Kino

»Für mich war Golda die Frau auf dem 50-Schekel-Schein«

Herr Nattiv, Sie wurden 1973 geboren – in dem Jahr, in dem Ihr Film »Golda« spielt. Mit welchem Bild von Golda Meir wuchsen Sie auf?
Für mich war sie in erster Linie die Frau auf dem 50-Schekel-Schein. Und jemand, der eigentlich als Persona non grata galt, schließlich machte man sie für das größte Debakel in Israels Geschichte verantwortlich, den Jom-Kippur-Krieg. Deswegen war nach ihr – anders als nach einigen der Politiker und Offiziere, die unter ihr dienten – quasi nichts benannt, keine Schule, keine Plätze. Erst als vor zehn Jahren die unzensierten Dokumente aus jener Zeit öffentlich gemacht wurden, zeigte sich eine andere Wahrheit. Sie war eben längst nicht allein verantwortlich für das, was damals passierte.

Das machte sie zur idealen Filmheldin?
Sie brachte vieles mit, was sich für einen Film anbot, angefangen mit der Tatsache, dass die meisten Menschen gar nicht viel über sie wissen. Ich habe sie immer als interessante, geistreiche Frau gesehen, die auch eine Außenseiterin war, schließlich kam sie aus den USA und hatte eine andere Mentalität als viele Israelis. Sie wusste mit den mächtigen Männern dieser Welt umzugehen. Und natürlich hatte sie ihre Fehler. Aber anders als es bei Politikerinnen und Politikern heute üblich ist, übernahm sie damals Verantwortung und trat zurück.

Sie geben trotzdem nur einen kleinen Einblick in Meirs Leben, denn »Golda« konzentriert sich ausschließlich auf die drei Wochen des Jom-Kippur-Kriegs …
Als ich das Drehbuch bekam, war das Projekt eigentlich ein Kriegsfilm, geschrieben von einem britischen Autor. Ich habe mich dann bemüht, meine israelische Perspektive mit einzubringen und die Sache authentischer zu machen. Aber der Fokus auf dem Oktober 1973 machte Sinn. Als uns dann der Großteil unseres Budgets wegbrach, wurde aus »Golda« schließlich mehr oder weniger ein Kammerspiel: Wir mussten den Krieg nach innen verlegen, in die Besprechungsräume und Militärzentralen. Als Vorbilder dienten mir von da an »Das Boot« oder Oliver Hirschbiegels »Der Untergang«, die sich ja auch auf eine Location und einen ganz bestimmten Zeitraum konzentrierten.

Was macht Helen Mirren zur idealen Hauptdarstellerin für den Film?
Sie war schon mit an Bord, bevor ich dazu kam, weil Goldas Enkel Gideon Meir sie in der Rolle seiner Großmutter sehen wollte. Für mich war das ein Geschenk, schließlich ist sie eine der besten Schauspielerinnen unserer Zeit. Und schon bei unserem ersten Gespräch erzählte sie mir davon, wie sie sich als junge Frau in einen Israeli verliebte und für mehrere Monate in einen Kibbuz ging. Sie hatte schon lange eine enge Beziehung zu Israel, auch lange, bevor das angesagt war. Darüber hinaus fand ich es gut, dass sie gewissermaßen als Außenseiterin in diese israelische Geschichte kam. Denn wie schon erwähnt, war Golda als jemand, der in den USA aufgewachsen war, für viele auch zeitlebens »die Andere«.

Es gab dann allerdings auch Stimmen, die Helen Mirrens Besetzung kritisiert haben, weil sie selbst eben nicht jüdisch ist. Waren Sie überrascht von dieser Diskussion?
Helen hat von Anfang an davor gewarnt, dass es einen Backlash geben wird, auch wenn ich als jüdischer Israeli kein Problem mit ihr als Golda hatte. Wäre am gesamten Film kein Jude beteiligt gewesen, hätte ich das schwierig gefunden. Aber um sie herum habe ich lauter israelische Schauspieler besetzt. Außerdem finde ich solche Debatten bedenklich, denn man sticht doch damit in ein Wespennest. Wenn nur Juden Juden spielen dürfen, heißt das dann im Umkehrschluss, dass sie keine nichtjüdischen Menschen spielen dürfen? Das wäre doch verrückt. Letztlich hatte ich allerdings zum Glück den Eindruck, dass es nur ein paar Leute online waren, die viel Lärm um nichts gemacht haben. Bei der Israel-Premiere im vergangenen Jahr wurde Helen jedenfalls bejubelt, und alle schienen stolz zu sein, dass jemand wie sie unsere frühere Premierministerin verkörpert.

Eine letzte Frage noch zu Ihrem zweiten neuen Film »Tatami«, der ab 1. August im Kino zu sehen sein wird. Sie haben ihn gemeinsam mit der aus dem Iran stammenden Schauspielerin Zar Amir Ebrahimi inszeniert. Wie kam es dazu?
Die Geschichte über eine iranische Judoka, die bei der Weltmeisterschaft in Georgien die erste Goldmedaille für ihr Land holen will, aber dann unter Druck ihres eigenen Regimes gerät, als die Möglichkeit eines Kampfes gegen eine Gegnerin aus Israel im Raum steht, schrieb ich während des Corona-Lockdowns. Aber mir wurde schnell klar, dass ich sie allein nicht würde umsetzen können. Einfach, weil ich keinen iranischen beziehungsweise persischen Hintergrund habe. Und ohne das würde dem Film die Authentizität fehlen. Aber ich begann trotzdem irgendwann mit ersten Vorbereitungen – und Zar schickte ein Bewerbungsvideo.

Als Schauspielerin?
Ja, für die Rolle der Trainerin. Ich hatte sie gerade in dem Film »Holy Spider« gesehen, der mich vollkommen umgehauen hatte. Als sie nach Hollywood kam, trafen wir uns und verstanden uns auf Anhieb großartig. Wir mögen das gleiche Essen, die gleiche Musik, sogar den gleichen Sport. Liebe auf den ersten Blick! Unser Gespräch war so inspirierend, dass ich ihr vorschlug, den Film gemeinsam zu inszenieren, aber auch beim Casting und der Produktion zusammenzuarbeiten. Sie brauchte ein paar Tage Bedenkzeit, aber als sie dann zusagte, ging alles ziemlich schnell. Schon kurz darauf trafen wir persische genauso wie jüdische Schauspielerinnen und Schauspieler, wenig später waren wir alle in Tiflis und ließen diesen wunderbaren, sehr besonderen Film Wirklichkeit werden.

Mit dem Regisseur von »Golda« sprach Patrick Heidmann. Der Film läuft am 30. Mai im Kino an.

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