Mentalitätsgeschichte

Fest im Sattel

Hoch zu Ross: Ein frommer israelischer Reiter trägt eine Fahne mit der Aufschrift »Adonai hu HaMelech« – »Gott ist der König«. Foto: Flash 90

»There’s nothing so unusual about being a Jewish cowboy«, heißt es in der ersten Zeile eines Songs auf dem Album Ghetto Blaster des kanadischen Hip-Hop-Tausendsassas Socalled. Der Rapper irrt: Ungewöhnlich ist die Vorstellung eines Juden auf dem Pferd, widerspricht sie doch lange gängigen Klischees, nichtjüdischen wie jüdischen.

altneuland Friedrich Nietzsche, sonst eher ein Gegner des zu seiner Zeit grassierenden Antisemitismus, hat in einem nachgelassenen Fragment festgehalten: »Die Art wie ein Jude aufs Pferd kommt (...) ist nicht unbedenklich und giebt zu verstehen, dass die Juden niemals eine ritterliche Rasse gewesen sind.« Ein Echo dieser abfälligen Bemerkung findet sich in Theodor Herzls utopischem Roman Altneuland von 1902.

Dort besichtigen der junge jüdische Reisende Friedrich aus Wien und der deutsch-amerikanische Millionär Kingscourt die landwirtschaftliche Kolonie Rehovot und treffen auf jüdische Reiter. »Die Burschen stürmten weit weg ins Feld hinaus, warfen die Rosse herum, kehrten jauchzend zurück, warfen im vollsten Lauf ihre Mützen oder ihre Gewehre in die Luft, fingen sie wieder auf. Schließlich ritten sie in einer Reihe und sangen ein hebräisches Lied.«

Herzl greift hier zwei gleichermaßen stereotype Seiten des Verhältnisses von Juden und Pferden auf. Einerseits widerspricht er dem Vorurteil, dass Juden keine »ritterliche Rasse« seien und zeigt sie als physisch und psychisch fähig, die soldatische Einheit von Pferd und Mann zu bilden, die das europäische Bild des Ritters ausmacht. Und er geht gegen ein internes Selbstbild an, das ebenfalls eine Unvereinbarkeit des Jüdischseins mit einer positiven Beziehung zu Pferden annimmt.

talmud Dieses Selbstbild wird etwa von Isaak Babel artikuliert. In seinem Theaterstück Sonnenuntergang legt er dem jungen Husaren Ljowka in den Mund: »Ein Jude, der auf einem Pferd gesessen hat, hat aufgehört, ein Jude zu sein, ist ein Russe geworden.« Das hat natürlich nichts mit der historischen Realität von Millionen ländlicher Juden in Osteuropa zu tun. Dennoch ist die Wahrnehmung tief sitzend. Der Historiker John Hoberman spricht sogar von einer »fundamentalen Dichotomie zwischen Reiter und Jude«. Diese Animosität lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. In der talmudischen Literatur gilt das Pferd als stolz, lüstern und brutal, alles Eigenschaften, die es zu einem zutiefst gojischen Wesen machen.

Die Idee des Reitens hat aber noch eine weitere Komponente, die vor allem auf den Einsatz von Pferden im Krieg und auf der Jagd seit der Antike zurückgeht. Reiter sind im europäischen Imaginären immer auch privilegierte Soldaten und Jäger. Das Pferd selbst verkörpert diese adlige Martialik. Seine bereits im Buch Hiob erwähnte Kriegsfertigkeit vertrug sich nicht mit dem vermeintlichen Pazifismus der Diaspora. Herzl ließ jüdische Reiter auftauchen, um das Judentum in eine zionistisch-wehrhafte Moderne zu überführen. Als Variante zu Max Nordaus »Muskeljudentum« gibt es bei Herzl eine Art Pferdejudentum.

wilder westen Inzwischen stößt die Vorstellung, dass Juden nicht reiten sollen oder können, selbst bei orthodoxen Gelehrten auf ironischen Widerspruch. So erklärt etwa Eliezer Siegal, Professor für Religion an der Universität von Calgary, gerade die kanadischen Juden seien dafür prädestiniert, diese historisch tief verwurzelte Feindschaft zu beenden: »It is finally time for us rein in all that ingrained hostility and ride off together into the sunset.« Bemerkenswert an dieser Aussage ist, dass Siegal nicht zum Reiten Richtung Sonnenaufgang auffordert, wo im Osten das Gelobte Land liegen würde, sondern Richtung Sonnenuntergang: die Richtung, in der sich die ewige Heimatlosigkeit des Cowboys erstreckt.

Das erinnert an den bekanntesten jüdischen Cowboy der Gegenwart, Kinky Friedman, von dem die melancholische Country-Ballade Ride ‘em Jewboy stammt. Auf dem Cover seines 1992 erschienenen Albums Old Testaments and New Revelations ist Kinky auf einem Pferd sitzend von hinten abgebildet, mit Cowboyhut auf dem Kopf, und umgehängter Gitarre. Er blickt nach Westen, wo die berühmten weißen Riesenbuchstaben HOLLYWOOD erscheinen.

Es ist die archetypische Figur amerikanischer Identität, der Cowboy, der hier mit dem Bild des Ewigen Juden verschmolzen wird. Friedman projiziert in die Figur des Cowboys seine individuelle Vorstellung eines Jüdischseins, das sich weder in zionistischen Idealen eines soldatischen Ritterjudentums noch im Rückbezug auf ein diasporisches Fußgängerjudentum erschöpft.

rächer Das Bild eines solchen reitenden Alter Ego taucht auch in dem Roman St. Urbain’s Horseman (1971) des 2001 verstorbenen kanadisch-jüdischen Schriftstellers Mordecai Richler auf. Für Richlers Protagonisten, den an der kleinbürgerlich-jüdischen Rue St. Urbain in Montreal aufgewachsenen und nun gut situierten Regisseur Jacob Hersh, ist sein krimineller Cousin Joey eine mystisch überhöhte Figur, die Authentizität und Radikalität verkörpert.

Auf der Suche nach dem verschwundenen Verwandten sieht er bei einer von Joeys vielen verlassenen Ehefrauen in Israel ein Foto des Cousins in Uniform auf einem weißen Hengst. Jacob wird von der Vision Joeys – des »Horseman«, wie Jacob ihn fortan nennt – beherrscht. Vor seinem inneren Auge sieht er ihn, den rächenden statt wehrlosen Juden, auf einem prachtvollen Pferd dahingaloppieren, in Galiläa, in Spanien oder in Südamerika, im Kampf um Israel oder auf der Jagd nach dem Naziverbrecher Mengele. »Out there, riding even now. St. Urbain’s Horseman. Galloping, thundering. Look sharp, Mengele, die Juden kommen!«

indianer In der Geschichte von Juden auf dem Pferd darf auch Franz Kafka nicht fehlen, wiewohl er kein Cowboy, sondern ein Indianer sein wollte: »Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.«

Womöglich führt vom Meister der Ambivalenz aus Prag auch eine verborgene Spur zu Mel Brooks’ unvergesslichen Jiddisch sprechenden Indianern, die in der Western-Parodie Blazing Saddles (deutsch: Der wilde, wilde Westen) von 1974 kurz auftauchen. Brooks’ wahrhaft ritterliche jüdische Indianer verkörpern alles, was Theodor Herzl nicht einmal zu träumen gewagt hatte.

Caspar Battegay arbeitet am Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel. Mit dem Thema »Juden auf dem Pferd« befasst er sich auch in dem Sammelband »We are ugly but we have the music. Jüdische Rebellen und subkulturelle Strategien«, Ventil, Mainz 2012, 288 S., 17,90 €.

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