Lehre

Karma und Endlösung

Madonna tut es! Sting tut es! Der Nachbar tut es! Yoga ist angesagt. Vor allem in Großstädten schießen die Yoga-Studios wie Pilze aus dem Boden. »In diesem Spektrum geht es um das reine Abturnen von Haltungen, ohne den Hintergrund und ohne die Essenz des Yoga«, beklagt der Berliner Yogalehrer Mathias Tietke. In der Szene gebe es viel Scharlatanerie, ohne die Absicht, sich ernsthaft mit der altindischen Philosophie auseinanderzusetzen.

Zum Initialerlebnis seiner Kritik wurde für Tietke die Begegnung mit einer Yoga-Dozentin. »Ich habe da von ihr zu hören bekommen, ich müsse nur lange genug meditieren, um anzuerkennen, dass es das Karma der Juden war, vernichtet zu werden«, erinnert sich Tietke. Der damalige Yogaschüler war schockiert. Er wollte wissen, inwieweit Yoga auch missbraucht werden kann, und fing an, in den Archiven zu forschen. Die Geschichte des Yoga im Westen wurde für ihn zur Entdeckungstour.

Zu Beginn des Yoga in Deutschland vor gut 200 Jahren wurde das körperbetonte Hatha-Yoga, wie es heute vorwiegend gelehrt wird, geradezu abgelehnt. Es zählte allein die rein geistig-philosophische Ebene, das Raja-, das Königs-Yoga. »Yoga leitet sich ab von Joch – es geht darum, dass man die Kräfte bündelt, fokussiert, auf ein Ziel konzentriert«, weiß Tietke.

Gewissen Schopenhauer, Nietzsche, August Wilhelm Schlegel, Novalis, bis hin zu den Theosophen und Anthroposophen, nahmen Yoga als reine Geistesbildung begeistert auf. Die Körperverrenkungen überließen sie lieber indischen Fakiren, die auf Jahrmärkten oder im Zirkus auftraten. Die größte Überraschung für Tietke aber war, dass Yoga im Dritten Reich alles andere als verboten war.

So betrieb der Russe Boris Sacharow seit 1937 als einer der Ersten mitten in Berlin sein »Yoga-Zentrum«. Bis zu seiner Ausbombung 1943 hatte seine Yogaschule mehr als 100 Schüler. Seine Lehrbriefe wurden in mehr als 50 deutsche Städte versandt. Sacharow hielt auch Vorträge zusammen mit dem Tübinger Professor Jakob Wilhelm Hauer, der die Verbindung von Yoga und Nationalsozialismus suchte. Hauer lobte das Ideal des furcht- und emotionslosen Kriegers. Er fand eine indo-arische Metaphysik des Kampfes, die die deutschen Männer nachahmen sollten.

Aber schon weit vor der Nazi-Zeit war vielen Yoga-Rezipienten die Ablehnung alles Jüdischen gemeinsam. »Schopenhauer wird zwar heute noch gerne damit zitiert, dass die Upanishaden Balsam für seine Seele waren. Aber zitiert wird eben nicht der davor stehende Satz, dass damit endlich diese ganze alte jüdische Litanei abgelegt werden könne«, sagt Tietke.

»Das findet man auch bei Nietzsche, bei Houston Stewart Chamberlain, von dem Hitler sehr beeinflusst war, oder bei Alfred Rosenberg. Sie alle waren überzeugt, dass in den alten Schriften, den Rigveda, den Vedanta, der Bagavad Gita das steht, was den Übermenschen und die arische Rasse ausmacht.«

Kriegerethik So wie Gott Krishna den Krieger Arjuna von all seinen Gewissensbissen befreit und ihn zum gefühllosen Töten selbst seiner Verwandten auf dem Schlachtfeld bringt, so sollte sich die Kriegerethik der altindischen Kshatriya-Kaste auf den Schlachtfeldern Europas erneut bewähren. Bekanntester Bagavad Gita-Leser war SS-Reichsführer Heinrich Himmler.

»Himmler hat dem finnischen Physiotherapeuten Felix Kersten offenbart, dass ihm das vierte Kapitel aus der Bagavad Gita sehr gefiel: Handle, aber hänge dich nicht an die Tat, töte, aber bleib dabei völlig gelassen. Das kam Himmler als Gewissensentlastung sehr zupass«, weiß Tietke aus den Aufzeichnungen Felix Kerstens.

Himmler hatte die Taschenbuchausgabe der Bagavad Gita ständig bei sich. Nationalsozialismus und Yoga ließen sich für ihn zu einer Art neuer arischer Religion verbinden. Der SS-Führer träumte sogar davon, nach dem Krieg alle Nazigrößen zu verpflichten, sich in Meditations-Retreats bei Buttermilch und Schwarzbrot mit der Lektüre der Bagavad Gita und mit Yoga zu befassen.

Schattenseiten Goebbels, Göring und Himmler im Lotussitz vereint? Eine Vorstellung, die den meisten Lehrenden und Übenden in der heutigen Yogaszene absurd scheint. Mathias Tietke wurde von Kollegen davor gewarnt, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Schließlich läuft das Geschäft mit Yoga seit Jahren hervorragend, da will man sich das positive Image nicht trüben lassen. Doch man dürfe den Blick nicht davor verschließen, dass Yoga auch seine Schattenseiten habe, glaubt Tietke.

Nicht nur, dass extremistische Hindu-Nationalisten sich bis heute bei ihren Gewaltexzessen auf die Kriegerethik der Bagavad Gita stützen – Tietke erlebt auch hierzulande weiterhin den Missbrauch. Wer die Schoa damit erkläre, dass die Juden zu viel schlechtes Karma angehäuft hätten, so Tietke, der habe den Kern der altindischen Philosophie, die im Grunde auf Frieden und Gewaltlosigkeit hin ausgerichtet sei, nicht verstanden.

Mathias Tietke: »Yoga im Nationalsozialismus. Konzepte, Kontraste, Konsequenzen«. Ludwig, Kiel 2011, 220 S., 24,90 €

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Die amerikanische Schriftstellerin Holly-Jane Rahlens schreibt über Freundschaft in der Berliner Nachkriegszeit

von Katrin Diehl  12.10.2026

Slata Roschal

Der Autor ist tot

Sie las beim Bachmannpreis und verließ den Saal – in ihrem neuen Roman rechnet sie mit dem Literaturbetrieb ab

von Frank Keil  12.10.2026

Boris Schumatsky

Geografie der Entwurzelung

Der Berliner Schriftsteller erzählt von seiner Mutter, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und vom Verlust jeglichen Halts bei Paul Celan

von Alexander Kluy  12.10.2026

Sachbuch

Treffpunkt der Egomanen

Christian Buckard erzählt die Geschichte des legendären »Romanischen Cafés« und seiner jüdischen Bohème

von Leon Stork  12.10.2026

Tomer Gardi

Auf der Spur der Fahrradkuriere

Der israelische Autor verfolgt in seinem neuen Roman Lieferketten – und widmet sich den Menschen, die per App gerufen werden

von Sophie Albers Ben Chamo  12.10.2026

Sachbuch

Jerusalem für Anfänger

Geht es um die Gegenwart, verliert sich Dietmar Pieper in Tagespolitik

von Ralf Balke  12.10.2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026