Es war kurz nach dem 7. Oktober, im Herbst 2023. Der Schriftsteller Maxim Biller stieß in einer Buchhandlung auf einen Reportage- und Essayband, dessen Cover ihn derart anzog, dass er das Buch sofort kaufte. Es war Das weiße Album von Joan Didion. Die amerikanische Journalistin und Schriftstellerin erzählt darin »von Politik, von Gesellschaft eher auf eine assoziative Art«, wie Biller kürzlich in einem Interview sagte. »Das wollte ich auch können und fing sofort an zu schreiben und konnte nicht mehr aufhören, bis ich fertig war. Ein Jahr lang.«
Und so entstand Billers neuestes Buch Schwarze Samstage, dem er den Untertitel »Roman eines Jahres« gab. Ein dunkles Buch, voller Schmerz und Trauer. Wie Didion in ihrem »Weißen Album« erzählt auch Biller keine zusammenhängende Geschichte, sondern setzt einzelne Ereignisse, Menschen und Szenen wie ein Mosaik nebeneinander. Während Didion beschreibt, wie vertraute Ordnungen ins Wanken gerieten, berichtet Biller davon, wie am 7. Oktober und in den Monaten danach eine Welt zerbrach.
Ari, der Held des Romans, ist ein in Prag geborener, seit Jahren in Berlin-Prenzlauer Berg lebender Schriftsteller und Journalist – Maxim Billers Alter Ego. So wie die meisten Juden weltweit lässt auch ihn das Massaker nicht mehr los, das bewaffnete Hamas-Terroristen und Hunderte palästinensischer Zivilisten aus dem Gazastreifen am 7. Oktober 2023 verübten. Ari ist sich gewiss, dass man auch noch in 500 Jahren darüber sprechen wird, »wie an diesem Tag, im Monat Tischri 5784, eine erregte, gesetzlose Menge – Alte, Junge, Männer in Tarnanzügen, Schwache und Starke – versucht hat, das ganze israelische Volk und mit ihm alle Juden zu vernichten, und sich für den Anfang mit zwölfhundert ihrer verstümmelten, verbrannten, geschändeten Leichen zufriedengeben musste«.
Ein Nichtjude, der keinen »Judenknacks« hat, ist in Billers Roman nicht zu finden.
Verzweifelt fragt sich Ari, der wie Biller mehrmals seinen Agnostizismus betont, was »Gott, den die Juden der Welt geschenkt hatten, ihnen mit diesem Schlachtfest sagen« wollte. Ari ist ratlos, enttäuscht von seiner nichtjüdischen Umgebung und am Boden zerstört. »Morbus Gaza«, so die Selbstdiagnose.
2000 Jahre jüdische Geschichte
Vor seinem inneren Auge lässt er die vergangenen 2000 Jahre jüdische Geschichte Revue passieren, von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer über den Judenhass des Christentums bis zur Schoa. Er konstatiert: Dass die Juden »auch nach dem Holocaust, den sie der Menschheit und ihrem eigenen Gott verziehen haben, Juden geblieben sind, ist besonders unerklärlich und seltsam«.
Vor allem für »die Gojim« sei es ein Rätsel – und eine Zumutung. Das ist das Hauptthema des Buches: die Gojim. Die Völker. Die »Barbaren«, wie Biller sie Ari nennen lässt – die Nichtjuden und ihr 3000-jähriger Hass auf Juden, den Ari in der Geschichte der Gojim erkennt und der sich für ihn seit dem 7. Oktober so rasend und weltumspannend zeigt.
»Warum hatte ausgerechnet das epische, nein biblische Blutbad von Simchat Tora 5784 die größte antisemitische Welle der Geschichte ausgelöst, globaler und unerbittlicher als in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts?«, fragt sich Ari. »Wieso rissen Studenten mit Yeezy-Sneakers und Fjällräven-Rucksäcken in New York und Brüssel die Bilder der nach Gaza entführten Israelis mit stummer Wut ab, als wären sie die Verbrecher? Wo blieb das universelle Mitgefühl der Welt, so wie es ein paar Wochen später die Patienten der bombardierten Krankenhäuser von Gaza bekommen sollten? … Warum konnten die Gojim nicht wenigstens in diesem für die Juden historischen Moment … für ein paar Wochen, Monate ihre dunklen Gefühle unter Kontrolle kriegen? Warum waren sie so seltsam, so unmenschlich, so barbarisch?«
Fragen über Fragen. Sie durchziehen Billers Buch, in dem Ari vor allem mit seiner nichtjüdischen Umgebung ringt, von ihr entsetzt ist, an ihr verzweifelt, ja, sich vielleicht auch an ihr abarbeitet. Dass Schwarze Samstage den Dialog zwischen Nichtjuden und Juden fördert, wird wohl niemand behaupten, und es scheint auch kaum die Intention des Autors gewesen zu sein. Ein Nichtjude, der keinen »Judenknacks« hat, ist in Billers Roman nicht zu finden. Dennoch schärft das Buch das Bewusstsein und kann für Leser – auch für nichtjüdische –, die sich darauf einlassen, neue Einsichten eröffnen.
Im Zentrum steht die Frage, warum die Völker der Welt die Juden seit biblischen Zeiten so sehr hassen. Zwischen die Kapitel, in denen Ari von Begegnungen und Begebenheiten in seiner Jugend erzählt, schieben sich essayistische, zum Teil religionshistorische Exkurse, die diese Frage von verschiedenen Seiten beleuchten: Die Juden seien die ersten Menschen gewesen, die die Furcht vor der Natur verloren hätten und verstehen wollten, ob die Geschichte einen Sinn hat
»Wo es das Böse gibt, muss auch das Gute existieren«
Wo Unvernunft ist, müsse auch Vernunft sein, hätten die Juden des Altertums gedacht, und: »Wo es das Böse gibt, muss auch das Gute existieren.« Also hätten sie der Menschheit die Zehn Gebote gebracht. Doch den Barbaren in ihrer Umgebung sei dies ein Dorn im Auge gewesen, sie hätten die Juden als Spaßverderber empfunden und sie deswegen gehasst. Bis heute würden sie diesen Hass mit dem »ewigen Feuer des archaischen Heidenkults« zelebrieren und Juden verbrennen: vom Pogrom in Alexandria im Jahr 38 n.d.Z. über die Scheiterhaufen der Inquisition bis zu den Gaskammern von Auschwitz und ja: bis zu den islamistischen Massakern am 7. Oktober 2023.
Jener schwarze Samstag lässt Ari, den »hoffnungslosen Atheisten«, zu der Erkenntnis kommen: »Wir leben in biblischen Zeiten, immer.«
Maxim Biller hat ein kluges und gewaltiges Buch geschrieben. Mancher Leser wird es als Zumutung empfinden und es beiseitelegen wollen. Doch es lohnt sich, durchzuhalten und es bis zur letzten Seite zu lesen. Denn es endet hoffnungsvoll. Mit einem Ausblick in eine universelle, helle Zukunft.
Maxim Biller: »Schwarze Samstage. Roman eines Jahres«. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 301 S., 24 €
