Fotografie

Gegen das Vergessen

Porträts von Schoa-Opfern: Edward Majewski, ehemaliger Häftling des Warschauer Ghettos, fotografiert 2014 Foto: epd

Fotografie

Gegen das Vergessen

Der Mannheimer Künstler Luigi Toscano porträtiert Schoa-Überlebende

von Elisa Makowski  19.01.2017 15:52 Uhr

Darfst du dich freuen darüber, dass du hier präsentieren darfst?», fragt sich Luigi Toscano, wenn er von seinen Porträts auf der Gedenkveranstaltung im ukrainischen Babi Jar spricht. Hier erschossen SS-Angehörige 1941 an zwei Tagen mehr als 30.000 Juden.

Der Mannheimer Fotograf hat im vergangenen Jahr zum 75. Jahrestag des Massakers 50 Porträts seiner Fotoinstallation «Gegen das Vergessen» in der Gedenkstätte in Kiew ausgestellt: Porträts von Opfern der NS-Verfolgung. «Ich habe an einem Gedenkort ausgestellt, der behaftet war mit so viel Leid. Ich konnte mich nie so richtig freuen», beschreibt Toscano seine ambivalenten Gefühle.

staatsakt Zum feierlichen Staatsakt am 29. September in Kiew kam auch Bundespräsident Joachim Gauck. «Der kam auf mich zu, hat mir so buddymäßig die Hand gegeben», erzählt Toscano. Gauck sei sehr beeindruckt gewesen von seinen Bildern. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat die Schirmherrschaft übernommen für das Fotoprojekt. Toscano könnte stolz sein auf sich, vielleicht ein bisschen abheben – stattdessen wirkt er ziemlich bodenständig wie der gute Junge von nebenan.

Für «Gegen das Vergessen» hat der 44-Jährige in den vergangenen zwei Jahren 200 Opfer des Nationalsozialismus fotografiert: ehemalige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Vertriebene und Verschleppte. Er war in der Ukraine und in Russland, in Israel und den USA. Manche Menschen kamen auch zu ihm. Toscano fotografiert sie alle gleich: schwarzer Hintergrund, Ringleuchte, weiches Licht. Er wolle den Menschen sichtbar machen und ihn in den Vordergrund stellen, ein Gesicht zeigen. «Ich wollte nicht inszenieren, diese Nähe war für mich ausschlaggebend.»

Oft fehlt der geeignete Platz, die zu fotografieren, die mit ihrem Gesicht ein Zeichen gegen das Vergessen setzen wollen. Dann entstehen die Fotos eben auf dem Flur oder in einer Nische im Wohnzimmer. Zeit, zuzuhören, ist immer. «Ich habe mit den Leuten gelacht und geweint. Manchmal wollte ich einfach nur weg. Aber das kannst du ja nicht, das wäre respektlos gewesen», sagt Toscano. Stattdessen trägt er durch seine Bilder die Botschaft der Menschen weiter: keines der Opfer jemals vergessen.

ukraine Teilweise sucht Toscano nach ihnen, wieder andere melden sich bei ihm. Sein Engagement spricht sich herum – gerade in der Ukraine, wo die Verfolgten der NS-Zeit schlechter vernetzt sind. Toscano erlebt berührende und auch skurrile Begegnungen: Bei seinem Besuch berichtet die ehemalige Zwangsarbeiterin Marija Nasarenko ihrer Familie zum ersten Mal von ihrem Leid. Oder Edward Majewski: Als der für Toscano posiert, sagt der ehemalige Häftling des Warschauer Ghettos: «Mensch, das ist ja wie bei der Gestapo!» – weil das Licht ihn geblendet hat. Oft sei er ganz ehrfürchtig gewesen, erzählt Toscano. «Aber das war gut. Ich hatte immer Angst, in ein Fettnäpfchen zu tappen.»

Toscanos Eltern sind Italiener. «Klassisches Gastarbeiter-Ding, aber nicht so typisch Italo-Family», beschreibt Toscano seine Jugend. Er hat sechs Geschwister und muss früh schauen, wie er klarkommt. Die Familie ist zerstreut. Er lebt auf der Straße, zuletzt kommt er ins Heim, ist drogensüchtig, macht einen Entzug. Mittlerweile ist er seit 20 Jahren clean, das Fotografieren hat er sich vor 14 Jahren selbst beigebracht.

In all den Jahren begleitet ihn das Thema Holocaust. «Es gab zwei Seiten über den Nationalsozialismus in meinem Geschichtsbuch, die habe ich total aufgesaugt.» Was bleibt: Fragen, die ihm niemand beantworten konnte. Er fährt nach Auschwitz, um zu verstehen. «Die Zahl der Millionen Ermordeten ging nicht in meinen Kopf, das hat mich völlig verspult.»

heimat Damals distanziert er sich: «Ich wollte mit den Deutschen nix zu tun haben.» Heute sieht das anders aus: «Natürlich bin ich Deutscher, Deutschland ist meine Heimat.» Bis vor Kurzem musste Toscano immer wieder seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen. Das Wort Integration kann er nicht mehr hören. «Mehr Integration geht ja nicht bei mir.»

Toscano will Kunst machen, die eine klare Botschaft hat und für alle funktionieren kann. Deshalb ist die Fotoinstallation auch immer auf öffentlichen Plätzen zu sehen. «In Museen oder in Galerien kommt doch kein Arsch», sagt Toscano. Die Bilder sind bald erneut in der Ukraine zu sehen. Berlin, Washington und New York sollen folgen.

Er hat Respekt vor der Herausforderung, wurschtelt sich mit mäßig gutem Englisch und permanenter Sponsorensuche durch alle Widrigkeiten. Demnächst setzt er noch einen drauf: Während der Begegnungen sind einzelne Filmsequenzen entstanden. Sie eröffnen einen neuen Blick auf die Porträtierten, sollen aber auch Toscano bei der Realisierung seiner Vision zeigen. «Der Film wird gut», ist Toscano überzeugt. So langsam kommt auch bei ihm an, welche Kraft seine Arbeit entwickelt hat.

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Heute wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert

Konferenz in Berlin

Wie die Schlagzeile das Israelbild formt

Bei einem Workshop an der Technischen Universität Berlin gingen Wissenschaftler und Journalisten der Frage nach, wie deutsche Medien über Israel berichten, welche Narrative dabei wirken und wo sich Fehler einschleichen

von Ralf Fischer  01.11.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026