Musik

»Heimat ist ein jüdisches Thema«

Verwendet die Sprachmelodien von Meret Becker, Jelena Kuljic und Clueso: Paul Brody Foto: Elena Graupe

Herr Brody, als Trompeter haben Sie mit Klezmer-Avantgardisten wie Frank London und John Zorn gearbeitet. Auf Ihrem neuen Album »Hinter allen Worten« präsentieren Sie jetzt Gedichte von Rose Ausländer. Wie sind Sie darauf gekommen?
Vor Jahren habe ich für einen Liederabend am Deutschen Theater Berlin mehrere Gedichte von Rose Ausländer vertont. Ihre Verse haben mich tief berührt. Sie waren einfach, hatten viel Fantasie und einen schrägen Humor. Doch am wichtigsten: Sie haben die Frage nach Heimat und Identität gestellt. Ein Großteil jüdischen Denkens dreht sich genau um diese beiden Begriffe.

Wie war es für Sie als Amerikaner, mit deutschen Texten zu arbeiten?
Nach 20 Jahren in Deutschland wollte ich ein Album mit deutschen Texten produzieren. Nicht in der eigenen Sprache zu singen führt letztlich zu einer höheren Qualität der Musik. Es gibt ja nicht nur die Musikalität des Gedichts, sondern auch die Musik der Töne und die Musikalität der Stimme. Zudem, wenn jemand eine Sprache mit einem Akzent singt, dann implantiert er die Melodie und die Kultur seiner Heimat in die Gedichte.

Sie haben auch eigene Texte beigesteuert.

Es gibt einen Song mit dem Titel »The Road«, der in Form und Gefühl von einem Ausländer-Gedicht inspiriert wurde. Auch »I Wander« ist aus meiner Hand. Dort heißt es »Zwischen dem Lied und dem gesprochenen Wort finden wir unsere Heimat ...«. Es geht um Heimat und die Suche nach deinem Claim, nach Inspiration. Es geht nicht um ein Land oder einen Ort im physischen Sinne, sondern um die Heimat des »Wandering Jew«, die Suche und die Sehnsucht – das ist mein Zuhause. Das hat für mich viel mit Jüdischsein zu tun. Das Lied ist einfach wie ein Kinderlied. Der Zwischenteil ist ohne Text wie ein Niggun.

Wie viel Paul Brody steckt in den Gedichten von Rose Ausländer?
Auf der CD gibt es das Gedicht »Mensch aus Versehen«. Es geht darin um einen Hund, der aus Versehen auf der Erde ist. Gott hat einen Fehler gemacht und diesen Hund in einen Menschenkörper gesteckt. Im New Yorker Exil musste Rose Ausländer ihr Geld als Sekretärin verdienen, sie musste viel tippen, und zwar »tagein tagaus/ geruchloses Zeug«. Ich glaube, sie hat das Gedicht über ihr Leben geschrieben. Sie erzählt, wie es ist, als Fremder in einem fremden Land zu leben, und das spiegelt genau auch mein Gefühl. So fühle ich mich oft, wenn ich Deutsch spreche.

Wie haben Sie Deutsch gelernt?
Ich lerne immer noch. Als ich vor 20 Jahren nach Berlin kam, habe ich oft in einer Kneipe namens »Blues Cafe« gejammt. Ich habe versucht, Deutsch mit den Leuten zu sprechen, aber es gab so viele Afrikaner und Amerikaner dort.

Deutsch ist zwar nicht Ihre Muttersprache, aber doch die Sprache Ihrer Mutter.
Von meiner Mutter habe ich Deutsch nicht lernen können. Sie entkam als 13-Jährige aus Wien mit einem Kindertransport. Sie hat sich geweigert, Deutsch mit uns zu sprechen, wie viele alte Flüchtlinge. Sie hat oft gesagt: Ach, frag mich das nicht, das ist langweilig, diese Geschichte.

Finden Sie sie auch langweilig?
Mein Opa war Anwalt und Lyriker. Er hat Gedichte im »Wiener Blatt«, in der »Bühne« und im Verlag von Karl Kraus publiziert. Ich habe immer diese Sehnsucht nach der Vergangenheit in mir getragen, nicht nur nach europäischer Musik und europäischem Jazz. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir etwas gehört, das ich nicht besitze, und ich muss erst nach Europa gehen, um es wiederzubekommen. Ich habe mich sogar schon um einen österreichischen Pass bemüht, aber Österreicher kann ich nicht werden, weil nur meine Mutter von dort stammt.

Sind Sie nach 20 Jahren hier heimisch geworden?
Als ich in Deutschland lebte, entdeckte ich nicht nur meine europäischen Wurzeln, sondern auch, was das Amerikanische in mir ist. Nicht nur musikalische Details, sondern auch Teile meiner Mentalität, das Blues-Gefühl, mein Verständnis von Spontaneität und natürlich der Humor. Tatsächlich bin ich ein Besucher an beiden Orten. Aber ich bin glücklich, so wie es ist. Und diese CD ist in hohem Maße ein Ausdruck dessen.

Wie drückt sich das musikalisch aus?
Auf vorangegangenen CDs habe ich Spannung erzeugt durch Rhythmus- und Lautstärkewechsel, durch Dissonanzen und den Dialog zwischen traditionellen Klezmertönen und experimentellen jazzverwandten Elementen. Auf dem aktuellen Album »Hinter allen Worten« wollte ich Spannung erzeugen durch Ruhe, durch offene Stellen, bei denen der Zuhörer erst abwarten muss, was geschieht.

Wie funktioniert das konkret?
Während ich noch an diesem Projekt feilte, fragte mich das Jüdische Museum Berlin, ob ich eine Installation machen könne mit Menschen, die ich zum Thema Heimat und Identität interviewt hatte. Ich transkribierte also ihre Sprachmelodien und komponierte Musik entlang der Melodien und Sprachstruktur. Für mich war die Musik des Sprechens, ihr Stotter-Stakkato und chaotisches Glucksen ebenso lebendig wie das, was erzählt wurde. Die spontane Äußerung einer Stimme, selbst wenn es nur Wortfetzen sind, enthüllt die Tiefen eines Individuums.

Wie kamen der Rapper Clueso, Meret Becker und Jelena Kuljic ins Spiel?
Parallel zur Entwicklung des Projekts war ich auf Tour mit Clueso, habe mit Meret Beckers Zirkusband und am Wiener Burgtheater mit Jelena Kuljic gearbeitet. Ihre Stimmen waren ständig in meinem Ohr, und es hat mich fasziniert, dass sie völlig unterschiedlich sind. Nach dem Museumsprojekt bat ich Clueso, Meret und Jelena, dass sie die Gedichte lediglich rezitieren und nicht singen sollten. Statt mir eigene Melodien auszudenken, habe ich also ihre Sprachmelodie zum Komponieren verwendet. Anfangs hatte ich mir kaum vorstellen können, die drei Stimmen auf einer CD zu vereinen. Das gelang mir erst durch die Rolle meiner Trompete, die von einer Stimme zur nächsten hinüberleitet.

Prägt diese Erfahrung inzwischen auch Ihre andere Arbeit?
Wenn ich heute improvisiere, versuche ich meinen Sprachklang auf der Trompete zu imitieren. Das schließt auch die Zwischentöne mit ein. Es ist schon erstaunlich, wenn man ein Instrument wie eine Stimme behandelt. Weil die gesprochene Stimme direkt in unser Nervensystem eindringt. Als improvisierender Musiker kann man an dieser Stelle eine Menge lernen. Gut kann man das auch bei Trompetern wie Chet Baker, Louis Armstrong oder Dizzy Gillespie beobachten, die zugleich hervorragende Sänger waren.

Sie kommen vom Klezmer. Wie viel Klezmer steckt noch in diesem Album?
Da ich die Stimmen von Jelena, Clueso und Meret Becker integrieren wollte, habe ich versucht, einen eher filmischen Zugang herzustellen. Ich habe zwar viel vom Klezmer gelernt, aber meine Welt ist eher die der zeitgenössischen Musik. Ich verwende immer den Begriff »Indie-Jazz«. Das hat nichts mit Klezmer zu tun. Außer, dass jüdische Ideen dahinterstecken.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

Paul Brody’s Sadawi: »Hinter allen Worten/Behind all Words« featuring Clueso, Jelena Kuljic and Meret Becker (Yellowbird/Soulfood)

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