Tel Aviv

Pessimistin trifft Ironiker

Es mag sein, dass die Distanz zwischen Tel Aviv und Berlin geringer wird. Doch wenn es um Autorenlesungen geht, liegen noch immer Kontinente zwischen den beiden Städten. Von der feierlich-andächtigen Atmosphäre, die meist in Berlin herrscht, konnte in Tel Aviv keine Rede sein, als vor einigen Wochen die beiden Schriftsteller Lizzie Doron und Etgar Keret zusammenkamen, um auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung vor 20 deutschen Journalisten über Identität und Religion in Israel zu diskutieren.

Sie taten das mit einer Verve und einer Intensität, die man in Berlin nicht einmal zwischen politischen Lagern erleben würde, geschweige denn zwischen zwei dezidierten Vertretern der säkularen Linken. Einig waren sich die beiden nur darin, dass Israels dringlichsten Probleme innerer und nicht äußerer Natur sind. Und dass Verzweiflung kein Grund ist, seinen Witz zu verlieren.

kategorisch »Das Problem«, erklärt Lizzie Doron kategorisch und reckt ihr Haupt mit den nach oben gesteckten Haaren, »ist die Religion«. Israel könne nie ein moderner Staat werden, solange der Einfluss des Glaubens nicht begrenzt werde. Einige Wochen zuvor hatte Jerusalem die größte Trauerfeier seiner Geschichte erlebt, als 700.000 Menschen zum Begräbnis von Rabbiner Ovadia Yosef geströmt waren, dem spirituellen Führer der Schas-Partei. Inzwischen definiert sich jeder zehnte Israeli als charedisch, jeder dritte Grundschüler geht inzwischen auf eine entsprechende Schule.

»In der Moderne geht es um Nationen, nicht Religionen. Religion ist immer rückwärtsgewandt: Höre auf den Rabbi. Es geht allein um Gehorsam. Religion nimmt Freiheit.« Doron erzählt von ihren Begegnungen mit ultraorthodoxen Frauen, die allesamt ähnlich abliefen: »Zuerst sprechen sie über ihr schönes Leben, wie geborgen sie sich in ihrer Familie fühlen und dass es nichts ausmacht, Männern untergeordnet zu sein. Aber wenn man ihnen näherkommt, dann spürt man die Demütigung, dann spürt man, dass sie sich befreien wollen, dass sie mehr vom Leben wollen. Sie brauchen die Hilfe der Säkularen, um aus ihren Gemeinden herauszukommen.«

komisch Das findet Etgar Keret sehr komisch, denn wenn seine Schwester hier säße, meint er, würde sie genau das Gleiche sagen – und seine Schwester ist ultraorthodox. Sie würde sagen, dass säkulare Frauen bei der ersten Begegnung vorgeben, absolut zufrieden zu sein, doch wenn man ihnen näher komme, würde man spüren, dass ihnen etwas fehlt im Leben, dass sie darunter leiden, in einer Welt ohne Moral zu leben. Beide, Fromme und Säkulare, meint Keret, glaubten, sie führten ein besseres Leben als die anderen und müssten sie bekehren.

Der 46-jährige Keret, der in seinen Erzählungen von der Liebe zu den absonderlichsten Gestalten schreibt, kommt aus einer Familie, die ihn quasi zur politischen und religiösen Toleranz verpflichtet: Sein Vater kämpfte unter Menachem Begin in der Irgun und besorgte mitunter bei der italienischen Mafia in Reggio Calabria Waffen. Kerets Bruder ist ein radikal linker Antizionist, der die Freunde seiner ultraorthodoxen Schwester berät, wie sie sich bei Demonstrationen gegen polizeiliche Gewalt zur Wehr setzen können.

»Alle sagen, Israel könnte ein wunderbares Land sein – ohne die Araber, ohne die Siedler oder ohne die Ultraorthodoxen. Jeder schiebt die Schuld auf die anderen.« Keret setzt lieber auf Menschenfreundlichkeit, er schüttelt seine Locken dabei und lacht auf seine charmante Art, doch es ist ihm ganz ernst damit: »Das einzige, was uns bleibt, ist, die Menschen um uns herum zu lieben und herauszufinden, wie wir miteinander leben können.«

irrenhaus Da sieht Doron eher schwarz. In ihren Büchern wie Das Schweigen meiner Mutter schreibt die 60-Jährige bewegend und poetisch von den Traumata der Holocaust-Überlebenden und ihrer Kinder; in der Realität hält sie Israel für eine einzige Nervenheilanstalt für posttraumatische Fälle: »Es gibt eine Abteilung für die Psychotiker, die Ultraorthodoxen und Siedler im Westjordanland: Sie glauben, dass der Messias kommen und alles gut werden wird.

Sie haben keinerlei Bezug mehr zur Realität. In der anderen Abteilung lebt die neurotische Mehrheit. Die einen sind paranoid und glauben, dass ihnen jeder an den Kragen will. Na ja, sie haben ein paar gute Argumente auf ihrer Seite. Die anderen sind manisch oder depressiv: Sie glauben an einen baldigen Frieden, oder sie sehen keinerlei Hoffnung mehr, denn der Iran wird die Atombombe bauen. Das ist ein sehr anstrengendes Leben.«

berlin Für Lizzie Doron ist es zu anstrengend geworden. Die Hälfte ihrer Zeit verbringt sie mittlerweile in Berlin, um fern von dieser ständigen Anspannung schreiben zu können. »Im Moment ist Berlin meine Zuflucht.« Auch weil es nur zwei Länder auf der Welt gebe, in denen die Menschen keine Gewissheit über ihre Identität hätten: Israel und Deutschland

Dem kann Etgar Keret zustimmen: Paris sei ein Museum des 19. Jahrhunderts, New York eines des 20. Jahrhunderts, meint er. In Berlin dagegen müssten die Menschen ständig hinterfragen, was es bedeutet, deutsch zu sein, so wie sie sich in Tel Aviv – wo man sich mit einem dreisprachigen »Tov yallah bye« verabschiedet – fragen, was es heißt, Israeli zu sein. Außerdem, meint Keret, seien Israel und Deutschland die einzigen Länder, in denen die Leute beim Fußball nicht automatisch für ihre Nationalmannschaft sind.

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