Medizin

Frischzellenkur für die Nieren

Ein Patient am Dialysegerät Foto: Getty Images/iStockphoto

Lebensqualität sieht anders aus. In Israel gibt es mehr als 6700 Menschen mit chronischen Nierenerkrankungen, die bis zu dreimal pro Woche an ein Dialysegerät angeschlossen werden.

Viele von ihnen müssen dabei laut einer aktuellen Untersuchung des Gesundheitsministeriums bis zu zwei Stunden Fahrzeit pro Strecke in Kauf nehmen, um das nächste Krankenhaus, das über entsprechende Einrichtungen verfügt, erreichen zu können. 73 solcher Dialysezentren finden sich im ganzen Land.

Ernährung Im Durchschnitt dauert eine solche Behandlung dann gute vier Stunden. In dieser Zeit muss das Gerät leisten, was gesunde Nieren rund um die Uhr machen, nämlich alle giftigen Substanzen aus dem Blut herausfiltern. Dass dies nicht unbedingt zu 100 Prozent gelingt, ist keine Überraschung, weshalb Nierenpatienten darüber hinaus auch ihre Ernährung umstellen und ihre Flüssigkeitsaufnahme kontrollieren müssen. Kurzum, der ganze Alltag wird von der Krankheit beherrscht.

Vor 77 Jahren wurde das Dialyseverfahren von dem holländischen Arzt Willem Johan Kolff entwickelt. Die ersten Geräte sahen noch aus wie eine hölzerne Wäschetrommel. Doch das Prinzip sollte Millionen Nierenkranke in aller Welt retten. Ein Problem blieb aber bestehen: Die Behandlung ist langwierig und erfordert von den Patienten trotz Hightech viel Disziplin und Geduld.

Der ganze Alltag wird von der Krankheit beherrscht.

Und wer das Pech hat, im Laufe seiner Krankengeschichte keine Spenderniere zu erhalten, dessen Lebenserwartung ist trotz Dialyse deutlich kürzer als die von anderen Menschen. 65 Prozent aller Dialysepatienten sterben innerhalb von fünf Jahren nach Beginn der Behandlung.

STAMMZELLEN Kein Wunder, dass weltweit fieberhaft an Alternativen geforscht wird. So auch im Sheba Medical Center in Tel Haschomer sowie in den Labors der Bar-Ilan-Universität. Dort hat ein Team rund um den Spezialisten Benjamin Dekel ein neues Verfahren entwickelt, das für Schlagzeilen sorgte. Dabei wird auf eine Art Frischzellenkur gesetzt, wobei das geschädigte Organ quasi verjüngt wird.

Bisher wurde die neue Methode nur an Mäusen getestet.

»Die Entnahme von gesundem Gewebe aus erkrankten Nieren sowie die Autotransplantation von Gewebevorläufern könnte theoretisch die Notwendigkeit einer Dialyse verzögern«, skizziert Dekel das Prinzip. Bei diesen sogenannten Gewebevorläufern handelt es sich um Abkömmlinge von multipotenten adulten Stammzellen, die zwar in ihrer Regenerationsfähigkeit die Eigenschaften von Stammzellen aufweisen, aber zugleich auf einen künftigen Funktionsbereich festgelegt sind. Diese können sich dann unter Laborbedingungen munter vermehren, wodurch dreidimensionale Kulturen entstehen, die die Wissenschaftler als »Nierensphären« bezeichnen und bei der Erzeugung von neuem Nierengewebe deutlich bessere Eigenschaften aufweisen als die bereits verloren gegangenen beschädigten Zellen.

Das auf diese Weise gezüchtete Gewebe wird anschließend dem Organ zugefügt, wodurch es sich wieder partiell regenerieren kann und seine Funktionstüchtigkeit verbessert. Und weil das Verfahren auf den körpereigenen Zellen der Nierenpatienten basiert, eliminiert man eine der ganz großen Gefahren, die vor allem bei einer Transplantation drohen: die gefürchteten Abstoßreaktionen des Körpers, weil die körpereigenen Immunzellen etwas als »fremd« identifizieren und bekämpfen.

LEISTUNGSFÄHIGKEIT Bis dato wurde die Methode nur an Mäusen getestet. Die Forscher fanden heraus, dass ihr Verfahren zur Produktion von neuem Nierengewebe die Leistungsfähigkeit der Organe der Nager nachhaltig steigern konnte.

Die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit publizierten die Wissenschaftler im Fachmagazin »Cell Reports«.

Die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit publizierten die Wissenschaftler im Fachmagazin »Cell Reports«, wobei sie auch auf das Potenzial bei der Anwendung an Menschen verweisen. »Diese Behandlung richtet sich an die Millionen von Patienten, die noch keine Dialysebehandlung benötigen. Es konzentriert sich auf die Verbesserung und Stabilisierung ihrer Nierenfunktion, um so eine sonst notwendige Dialyse zu vermeiden«, so Dekel.

Biotech Selbstverständlich sind noch weitere klinische Testreihen notwendig, um das Verfahren zu prüfen. Und wie so oft in Israel gehen Forschung und Wirtschaft dabei Hand in Hand. Denn Dekel sitzt zugleich im Team von KidneyCure Bio, einem Biotech-Unternehmen in Tel Aviv, das sich mit neuen Ansätzen im Bereich chronischer Nierenerkrankungen beschäftigt.

Wie wichtig das Thema ist, belegen die Zahlen, die Dekel und sein Team anführen: »Chronische Nierenerkrankungen erreichen in der westlichen Welt nahezu epidemische Ausmaße. Allein in den USA sind 14 Prozent der Bevölkerung betroffen. Mehr als 45 Millionen Menschen brauchen eine unterstützende Behandlung, bis ihre Erkrankung im Endstadium dann sogar eine Dialyse oder eine Nierentransplantation erforderlich macht.«

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Los Angeles

William Shatner kündigt Heavy-Metal-Album mit Starbesetzung an

Der jüdische Schauspieler und Musiker will mit 95 Jahren nicht leiser treten, sondern lauter: Sein neues Album soll prominente Musiker aus der Metalszene zusammenbringen

 01.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  01.05.2026

Literatur

Herkunft, Schuld und der lange Schatten der Vergangenheit

Krieg, Flucht, Schuld. Diplomat Rüdiger von Fritsch hat ein Buch über seine Familie geschrieben - und über das schwere Erbe deutscher Geschichte

von Christiane Laudage  01.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  01.05.2026

Kino

»Nürnberg«: Russell Crowe und Rami Malek locken mit Star-Power

Die Oscar-Gewinner Russell Crowe und Rami Malek glänzen als Nazi-Kriegsverbrecher und Psychiater mit ausgefeiltem Schauspiel. Das ist faszinierend – und problematisch

von Peter Claus  01.05.2026

Zahl der Woche

154.369 Drusen

Fun Facts und Wissenswertes

 01.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Marathon oder Volcano Race – von Schnelligkeit und meiner Unsportlichkeit

von Katrin Richter  01.05.2026