Haus der Kulturen der Welt

»Ich habe die BDS-Bewegung nicht unterstützt«

Zählt zu den Unterstützern der »Initiative GG 5.3. Weltoffenheit« führender Kulturrepräsentanten, die sich gegen den BDS-Bundestagsbeschluss gewandt hatte: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung Foto: picture alliance/dpa

Der künftige Intendant des Hauses der Kulturen der Welt (HKW), Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, sieht sich zu Unrecht in die Nähe der laut Deutschem Bundestag in Zielen Handlungen antisemitischen BDS-Bewegung gerückt.

»Ich habe die BDS-Bewegung nicht unterstützt und unterstütze sie auch heute nicht. Ich stehe dem BDS nicht nah«, sagte Ndikung am Dienstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. »Es gehört zu meinen Prinzipien, niemanden wegen seiner Herkunft, Religion oder Staatsbürgerschaft auszugrenzen.«

Ndikung verwies auf seine kuratorische Arbeit, mit der er sowohl israelische wie jüdische Künstlerinnen und Künstler, aber auch palästinensische, lateinamerikanische, asiatische und afrikanische sowie diasporische Künstlerinnen und Künstler gefördert habe.

Ndikung zählt auch zu den Unterstützern der viel kritisierten »Initiative GG 5.3. Weltoffenheit« führender Kulturrepräsentanten, die sich gegen den BDS-Bundestagsbeschluss gewandt hatte. »Die Initiative lehnt zuvorderst den Boykott Israels durch den BDS ab«, erläuterte Ndikung. »Sie wendet sich ebenfalls gegen die missbräuchliche Verwendung von Antisemitismusvorwürfen. Diese Punkte teile ich.«

Ein Facebook-Posting von 2014 bedauert er im Nachhinein. Nach einem israelischen Angriff auf eine UN-Schule in einem Flüchtlingslager in Gaza mit 15 Toten hatte Ndikung geschrieben: »They will pay a million fold for every drop of blood in GAZA! Palestine shall be free... come rain or shine!« (etwa: Sie werden für jeden Tropfen Blut in Gaza millionenfach bezahlen! Palestina wird frei sein... komme, was wolle!).

»Trotz des Schmerzes, den ich fühlte, würde ich das heute so nicht mehr schreiben«, sagte Ndikung. »Ich kann die Vergangenheit aber nicht löschen. Teil meiner Arbeit als Intendant des HKW wird es sein, gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit, und für Solidarität einzutreten.«

Ndikung verwies darauf, das »They« (für: Sie) seien die Angreifenden und gleichzeitig die Leidtragenden – egal auf welcher Seite. Millionen Menschen wollten in der Region in Frieden leben – ihnen werde diese Hoffnung immer wieder verwehrt.

»Keine Seite kann ein Interesse daran haben, wenn auf Jahre keine Perspektive auf Frieden besteht«, sagte Ndikung. »Seitdem ich denken kann, fließt in Israel und Palästina Blut von unschuldigen Menschen; vor allem von Zivilisten, die unheimlich leiden.« Er habe mit diesem Satz angeblich den Teufelskreis aus Gewalt und Gegengewalt beschreiben wollen, der sich stetig potenziert. »Es gibt keine Gewinner in diesem Konflikt.«

Er verwies auf persönliche Erfahrungen mit den Folgen von politischen Unruhen und Krieg in seiner Heimat Kamerun. »Deswegen nehmen mich Bilder von kriegerischen Konflikten persönlich mit«, sagte Ndikung. Er merke heute, dass es vor allem ein emotionaler Moment war, in dem er das Posting schrieb.

»Kunst und Kunstveranstaltungen müssen Orte des Austauschs, nicht des Ausschlusses sein«, sagte der 45-Jährige. Es gehe um Orte, an denen diskutiert werde, Stimmen hörbar gemacht werden und Menschenverachtung keinen Platz habe. »Wir brauchen eine Debattenkultur, in der gegenseitige Positionen sich nicht aus dem Weg gehen, sondern sich begegnen können. Nur so können wir voneinander lernen und nur so können wir eine bessere Welt aufbauen.«

Der aus Kamerun stammende Kurator und Kulturmanager wird im Januar Nachfolger des bisherigen Intendanten Bernd Scherer, der seinerseits ebenfalls die Initiative Weltoffenheit unterstützt hatte.

Der promovierte Biotechnologe Ndikung lehrt an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin, ist Mitherausgeber zahlreicher Publikationen zu Kulturkritik und Ausstellungstheorie und war 2015 Mitglied im Kuratorenteam der documenta 14 in Kassel und Athen. In Berlin, wo er studierte und nach einer Station in Frankreich auch wieder lebt, leitet er zudem den Kunstraum Savvy Contemporary.

Kunst lebe von der Kritik, er freue sich darauf, wenn man sich mit seiner künstlerischen Leitung des HKW auseinandersetzen werde. »Manchen scheint es aber um etwas anderes zu gehen«, sagte Ndikung. »Jeder weiß, dass ich den BDS nicht unterstütze. Jeder weiß, dass ich das Existenzrecht Israels anerkenne, mehr noch: Es ist für mich nicht verhandelbar. Trotzdem werden gegenteilige Verdächtigungen geäußert.«

Er frage sich natürlich warum. Als einer der ersten Afrikaner werde er eine wichtige Institution in Deutschland leiten. »Meine Arbeit und die meines Teams werden deshalb besonders unter Beobachtung stehen«, sagte Ndikung. »Ich wünsche mir, dass die Beurteilung der Arbeit vorurteilsfrei stattfindet.« Es sei aber nicht das erste Mal, dass er sich als Schwarzer in Deutschland mit Vorurteilen und Alltagsrassismus konfrontiert sehe.

»Es ist klar, dass ich auch und gerade als Intendant des HKW auf dem Boden des Grundgesetzes handeln werde«, sagte Ndikung. »Gerade weil meine Familie aus einem Land kommt, das Diskriminierung, Rassismus und Bürgerkrieg erlebt hat, trete ich ganz besonders für Frieden und Aussöhnung ein.«

Das Haus der Kulturen der Welt ist als Bundeseinrichtung Teil der Gesellschaft, die auch die Internationalen Filmfestspiele Berlin und die Berliner Festspiele mit dem Martin-Gropius-Bau trägt. dpa/ja

Julia Franck

»Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt«

Die Schriftstellerin über ihre literarische Biografie der Jüdin Baladine Klossowska und den Dichter Rainer Maria Rilke

von Knut Elstermann  11.10.2026

Aufgegabelt

Rote Bete mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 11.10.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Texten der Jüdischen Allgemeinen

 10.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026