Fernsehen

Olympisches Sperrfeuer

Marc Bolan, der Kopf der in den 70er-Jahren populären Glamrock-Band »T. Rex«, war jüdisch. Es wird dennoch nur Zufall sein, dass Hits der Gruppe in diesem Jahr gleich in zwei öffentlich-rechtliche TV-Filme über das Massaker an israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen 1972 eingebaut wurden. Vor vier Monaten, als das ZDF anlässlich des 40. Jahrestags der blutig ausgegangenen Geiselnahme München 72 – Das Attentat zeigte, war der erste Song, den man zu hören bekam, Jeepster von T. Rex. Im ARD-Film Vom Traum zum Terror, der am Sonntag, den 22. Juli, um 21.45 Uhr ausgestrahlt wird, sorgt Get it on, der direkte Nachfolgehit, für musikalischen Zeitkolorit.

chaos Während Dror Zahavi für das ZDF einen reinen Spielfilm inszenierte, der sich gleichwohl streng an den Fakten orientierte, hat sich die ARD für das Genre Dokudrama entschieden, also eine Mischform aus dokumentarischen Bildern – Archivmaterial, Zeitzeugeninterviews – und von Schauspielern nachgestellten Szenen. Bei denen setzen die Regisseure Marc Brasse und Florian Huber vor allem auf Michael Brandner als Innenminister Hans-Dietrich Genscher, der im Laufe der Verhandlungen mit den palästinensischen Terroristen anbietet, sein eigenes Leben für das der Geiseln zu opfern, und Peter Lohmeyer, der die Rolle Walther Trögers spielt, des deutschen Olympiafunktionärs, der 1972 im Olympischen Dorf, wo sich die Geiselnahme am 5. September abspielte, als sogenannter Bürgermeister fungierte.

Viel Raum nimmt in beiden Produktionen das chaotische Wirken der Sicherheitskräfte ein, das mitverantwortlich dafür war, dass die Aktion der Terroristen elf Israelis das Leben kostete. Die Polizisten waren offenbar überfordert. »Wir kamen uns vor wie Bergsteiger in Badehose und Sandalen im Himalaya-Gebiet«, sagt Heinz Hohensinn, der damalige Einsatztruppleiter, im ARD-Film. Den ersten Befreiungsversuch am Vormittag konnten die Terroristen sogar live im Fernsehen verfolgen.

Warum die Bilder überhaupt im TV liefen, beziehungsweise ob die Verantwortlichen darüber diskutierten, ob man sie zeigen sollte, lässt sich heute kaum noch rekonstruieren. »Das Fernsehzentrum befand sich in der unmittelbaren Nähe des Geschehens, die Kollegen haben einfach die Kameras rausgestellt und raufgehalten, ohne sich der Tragweite des Ereignisses bewusst gewesen zu sein«, sagt NDR-Redakteur Dirk Neuhoff, der den Film betreut hat.

beziehungen Gemeinsam ist beiden Filmen auch, dass zu den Hauptfiguren eine Frau gehört, die von der Geiselnahme unmittelbar persönlich betroffen ist. In Vom Traum zum Terror ist es die Hürdenläuferin Esther Roth, sie bangt um ihren Trainer Amitzur Shapira, ein Idol der israelischen Leichtathletik und für sie eine Vaterfigur. Im ZDF-Film ist es die Ehefrau des Fechttrainers André Spitzer.

Neu ist die Information, dass es gute Kontakte gab zwischen deutschen und israelischen Olympioniken. Zu Wort kommt der frühere Sprinter Manfred Ommer, der als einziger deutscher Olympiateilnehmer vorzeitig von den Spielen abreiste, weil er es nach der Bluttat als pervers empfand, um Medaillen zu kämpfen. Heute ist Ommer übrigens der Ansicht, er habe sich falsch verhalten.

Die Spielfilmanteile sind von unterschiedlicher Qualität. In einer der Schlüsselszenen des Geiseldramas – Genschers kurze Stippvisite im Apartment, in dem die Terroristen die Geiseln gefangen hielten – setzen Brasse und Huber auf eine zurückhaltende Inszenierung: Man sieht den Minister nur, bevor er den Raum betritt. Michael Brandner versteht es gut, die Gefühlslage Hans-Dietrich Genschers in Szene zu setzen beziehungsweise sie auf eine nachvollziehbare Weise zu interpretieren.

Peter Lohmeyer, eine Art Til Schweiger für die höheren Stände, ist als Walther Tröger eine Fehlbesetzung. Seine Ausdrucksmöglichkeiten sind derart limitiert, dass es sogar falsch aussieht, wenn er nur eine Treppe heruntergeht. Die dokumentarischen und inszenierten Passagen, in denen die Regisseure auf Genschers vermeintlich heroische Geste zur Opferbereitschaft eingehen, lassen den Zuschauer unwillkürlich Vergleiche mit dem Parteienpersonal von heute ziehen.

Willy Brandt Dass heute ein Politiker so weit ginge, sein Leben für das von Geiseln anzubieten, ist – wertfrei gesagt – unwahrscheinlich. Auch an anderer Stelle drängt sich ein Vergleich zwischen den Volksvertretern von einst und heute auf: Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt ist zweimal kurz in dokumentarischen Bildern von der Eröffnungsfeier zu sehen. Er sitzt da mit zerzausten Haaren, keinen Gedanken daran verschwendend, dass Kameras auf ihn gerichtet sein könnten. Frappierend, wie sich das unterscheidet von den inszeniert wirkenden Tribünen-Auftritten heutiger Politiker.

Brasses und Hubers Film ist facettenreicher und kurzweiliger als die fade ZDF-Produktion München 72 – Das Attentat, wenngleich auch Vom Traum zum Terror kaum einen Grimme-Preis bekommen wird. Der sonntägliche Sendeplatz sieht auf den ersten Blick gut aus: Der Film läuft direkt nach dem Tatort. Allerdings zeigt die ARD in der Krimireihe an diesem Abend nur eine Wiederholung. Ein Tatort, den viele Zuschauer schon kennen, ist den Programmverantwortlichen also wichtiger als die Premiere eines ambitionierten zeithistorischen Films. Das ist auch ein Statement.

»Vom Traum zum Terror – München 72«. ARD, Sonntag, 22. Juli, 21.45 Uhr

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