»Gaga«

Lässig, stark, sexy

Ist die Welt verrückt geworden? Jein. Verrückt war sie schon immer. Vor 30 Jahren ist die Welt aber Gaga geworden. Zumindest in Amerika, in Europa und vor allem in Israel. Dort strömen die Menschen zusammen und machen gemeinsame Sache. Mittendrin steht allerdings ein Gaga-Profi und sagt ihnen, was zu tun ist. Denn auch Gaga-Lehrlinge brauchen ihren Meister.

Deshalb gibt es inzwischen Gaga-Workshops allüberall, bevorzugt bei Festivals. Die einen sind den Profis vorbehalten, die anderen für Laien reserviert, für Kinder wie Greise und Menschen aller Altersstufen dazwischen – Vorkenntnisse nicht erforderlich.

Wahnsinn Bei Gaga, worum es hier geht, aber handelt es sich keineswegs, wie der Name suggeriert, um die erlernbare (und in sich absurde) Methode, den alltäglichen Wahnsinn, der einen umgibt, endlich professionell selbst zu inszenieren. Gaga könnte vielmehr dazu verhelfen, diesen mit allen Sinnen zu erfassen, um ihm besser standhalten zu können. Wenn Gaga aber kein Synonym für Wahnsinn ist, was ist es dann?

Sein Erfinder ist von der heilenden Kraft des Tanzes überzeugt. Also hat Ohad Naharin, seit 1990 Künstlerischer Direktor der Batsheva Dance Company in Tel Aviv, für sich vor genau 30 Jahren nach einer Rückenverletzung eine Bewegungsmethode entwickelt, die er Gaga nannte. Mr. Gaga, so nannten dann die Brüder Tomer und Barak Heymann vor zwei Jahren ihren längst schon kultisch rezipierten Dokumentarfilm über den hochverehrten, von einigen allerdings auch kritisch beäugten Tänzer und Choreografen, der an seiner Schule im Suzanne Dellal Centre im todschick gentrifizierten Neve Tzedek in nahezu 30 Jahren Generationen von begabten Choreografen hervorgebracht hat.

Die Regisseure verwiesen mit dem Filmtitel keinesfalls auf den möglicherweise merkwürdigen Geisteszustand Naharins. Denn unter den Tanzleuten gibt es wohl kaum einen, der das, was er will und tut, exakter analysieren und beschreiben könnte als dieser. Und der nicht nur mit seiner Truppe und seinen Choreografien nun auch mit diesem Training weltweit grandiosen Erfolg hat. Naharin hatte seine Bewegungslehre nur deshalb Gaga genannt, weil es ihn an Babysprech erinnerte und ihm der Klang des Wortes so gefiel.

Athletik Wenn man so will, entdecken Profis wie Laien, Kleinkindern gleich, durch Gaga ihren Körper und ihr Selbst neu. »Stell dir vor, dein Brustkorb ist eine Schachtel, und alle Bewegungen gehen von dieser Schachtel aus. Fühle, wie das Fleisch die Knochen umschließt. Gehe in die Übertreibung hinein«, ermuntert Ohad Naharin einen einzelnen Tänzer. Und dann ist da eine ganze Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern, die sich in einer Variation rhythmischer Sprünge total verausgabt und von Naharin deshalb ermahnt wird: »Tanzt euch nicht die Seele aus dem Leib. Versucht nicht, euren Kopf oder euren Fuß zu finden, versucht, euch selbst zu finden. Cool, cool!«

Naharin möchte Tänzer sehen, die sich selbst zeigen, statt krampfhaft zu versuchen, Kunst zu machen und dabei die eigenen körperlichen Schwächen gewaltsam zu bezwingen. Selbstbewusst, lässig, sexy: also wieder und wieder hoch und vorwärts gesprungen, die Arme geschlenkert, die Hüften geschwungen, bis sie endlich losgelassen sind, bis sie richtig cool und dabei kein bisschen weniger virtuos rüberkommen. Es ist eine Virtuosität der Aufmerksamkeit jenseits der Athletik, basierend auf einem Körpergefühl, das es erlaubt, mit weniger Mitteln mehr zu erreichen. Naharin lenkt die Aufmerksamkeit erst einmal auf kleine Gesten, um sie dann wachsen zu lassen.

Die Aufmerksamkeit, die Wachheit, die seine Tänzer mit Gaga erlangen, befähigt sie, im richtigen Augenblick dynamisch von 0 auf 100 durchzustarten, in konzen­triertem Körperkamikaze gleichsam zu explodieren. Das brauchen sie für Naharins zarte, zeitlupenhafte, gleichzeitig aber immer auch aggressive und hochdynamische und dabei politisch unterfütterte Stücke.

selbstbehauptung Gaga lehrt Tänzer das Bewusstsein für die eigene Aura, den Raum, den sie einnehmen können, ohne andere zu beeinträchtigen. Man kann dies selbst bei den Massen von Laien bei einer Gaga-Klasse beobachten, die gerade mal nicht synchron den Anleitungen des Trainers folgen, sondern jeder, jeder für sich, unabhängig vom jeweiligen Nachbarn den Raum in allen Dimensionen durchmisst, seitlich, nach oben, nach unten, ohne dabei jemanden anzurempeln. Und man ist geneigt, Gaga in diesem Falle als Schule höchst individueller demokratischer Selbstbehauptung zu begreifen. Das allerdings erfordert emotionale und psychische Reife.

Dazu gehört es auch, den Schmerz zu genießen. Denn Tanz ohne Schmerz, den gibt es nicht. Ohad Naharin musste, als er Gaga entwickelte, selbst viel Schmerz überwinden. Nach einer Rückenverletzung suchte er nach einer Methode, seinen Körper effizient aufzutrainieren, oh­ne ihn zu überfordern. Weder der rigide kodifizierte Schulstil des akademischen Balletts noch die physisch ebenso erschöpfende Technik der Tanz-Erneuerin Martha Graham, der die Batsheva Dance Company die existenzielle künstlerische Legitimation bis heute verdankt, schienen ihm dazu geeignet zu sein. Auch weil beide Schulstile ein speziell für einen Rekonvaleszenten erhöhtes Verletzungspotenzial bergen. Stattdessen wurde er zum ersten »Bodybuilder mit einem weichen Rückgrat«, wie er das nennt.

Wer Gaga lernt, lernt seine Grenzen zu erweitern. In Gaga-Studios gibt es keine Spiegel. Untugenden wie Eitelkeit und das Streben nach Anerkennung, die Bühnenkünstlern eigen sind, gilt es abzulegen. Stattdessen ist man angehalten, auf seinen Körper zu hören und seine Schwächen zu erkennen, um daran wachsen zu können. Der Trainingsraum wird zum Ort der Entdeckungen, in dem jeder erst einmal ein unbeschriebenes Blatt auf dem Weg zur Selbsterforschung ist.

fallen Dabei kommt es zu glücklichen, ja euphorischen Momenten, aber auch zu entmutigenden, schmerzhaften. Eine Szene in dem Film Mr. Gaga zeigt Naharin, wie er mit einer Tänzerin das Fallen probt. Einerseits soll sie ihren Kopf nicht sichtbar schützen, andererseits soll sie sich nicht verletzen. Ohad Naharin diktiert ihr nichts, empfiehlt ihr aber, sich einfach sinken zu lassen. Sie muss die Lösung für sich selbst finden. Aber allein dank der Tatsache, dass sie weich wird, sich dem Fall überlässt, dreht sie Kopf und Oberkörper leicht zur Seite und fällt, wie vom großen Meister gewünscht.

Die Szene offenbart auch etwas von der Unerbittlichkeit der Methode Gaga. Denn Selbstbetrug ist ausgeschlossen. Zudem kann sich kein Tänzer in den Kodex eines Schulstils oder eine Rolleninterpretation samt falschem Pathos retten. Was Naharins Tänzer auszeichnet, sind ihre Persönlichkeit und das Wissen, dass sie an ihrer Wachsamkeit, Kraft und Ausdauer arbeiten müssen. Gaga-Tänzer sind hochtrainiert, stark und energetisch gerade wegen ihres empfindsamen Rückgrats.

Sie unterscheiden sich auch deshalb vom Gros all jener Tänzer, die hierzulande, unter der Zusammenfassung zeitgenössischer Tanz firmierend, nicht selten bewusstlos über den Tanzteppich schlackern. Diese hat man schon vergessen, während sie noch auf der Bühne sind. Ohad Naharins Truppe aber bewahrt man für immer vor dem inneren Auge. Zum Beispiel die Tänzerin in Turnschuhen und blitzblauem Kleid, die in Ohad Naharins aktueller gefeierter Choreografie Last Work für die Dauer des gesamten Stücks abseits des sonstigen Tanzgeschehens auf der Stelle läuft.

Ein Bild grässlicher Vergeblichkeit als Allegorie ihres Landes, wie es nur einem gelingt: Ohad Naharin, genannt Mr. Gaga.

Die Autorin ist Tanz- und Ballettredakteurin der »Süddeutschen Zeitung«.

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