Debüt

Katharsis und Triumph

Agnieszka Lessmann ist in Polen, Israel und Deutschland aufgewachsen. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Köln. Foto: Annette Mueck

Debüt

Katharsis und Triumph

Agnieszka Lessmann erzählt in ihrem Roman über transgenerationales Trauma und das Gefühl des Ausgegrenztseins, aber auch von einer jungen Frau, die sich selbst wiederfindet

von Sara Klatt  02.11.2025 10:26 Uhr

»Das Schweigen ist ein mächtiger Zauberer«, versteht die kindliche Protagonistin aus Agnieszka Lessmanns Roman Aga schon früh, während sie die Welt um sich herum zu verstehen versucht.

Aga hat viele Namen: einen polnischen, einen hebräischen und einen deutschen. Als Agnieszka wurde sie geboren. Agnieszka verließ Polen mit ihrer Familie infolge der antisemitischen Stimmungsmache während der März-Unruhen 1968. Mit dem Zug fuhren sie nach Wien, Männer in Uniformen zerrissen im Zug ihren Mantel. Agnieszka wird sich später nicht daran erinnern.

Auf der Überfahrt nach Haifa wird Agnieszka zu Ilana

Die Familie wandert nach Israel aus, auf der Überfahrt nach Haifa wird Agnieszka zu Ilana. Die Großtante in Tel Aviv näht ihr aus dem zerrissenen Mantel einen Teddy. Auch an Israel wird sie später nicht viele Erinnerungen haben.

Die Familie emigriert erneut, diesmal nach Deutschland. Der Teddy darf bei der Überfahrt auf der Reling sitzen, während Aga und ihr Vater kleine Schiffchen aus Papier falten und sie ins Meer werfen. Sie schauen zurück auf das Land, das ihnen nicht zur neuen Heimat wurde. Ausgerechnet nach Deutschland gehen sie, in Deutschland, da sind die Mörder, hat ihr Freund Pawel aus dem israelischen Kindergarten gesagt. Nun wird sie selbst zur Deutschen. In der deutschen Schule nennt sie sich Agnes.

Lessmanns Romanfigur Aga durchlebt schon früh verschiedene Transformationen. Sie wechselt Länder, Kontinente und Namen, wird jedoch stets vom Schweigen der Erwachsenen und ihren diffusen Handlungen begleitet. Alle Menschen, denen sie begegnet, tragen eine geheimnisvolle Aura von Trauma mit sich, die sich insbesondere zwischen den Zeilen, in dem, was nicht gesagt wird, manifestiert.

»Kinder sind Seismografen«, schreibt die Autorin

Da ist zum Beispiel Lydia, die Tochter von Freunden, in der Aga eine Spielkameradin sieht. Lydias Eltern haben Berlin befreit, weiß Aga. Sie waren bei den Partisanen.

Dass da noch eine Schwester ist, die im Warschauer Ghetto zurückblieb, liegt in der Vergangenheit der Erwachsenen, aus der nur Fetzen in die Gegenwart zu ihr vordringen. Lydia begegnet dieser Schwester nur im Schweigen der Erwachsenen. »Kinder sind Seismografen«, schreibt Lessmann. »Sie wissen nicht und verstehen nicht, dafür spüren sie.«

Die gefallenen Erwachsenen in Lessmanns Roman halten trotz ihrer eigenen Geister die Kinderwelt von Aga zusammen. Es eint sie der Wunsch nach einem besseren Leben: »Herr Fuks, der in Polen ein medizinisches Institut geleitet hatte und jetzt wieder als Zahnarzt arbeitete, Adam, der Solist an der Warschauer Oper gewesen war und jetzt kurzfristigen Engagements hinterherreiste, Lydia, die ihre polnische Matura mit Bestnoten bestanden hatte und jetzt noch einmal für das deutsche Abitur büffelte, und mein Vater, der bei seiner Tageszeitung Ressortleiter gewesen war und jetzt Taxi fuhr.«

Partisaninnen und Prinzessinnen suchen nach Mördern

Während die Erwachsenen versuchen, im »Land der Mörder« die Scherben ihrer Vergangenheit wieder zusammenzusetzen, werden Aga und ihre Freundin Sara im verwunschenen Garten des Hauses zu Partisaninnen und Prinzessinnen. Sie suchen nach den Mördern, sie jagen sie in ihrer kindlichen Fantasie, und der Kommissar Erik, den sie im Fernsehen kennenlernen, hilft ihnen dabei. Er wird zu einem treuen Verbündeten, zu einem Begleiter in diesem sonderbaren Land des Schweigens. Und dann geschieht tatsächlich ein Mord, und alles gerät aus den Fugen.

»Die Dinge passen nie zusammen. Sie geschehen, wie sie nie geschehen dürfen«, schreibt Agnieszka Lessmann. Es lässt sich erahnen, dass der Roman einiges an Vertrautem und Erlebtem enthält. Wie ihre Romanfigur ist sie in Polen, Israel und Deutschland aufgewachsen.

Dennoch ist es Lessmanns literarisches Schreiben, das von einem tiefen Verständnis der Gedankenwelt ihrer Protagonistin zeugt, die sie zärtlich an die Hand nimmt, durch das feindliche Land führt, straucheln lässt, aber auch dafür sorgt, dass sie in den Traumata der Erwachsenen nicht ertrinkt. Behutsam lässt sie Aga erwachsen werden, nach der eigenen Vergangenheit suchen, Erklärungen in der Gegenwart finden.

Niemand hasste Juden. Niemand sprach darüber. Niemand sagte das Wort »Jude«.

Den Umgang mit Traumata beschreibt sie wie das Anzünden einer Kerze: »Es macht nichts, wenn der Luftzug sie wieder ausbläst. Du musst sie einfach noch mal anzünden. Immer und immer wieder. Und wenn du dein Leben mit nichts anderem verbringst.«

Agas Weg der Adoleszenz ist stellvertretend für das Empfinden vieler Juden und Jüdinnen der Zweiten Generation in Nachkriegsdeutschland. »Antisemitismus gab es nicht«, schreibt Lessmann. »Antisemitismus gehörte in die Geschichtsbücher des zehnten Schuljahrs. Niemand hasste Juden. Niemand sprach darüber. Niemand sagte das Wort ›Jude‹. Es waren Menschen ›mosaischen Glaubens‹, allenfalls noch ›jüdischer Herkunft‹.«

Aga ist unsichtbar. Dennoch will sie dazugehören

Aga ist unsichtbar. Dennoch will sie dazugehören, sie sucht nach Normalität in der sie umgebenden Irritation und fasst immer wieder Vertrauen: Ihrer Freundin Britta erzählt sie von ihrem jüdischen Familienhintergrund und der Lehrerin Frau Wohlfahrt von ihren Gedichten.

Doch auch Brittas Großeltern waren überzeugte Nazis, und Frau Wohlfahrt besuchte den »Bund Deutscher Mädel«, den BDM – natürlich nur wegen der schönen Lagerfeuer. Letztendlich bleiben sie ihr fremd, und Aga sucht weiter.

Agnieszka Lessmanns Debütroman ist eine Erzählung über transgenerationales Trauma und eine Liebesgeschichte. Er handelt von Schmerz, dem Gefühl des Ausgegrenztseins, aber auch von der Katharsis und dem Triumph einer jungen Frau, die sich letztendlich wiederfindet.

Agnieszka Lessmann: »Aga«. Gans, Berlin 2025, 242 S., 24 €

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Die amerikanische Schriftstellerin Holly-Jane Rahlens schreibt über Freundschaft in der Berliner Nachkriegszeit

von Katrin Diehl  12.10.2026

Slata Roschal

Der Autor ist tot

Sie las beim Bachmannpreis und verließ den Saal – in ihrem neuen Roman rechnet sie mit dem Literaturbetrieb ab

von Frank Keil  12.10.2026

Boris Schumatsky

Geografie der Entwurzelung

Der Berliner Schriftsteller erzählt von seiner Mutter, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und vom Verlust jeglichen Halts bei Paul Celan

von Alexander Kluy  12.10.2026

Sachbuch

Treffpunkt der Egomanen

Christian Buckard erzählt die Geschichte des legendären »Romanischen Cafés« und seiner jüdischen Bohème

von Leon Stork  12.10.2026

Tomer Gardi

Auf der Spur der Fahrradkuriere

Der israelische Autor verfolgt in seinem neuen Roman Lieferketten – und widmet sich den Menschen, die per App gerufen werden

von Sophie Albers Ben Chamo  12.10.2026

Sachbuch

Jerusalem für Anfänger

Geht es um die Gegenwart, verliert sich Dietmar Pieper in Tagespolitik

von Ralf Balke  12.10.2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026