Innovation

Forever frisch

Die Lösung, mit der die Produkte behandelt werden, besteht zu 99,6 Prozent aus stabilisiertem Wasserstoffperoxid. Foto: Thinkstock

Es klingt zu gut, um wahr zu sein. Doch die israelische Firma Pimi Agro behauptet steif und fest, mit ihrer Erfindung nicht nur die Haltbarkeit von frischen Lebensmitteln um ein Vielfaches verlängern, sondern es gleichzeitig mit dem Hunger in der Welt aufnehmen zu können. Dass sie die Konservierung frischer Waren tatsächlich revolutionieren kann, hat Pimi Agro in ausführlichen wissenschaftlichen Studien bewiesen.

Und ganz nebenbei rettet man die Welt? Nimrod Ben Yehuda, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens, schmunzelt bei dieser Frage. »Das würde ich gern, ja. Es mag sich vielleicht komisch anhören, doch das ist wirklich, was wir langfristig vorhaben.« So sehr er an die Wirkung seiner Erfindung glaubt, weiß er doch, dass sie wenig mit Magie zu tun hat.

»Es mutet vielleicht an wie ein Wunder, doch dieses Wunder hat 23 Jahre Forschung gebraucht«, sagt der geborene Kibbuznik. Statt Zauberei hat er harte Zahlen parat: Ein Drittel bis die Hälfte aller Lebensmittel, die auf der Erde produziert werden, schaffen es nicht auf die Märkte, da sie bei der Lagerung oder auf dem Transportweg verderben. Als Folge, erklärt Ben Yehuda, würden Hunderte Millionen Menschen Hunger leiden.

Formel »Doch das müssen sie nicht mehr, wenn unsere Formel für Lebensmittel angewandt wird.« Der Forscher erklärt, was sein Mittel kann: Auf Basis von simplem Wasserstoffperoxid (H2O2), einer Flüssigverbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff, verlängert das Produkt die Haltbarkeit etwa von Kartoffeln oder Paprika auf zehn Wochen oder länger. Und das ganz unabhängig von Lagerung oder Kühlung. »Man könnte praktisch von einem Ende Indiens bis zum anderen laufen – und die Lebensmittel wären immer noch frisch. Für Entwicklungsländer wie Indien, China oder Afrika ist das etwas Entscheidendes, denn durch den Mangel an Kühlung gehen dort bis zu 70 Prozent der Lebensmittel verloren.«

Die Lösung, mit der die Produkte behandelt werden, besteht zu 99,6 Prozent aus stabilisiertem Wasserstoffperoxid, dem einige Zusatzstoffe beigefügt wurden. »Wasserstoffperoxid ist ein sehr schwaches Desinfektionsmittel, das sich schnell zersetzt und keine Rückstände hinterlässt«, erläutert Ben Yehuda. »Das Schwierige war, die restlichen 0,4 Prozent richtig hinzubekommen.« Daran tüftelte er gemeinsam mit Forschern des Technion in Haifa und der Hebräischen Universität Jerusalem 15 lange Jahre.

Es sind die aktiven Bestandteile in den Zusatzstoffen, alle komplett umweltfreundlich, wie der Erfinder versichert, die den Unterschied machten. Die Additive sind von den internationalen Lebensmittel-Überwachungsorganisationen, darunter die der USA und der EU, als »sichere und essbare organische Säuren« eingestuft worden. Studien in verschiedenen Ländern zeigten, dass die Lösung von Pimi Agro 15-mal wirkungsvoller ist als herkömmliche Mittel. Nach sieben Monaten Lagerung etwa konnten 50 Prozent mehr Zitrusfrüchte und Zwiebeln auf den Markt geschickt werden. Ohne jegliche gesundheitsschädliche Rückstände.

Transport Dadurch ermöglicht es Pimi Agro Landwirten, vor allem in ärmeren Ländern, auf nachhaltigere Anbaumethoden zurückzugreifen. Da der Zeitdruck wegfällt, können die Lebensmittel zudem in umweltfreundlichen Transportmitteln, etwa per Zug statt Lkw, von A nach B gebracht werden. »Weil es weniger Verluste gibt, können die Bauern weniger anbauen, brauchen weniger Düngung, vermeiden eine Überbeanspruchung des Bodens und verbrauchen weniger Wasser. Auch müssen nach der Ernte weniger Fungizide eingesetzt werden.«

Für Kartoffeln, die sehr anfällig für Krankheiten sind, entwickelte Pimi Agro einen speziellen Zerstäuber, der das Mittel in den Lagerräumen so fein versprüht, dass garantiert jede einzelne Knolle etwas abbekommt. Doch es geht auch ganz ohne Technik. Ben Yehuda erklärt: »Bestellt ein Bauer in einem armen Land sein Feld und bringt die einzelnen Früchte nach Hause, kann seine Frau sie dort mit unserer Lösung abwaschen, die sie einfach aus einer Flasche gießt. So könnten sie die gesamte Ernte verkaufen. Da es nicht giftig ist, braucht man keinerlei Sicherheitsmaßnahmen.« Pimi Agro hat sich das Motto »Keep it simple« auf die Fahnen geschrieben. Innerhalb weniger Stunden könne ein Lagerhaus für wenig Geld umfunktioniert werden.

Die Bestätigung, dass ihr Produkt funktioniert, hat Pimi Agro mittlerweile in der Tasche: Das Verfahren wurde unter rigorosen Bedingungen in den USA und in Europa mehr als 150-mal getestet und ist durch mehrere internationale Patente geschützt. »Das eigentliche Wunder«, findet der Wissenschaftler, »ist, dass wir es patentieren konnten. Denn schließlich gibt es Wasserstoffperoxid überall schon seit 120 Jahren.«

Edeka Der Erfolg ließ nach den Tests nicht lange auf sich warten. Mittlerweile vertrauen die Lebensmittelgiganten der USA, darunter Walmart und SunPacific, der größte Vertreiber von Zitrusfrüchten, auf Pimi Agro. Auch die deutsche Supermarktkette Edeka schwört auf die organische Haltbarkeitslösung aus israelischen Laboren. Doch das Unternehmen will mehr: Derzeit arbeiten die Forscher an neuen Formeln für die Verlängerung der Haltbarkeit bei Spargel, Pilzen, anderen Gemüsen, Fisch und Fleisch. In den nächsten Monaten wird die Innovation zudem der UNO und der Weltbank vorgestellt – mit dem klaren Ziel, den Hunger bei den Ärmsten der Armen zu lindern.

Persönlich kam für Ben Yehuda die Wende in seinem Leben am Sterbebett der Eltern, wie er verrät. Mutter und Vater mahnten ihren Sohn, den sie Nimi nannten, »Gutes für die Menschheit zu tun«. Nimi nahm sich sein Versprechen zu Herzen.

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