Jubiläum

Hugo Egon Balder wird 75

Der jüdische Fernsehstar Hugo Egon Balder Foto: picture alliance/dpa

Hugo Egon Balder hat mal, es ist viele Jahre her, mit Walter Giller gedreht, einem der großen Stars des deutschen Nachkriegsfilms. Balder erinnert sich gut daran, es war die Zeit, als man ihn als »Titten-Balder« und »Herr der Möpse« titulierte, weil er die skurrile Erotik-Spielshow »Tutti Frutti« moderiert hatte. Manch einer wäre daran womöglich verzweifelt oder mindestens ausgewandert.

Walter Giller aber sah das anders, so erinnert sich Balder. »Der sagte zu mir, dass er mich beneide.« Wieso das denn? »Du kannst jetzt machen, was du willst. Die halten dich doch eh alle für bescheuert.«

Im Rückblick mag man dem weisen Charaktermimen recht geben. Die Karriere von Balder war mit »Tutti Frutti« (1990–1992) keineswegs zu Ende, sondern begann eigentlich erst so richtig. Wie kaum ein anderer steht er heute für anarchische TV-Unterhaltung. Am 22. März feiert er seinen 75. Geburtstag.

Schluss mit dem Qualmen

Es gehe ihm aktuell eigentlich besser als noch vor fünf Jahren zu seinem 70., sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Im August hat Balder das Rauchen aufgegeben. Auslöser sei gewesen, dass seine Frau ihn gefragt habe, ob er nicht mal mit dem Husten aufhören könne. Dann sei Schluss gewesen mit dem Qualmen – nach 62 Jahren. »Von einer Sekunde auf die andere«, sagt er.

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Balder ist generell ganz gut darin, Dinge abzuhaken. Eines seiner Lieblingswörter ist »wurscht«, denn »wurscht« ist ihm sehr viel. Geht eine Tür zu, öffnet sich eine andere. Auch deshalb kann man einige Zeit damit zubringen, die Verästelungen seiner Karriere nachzuvollziehen. Geboren wurde er in West-Berlin. Er glaubt, seinen Humor womöglich vom Vater Egon Friedrich geerbt zu haben, der Textilkaufmann war.

Balders Mutter Gerda überlebte mit ihrer Mutter Johanne Schure und ihrem ersten Sohn Peter das KZ Theresienstadt. Ihr erster Ehemann wurde in Auschwitz ermordet.

»Sie magersüchtiges Frettchen«

Balder wurde Schauspieler, Musiker, Mitgründer eine Rockband, Moderator, Kabarettist, Produzent und Teilhaber einer Kneipe in Hamburg, seinem heutigen Lebensmittelpunkt nach vielen Jahren in Köln. Zudem sang er einen Schlager über ein Strumpfband (»Elvira, hol’ dein Strumpfband ab, ich schlaf’ nicht mehr mit dir. Und nimm auch deine Mutter mit, was soll die denn bei mir?«).

»Es gab nie einen Masterplan«, sagt Balder dazu. »Als ich ganz jung war, wollte ich unbedingt Pianist werden, weil ich dachte, ich sei der beste Musiker aller Zeiten. Dann war ich am Schiller-Theater und wollte der größte Charakterschauspieler aller Zeiten werden.« Bei Radio Luxemburg, bei dem er von 1979 an moderierte, lernte er, kommerziell zu arbeiten und Leute zu unterhalten. »Dabei ist es dann geblieben und an sich will ich das bis heute«, sagt er.

1988 startete bei RTL »Alles Nichts Oder?!«, ein großer Quatsch mit Dauerzickereien zwischen Balder und Hella von Sinnen (66) (»Sie magersüchtiges Frettchen«, sagte sie; »Sie fette Schnecke«, sagte er), bei dem Torten flogen. Es folgten etliche andere Shows. Balders beste Idee war wohl »Genial daneben«, das 2003 bei Sat.1 begann. Komiker rätseln darin über kuriose Fragen - und trotzen damit vielen Veränderungen im TV-Markt. Erst 2023 feierte die Show wieder ein Comeback, nun bei RTLzwei.

Pures Chaos

Dass er mal eine Show abgesagt und sich im Nachhinein geärgert hätte? Damit kann Balder nicht dienen. Eher sei es andersherum gewesen: Er habe sich zu Shows überreden lassen, von denen er geahnt habe, dass sie unter keinem guten Stern stehen. Unter anderem präsentierte er einmal eine Sendung, in der Prominente in einer Art Real-Variante des Spiel »Schiffe versenken« durchexerzierten. »Das Boot von Guido Cantz ist glaub’ ich bis zum Schluss nicht untergegangen«, sagt Balder. »Es war das pure Chaos.«

Klagen, dass früher ja alles besser war, wird man von Balder nicht hören. Er sieht die Sache pragmatisch: Is‘ halt so. Etwa, dass heute in der Unterhaltungsbranche ein doch eher puritanischer Ansatz gilt. »Heute ist es so, dass man sich in 90 Prozent der Fälle nach einer Produktion recht schnell trennt. Fast alle gehen nach Hause«, erzählt er. »Früher war das anders. Da saßen wir lange an einer Hotelbar und da floss auch einiges.« Ob das nun gut oder schlecht sei? Antwort: »Das weiß ich nicht. Es ist halt so.«

Erklärte Spielregeln

Was er auch nicht so richtig weiß ist, ob »Genial daneben« wirklich seine letzte Fernsehshow sein wird. »Ich denke mir natürlich: Was soll mit 75 Jahren noch Neues kommen?«, sagt er dazu. »Aber auf der anderen Seite weiß man es ja nie.« Herumsitzen ist jedenfalls nichts für ihn.

Aktuell ist Balder daher mit einem eigenen Bühnenprogramm unterwegs. Es trägt den Titel »Erzählt es bloss nicht weiter!!«. Es enthält viel Biografisches. Unter anderem erklärt er auch die Spiel-Regeln von »Tutti Frutti«, die einst niemand verstand. Irgendwie ging es um »Länderpunkte«.

»Ich glaube, nachdem ich das erklärt habe, versteht es auch keiner«, sagt Balder. »Aber ist ja wurscht.« Walter Giller würde es sicherlich gefallen.

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