Lindau

Forschen für ein besseres Leben

Ex-Kibbuznik und Chemie-Nobelpreisträger 2013: Arieh Warshel Foto: DAAD/Nicole Maskus-Trippel

»Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, sich für bessere Lebensbedingungen einzusetzen, überall dort, wo Armut herrscht, wo die Gesundheit leidet oder die Umwelt geschädigt wird«, sagt Aaron Ciechanover. Der 66-jährige Chemie-Nobelpreisträger von 2004 denkt nicht daran, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Er arbeitet noch intensiv am Technion in Haifa, wo er Direktor des »Rappaport Family Institute for Research in Medical Sciences« ist.

Der Professor für Biochemie möchte seinen Beitrag dazu leisten, wirksame Medikamente zu entwickeln – etwa gegen Krebs oder Hirnkrankheiten. Die Grundlagen hat er bereits vor Jahrzehnten mit der Entdeckung des Ubiquitin-Systems gelegt, das überflüssige oder schädliche Proteine in der Zelle abbaut. Dafür erhielt er 2004 zusammen mit seinem Landsmann Avram Hershko und dem jüdischen Amerikaner Irwin Rose in Stockholm die höchste wissenschaftliche Auszeichnung.

Elan An diesem verregneten Sommertag sitzt Ciechanover in der Lindauer Inselhalle bei der 64. Tagung der Nobelpreisträger. Unter dem Motto »Wissenschaft zum Nutzen der Menschheit« geht es um Themen wie Krebsforschung, Bekämpfung von Infektionskrankheiten oder Entwicklung neuer Antibiotika. 37 Nobelpreisträger, die für Forschung im Bereich Medizin oder Physiologie ausgezeichnet wurden – diesjähriger Schwerpunkt in Lindau –, treffen mit rund 600 Nachwuchswissenschaftlern aus 80 Ländern zusammen. Letztere haben sich unter Tausenden von Bewerbern für die Teilnahme qualifiziert. Erstmals seien dabei die Frauen in der Überzahl, stellt Tagungspräsidentin Gräfin Bettina Bernadotte bei der Eröffnung fest. Eine Woche haben sie Gelegenheit, Forschungsprojekte zu präsentieren und mit den Nobelpreisträgern zu diskutieren.

»Die Atmosphäre ist ungeheuer inspirierend«, sagt Ciechanover. Die »sehr talentierten« jungen Forscher könnten in kleiner Runde Tipps für erfolgreiche Arbeit bekommen, die arrivierten Wissenschaftler könnten sich vom jugendlichen Elan zu neuen Taten anspornen lassen.

Arieh Warshel, Chemie-Preisträger von 2013, ist zum ersten Mal in Lindau dabei. Jetzt hält der 74-Jährige einen Vortrag über die Computersimulation von chemischen Reaktionen. Für seine grundlegende Forschung auf diesem Gebiet wurde er mit zwei weiteren jüdischen Wissenschaftlern, Michael Levitt und Martin Karplus, in Stockholm ausgezeichnet. Warshel und Levitt haben neben der amerikanischen die israelische Staatsangehörigkeit. Levitt ist zudem britischer Staatsbürger.

Warshel ist im Kibbuz Sde Nachum geboren, er diente in der israelischen Armee während des Sechstagekriegs von 1967 und des Jom-Kippur-Kriegs von 1973. Im Interview darauf angesprochen, zeigt er auf eine Narbe am rechten Ohr – das Andenken an eine feindliche Kugel. 1976 ging der Forscher, der 1969 am Weizmann-Institut in Rehovot promovierte, an die University of Southern California in Los Angeles. Warshel bekam eine Stelle als Chemieprofessor, heute ist er »Distinguished Professor« für Chemie und Biochemie.

braindrain Ist der elfte israelische Nobelpreisträger ein Beispiel für den »Braindrain«, die Abwanderung wissenschaftlicher Spitzenkräfte ins Ausland, unter dem Israel als kleines Land besonders leidet? Diese Sorge hält Warshel für übertrieben. Israel habe zwar wenig Ressourcen, investiere aber beträchtlich in Forschung und Technologie, sagt er. Letztlich allerdings komme es bei der Entscheidung, wo man forsche, darauf an, wo man als Wissenschaftler eine unbefristete Stelle bekomme.

Dagegen absolvierte Aaron Ciechanover, der sich beim Lindauer Interview als »fully Israeli« bezeichnet, seine Karriere weitgehend am Technion in Haifa. Auch er äußert sich gelassen zum Thema Braindrain. »Die Regierung erhöht das Budget der Universitäten, so werden mehr Spitzenkräfte zurückkommen und Stellen finden«, sagt er. Israel habe viele ausgezeichnete Wissenschaftler. Zwar sei die Finanzierung der Forschung etwas knapp, doch das Problem werde übertrieben.

In Israel sei man wegen der Vergangenheit und der Gegenwart sehr sensibel. Die Stigmatisierung von Menschen, die im Ausland arbeiten, hält Ciechanover für falsch. »Jeder sollte kommen und gehen können, wie es ihm angenehm ist«, meint er. Zudem profitiere die israelische Forschung sehr von der Förderung durch den europäischen Forschungsrat (ERC). Kriterium für diese Zuschüsse ist, unabhängig von der Nationalität, ausschließlich die wissenschaftliche Exzellenz.

Förderung Israel bekomme bei dieser EU-Förderung 80 Prozent mehr heraus, als es dafür investieren muss, sagt Ada Yonath, Chemie-Nobelpreisträgerin von 2009. Die erste Israelin überhaupt, die in Stockholm ausgezeichnet wurde, sieht in der Abwanderung von Forschern kein spezifisch israelisches Problem. Manchmal fänden die Forscher eben bessere Bedingungen im Ausland oder wollten neue Methoden kennenlernen. Natürlich wäre es trotzdem besser, sie kämen nach Israel zurück, meint die Direktorin des Helen and Milton A. Kimmelman Center am Weizmann-Institut.

In Lindau schafft Yonath es wieder einmal, die Zuhörer mit ihrer temperamentvollen Präsentation zu begeistern. Die 75-Jährige erzählt von ihrer bahnbrechenden Forschung auf dem Gebiet der Ribosomen. Anfangs als »Träumerin« verspottet, gelang es ihr schließlich, die Struktur dieser Riesenmoleküle aufzuschlüsseln, die aus Hunderttausenden von Atomen aufgebaut sind. Sie haben die Aufgabe, in der Zelle die Proteine herzustellen. Yonaths Erkenntnisse können der Forschung für wirksame Antibiotika neuen Schwung geben. Bessere Therapien gegen Infektionskrankheiten seien auch dringend nötig, sagt Yonath, da Bakterien gegen immer mehr Antibiotika resistent werden.

Widerstände »Das liegt an der falschen Anwendung durch Viehzüchter und manchmal auch durch Ärzte«, sagt die Forscherin, der im Februar 2014 auch die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Berlin verliehen wurde. Zudem würden viele Pharmafirmen seit rund 20 Jahren statt neuer Antibiotika lieber Medikamente entwickeln, die hauptsächlich älteren Menschen nützen, etwa gegen Cholesterin, Diabetes oder Bluthochdruck, führt sie aus. Falls es nicht gelinge, Infektionskrankheiten durch neue Antibiotika zu bekämpfen, gäbe es für die Medikamenten-Cocktails nicht mehr genügend Abnehmer, da die Menschen wieder früher stürben.

In Lindau jedenfalls muss Ada Yonath diesen Disput mit der Pharmaindustrie nicht führen. Sie kann sich ganz darauf konzentrieren, junge Forscher zu ermuntern, bei Widerständen nicht zu schnell aufzugeben.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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