und selbstbewusste migrantische Mittelschicht, die in allen Bereichen der Gesellschaft sichtbar und auch politisch hörbar ist, wenngleich sie weiterhin gegen strukturelle und alltägliche Formen von Rassismus und Antisemitismus kämpfen muss. Hier finden sich die russischen Juden wie andere gut ausgebildete Deutsche mit Migrationshintergrund oder etwa auch Schwarze Deutsche, die sich in der Mittelschicht verorten (wollen), in der ambivalenten Position, durch ihre Erfolge nicht mehr ausgeschlossen zu sein, jedoch auch nie ganz dazuzugehören. Das von Arendt so klar beschriebene Dilemma von Paria und Parvenü ist bis heute relevant.

Daher können viele über den gerne ausgerufenen Status als Integrationsvorbild nur lächeln. Die Regulierung von Flucht und Migration funktioniert oft über die Unterscheidung in Integrierte und Integrationsresistente, in Fleißige und Faule, in echte politische und falsche wirtschaftliche Flüchtlinge oder, wie Arendt schreibt, in Hilfsbedürftige und Schnorrer. Die eine Position kann schnell in die entgegengesetzte umschlagen. Migranten und Flüchtlinge wünschen sich Anerkennung auf Augenhöhe, wissen echte Anerkennung aber von instrumentalisierenden Fremdzuschreibungen zu unterscheiden.

In der Migrationsforschung ist es ein bekanntes Phänomen: Temporäre Arbeitskräfte, Migranten und Flüchtlinge entsprechen selten den bürokratischen Begriffen, mit denen versucht wird, Wanderungsbewegungen, Flucht und die Suche nach einem besseren Leben zu regulieren. Zum einen, weil diese Bezeichnungen, wie Arendt zeigt, stigmatisieren und abwerten. Zum anderen, weil sie fehlschlagen, die Vielfalt und Komplexität der migrantischen Erfahrungen, Aspirationen und Bindungen zu erfassen.

Insbesondere die in den 90ern versuchte Unterscheidung zwischen wirklich jüdischen und bloß ökonomisch motivierten Migranten, die dem heutigen Versuch, zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen zu trennen, ähnelt, ist gefährlich und letztlich sinnlos, da empirisch unhaltbar. «Wir Migranten» und auch Menschen mit Fluchterfahrungen sind immer etwas anderes, vor allem viel mehr als die Position, die uns zugeschrieben wird. Wenn wir heute über 25 Jahre russischsprachige jüdische Migration nachdenken, wenn wir über die Situation syrischer, eritreischer oder mazedonischer Flüchtlinge sprechen, sollten wir das nicht vergessen.

Die Autorin ist Soziologin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Auf der Tagung «Wer integriert hier wen? – 25 Jahre russischsprachig-jüdische Zuwanderung», die die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden vom 14. bis 16. Oktober in Berlin veranstaltet, wird sie einen Workshop zum Thema leiten.

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