Debatte

Jüdische Stiftung, deutscher Mob?

Das Kreuzberger Grundstück ohne »Lab« Foto: dpa

Debatte

Jüdische Stiftung, deutscher Mob?

In Berlin wird über den Rückzug des »BMW Guggenheim Lab« wegen angeblicher Drohungen gestritten

von André Anchuelo  27.03.2012 07:07 Uhr

»Aufgrund der hohen Gefährdungseinstufung seitens Polizei und lokaler Behörden hat die Solomon R. Guggenheim Foundation entschieden, das BMW Guggenheim Lab nicht am ursprünglich vorgesehenen Standort im Berliner Stadtteil Kreuzberg stattfinden zu lassen.« Seit die New Yorker Stiftung vergangene Woche mit dieser Mitteilung die Öffentlichkeit überraschte, wird heftig über die Entscheidung debattiert.

Worum geht es bei dem Streit? Das »BMW Guggenheim Lab«, das die Guggenheim-Stiftung – 1937 vom amerikanischen Kunstmäzen Solomon R. Guggenheim gegründet – zusammen mit dem bayerischen Autokonzern veranstaltet, ist als mobiles Forschungslabor für Vorträge, Veranstaltungen und Ausstellungen über die »Zukunft des Lebens in der Stadt« konzipiert. Im Herbst startete es in New York, am 24. Mai wollte Guggenheim in Berlin seine Zelte aufschlagen.

Brache Doch ob das »Lab« wirklich in Berlin Station macht, ist jetzt fraglich. Als Standort hatten sich die Veranstalter eine Brachfläche in Kreuzberg im umstrittenen »Mediaspree«-Entwicklungsgebiet ausgeguckt. Als Anfang März das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, protestierten örtliche Mietergruppen und Aktivisten. Sie kritisieren das Projekt als Beispiel und Motor für Gentrifizierungsprozesse, also die Verdrängung sozial schwacher Mieter, und haben Vorbehalte gegen den Autohersteller.

In der Guggenheim-Pressemitteilung ist die Rede von »Drohungen gegen das Projekt«. Man könne »das Risiko gewalttätiger Übergriffe nicht eingehen«, hieß es, die Stiftung müsse »in erster Linie die Sicherheit der Mitarbeiter und Teilnehmer« gewährleisten. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sah ein »renommiertes Zukunftsprojekt« durch »plumpe Drohungen« zum Rückzug gezwungen, Innensenator Frank Henkel (CDU) bezeichnete die Kritiker als »Chaoten«, die ein »Standortrisiko für Berlin« seien.

Im »Tagesspiegel« hieß es: »Zum ersten Mal kapituliert ein renommiertes Projekt vor den Protesten von Linksextremisten.« Alan Posener kommentierte in der »Welt«: »Sich gegen einen johlenden deutschen Mob zu wehren, danach stand der jüdischen Stiftung nicht der Sinn.« Ulf Poschardt sah gar »linke Blockwarte« am Werk, die sich »Nazi-Methoden« bedienten.

Kritik Die Kritiker hingegen dementierten, sie hätten zu Gewalt aufgerufen. Der Sprecher des Landeskriminalamtes betonte, bei einer »Gefährdungsbewertung« sei man lediglich auf »diverse(n) Websites« mit in »recht scharfen Worten« formulierter Kritik gestoßen. Angriffe gegen Personen seien nicht zu befürchten, man halte es aber für wahrscheinlich, dass es zu Sachbeschädigungen und Störungen komme.

Tatsächlich richteten sich die Proteste vor allem gegen BMW. Wolle der Autokonzern sein Image verbessern, postulieren die Kritiker, solle er sich endlich seiner Geschichte von Zwangsarbeit und Arisierung stellen und die Gewerkschaftskritik am Einsatz von Leiharbeitern ernst nehmen.

Der Journalist Hajo Schumacher versteht die Proteste: »Die Menschen müssen nicht jeden Firlefanz mitmachen, den sich berlinbesoffene Immobilien-, Marketing- und Wachstumsstrategen ausdenken.« »Freitag«-Herausgeber Jakob Augstein beglückwünschte die Protestierenden: »Sie haben verhindert, dass ein unwürdiges Theater in ihrem Bezirk eine Bühne findet.« Grüne, Linke und Piraten wollen im Abgeordnetenhaus über den genauen Inhalt der polizeilichen Gefahreneinschätzung diskutieren. Klaus Wowereit bemüht sich derweil um Alternativstandorte in anderen Bezirken.

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Musik

Mike D in Berlin: Ein Beastie Boy meldet sich zurück

Das Berliner Säälchen am Holzmarkt wird zur Kulisse des einzigen Deutschland-Konzerts des »Beastie Boys« Mike D. Hunderte Fans sind begeisterte Zeugen des überraschenden Comebacks ihres Idols

 12.06.2026

Weltmeisterschaft

Die Kraft des Gemeinsamen

Vom Hoffen, Mitfiebern und Leiden: Eine Liebeserklärung an die Macht und die Möglichkeiten des Fußballs

von Awi Blumenfeld  11.06.2026

Kulturfest

Jüdische Woche in Leipzig

70 Leipziger Institutionen und Vereine gestalten ein Programm zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Erwartet werden internationale Gäste

 11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026

Hass auf der Bühne

»Hofnarr der Hamas«: Kritik an Auftritt von Bassem Youssef in Berlin

Der amerikanisch-ägyptische Comedian relativiert die Hamas-Verbrechen vom 7. Oktober und verbreitet Verschwörungsmythen über Israel. Nun werden Forderungen nach einer Absage seiner Vorstellung im Tempodrom laut

von Imanuel Marcus  11.06.2026 Aktualisiert

Festival in Köln

»Shalom-Musik.Koeln« 2026 bringt jüdische Musik in die ganze Stadt

Avi Avital, Sharon Brauner, Omer Klein und Bar Zemach sind nur vier der vielen Künstler, deren Performances auf dem Programm stehen

 11.06.2026

Hollywood

Hasswelle gegen Gwyneth Paltrow wegen Israel-Werbung

Die Datstellerin mit jüdischem Familienhintergrund ist das Werbegesicht für das israelische Luxusbauprojekt 51 Park in Herzliya. Die Quittung: Sie wird online als »genocide queen« beschimpft

 11.06.2026