Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Vor drei Jahren hat die palästinensische Schriftstellerin Adania Shibli mit ihrem Roman Eine Nebensache einiges Aufsehen erregt. Eigentlich weniger mit dem Roman selbst. Vielmehr kam es zu Protesten, als dem Buch, unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023, auf der Frankfurter Buchmesse der Litprom-Preis verliehen werden sollte.

Einige Kritiker verorteten Shibli im erweiterten Umfeld der BDS-Bewegung. Auch dem Roman selbst attestierten sie eine mehr als einseitige Darstellung. Das Buch sei unleugbar gut und präzise erzählt, doch schmälere die agitatorische Ausrichtung den künstlerischen Wert. Dem widersprachen andere vehement. Offensichtlich beeinflussten die jeweiligen politischen Positionen auch die ästhetischen Werturteile.

Berichtet wird der Lebensweg zweier palästinensischer Jugendlicher in Israel

Nun ist ein weiterer Roman von Shibli in Deutsch erschienen. Und so viel vorab: Auch hier herrscht der Holzschnittcharakter vor. Berichtet wird der Lebensweg zweier palästinensischer Jugendlicher in Israel. Ihre Geschichte berührt sich nur an zwei Punkten, geprägt ist sie jedoch von parallelen Repressionserfahrungen, die ein Leben nicht möglich machen.

Die beiden besitzen keine Namen, sondern sind nur nach ihren jeweiligen Funktionen benannt, zunächst die Schülerin, der Schüler, später die Studierende oder die Reinigungskraft, als sie in einem Nebenjob für eine Israelin putzt.

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Der Schüler ist traumatisiert von einer vierjährigen Haft, die gegen ihn wegen zu vernachlässigenden Aktionen des Widerstands verhängt wurde. Auch bedingt sein Sicherheitsdossier, dass er nur wenige Fächer studieren darf. Und die Ausübung der Berufe, die daraus resultieren könnten, ist ihm verboten. Also fristet er sein Los mit Aushilfsjobs, am Ende schnitzt er Figuren für Touristen.

Die Studentin dagegen fühlt sich an der israelischen Universität so fremd, dass sie sich in den Vorlesungspausen in der Tiefgarage versteckt. Die hebräische Unterrichtssprache empfindet sie als gravierende Benachteiligung, hat sie doch große Schwierigkeiten, den Ausführungen der Dozenten zu folgen. An einer palästinensischen Uni kann sie nicht studieren, weil diese andauernd von den Behörden geschlossen werden. Einmal besucht sie eine solche Hochschule. Dort herrscht eine völlig andere Atmosphäre. Eine Volkstanzgruppe führt etwas auf, alle machen mit, alle sind so ausgelassen. Da ist sie wieder, die propagandistische Plattitüde: Auf der palästinensischen Seite nur Tanz, Lachen und Jubelstimmen, auf der israelischen herrscht die Eiseskälte der Todeszone.

Der Studentin begegnet ein Chamäleon, das, auch dies nicht gerade subtil, in der Folge immer wieder auftaucht – als Metapher für ihre nötige Anpassung im Reich der Repressoren. Besser: ihre vollständige Selbstaufgabe. Die Studentin wird komplett antriebsarm, sie geht nicht mehr zur Uni. Das Ganze ist auf eine sehr distanzierte, fast emotionslose Weise beschrieben. Eine Nähe zum französischen Nouveau Roman ist unverkennbar.

In den 50er-Jahren nannte man das Existenzialismus

In den 50er-Jahren nannte man das Existenzialismus, es war der Ekel vor gesellschaftlicher Leere, die Angst vor der Bombe, die die Menschen als neutralisierte Zombies durch die Gegend taumeln ließ. Hier ist das allein die tödliche Wirkung der israelischen Unterdrückung. Der Terror geht nur von den Israelis aus. Erst gegen Ende des Buches werden beiläufig Bombenattentate in israelischen Bussen erwähnt.

Flankiert werden die Erzählungen der beiden jungen Menschen durch ausgiebige Naturbeschreibungen. Sie markieren den Gegensatz zur beklemmenden Umgebung der israelischen Gesellschaft, sind aber oft recht langatmig. Natürlich besitzt die Natur auch eine symbolische Bedeutung, selten besonders hintergründig. So endet es etwa mit dem Bild einer Pinie, die lebendig aussieht, grüne Blätter treibt, aber im Inneren schon längst tot ist. So wie Shiblis Protagonisten …

In Täuschung sind die Worte nicht so präzise gesetzt wie im Vorgänger Nebensache. Und die Darstellung ist noch einseitiger. Eine solche Bewertung des Nahostkonflikts mag bei vielen jungen (Pseudo-)Linken im Trend liegen. Trotzdem oder gerade deshalb fragt man sich, warum Hanser dieses Buch verlegt hat. Schon die Verlagswerbung ist vielsagend: Sie spricht von der »Geschichte zweier junger Menschen in Palästina«. Gemeint ist allerdings wohl Israel, jenes Land, dessen Pass Shibli besitzt und den sie für ihre vielfältigen Reisen nach Europa nutzt.

Adania Shibli: »Täuschung«. Roman. Hanser, München 2026, 208 S., 17,99 €

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