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Eine Zukunft in Europa?

Diaspora in Bedrängnis: Gedenken an die jüdischen Opfer in Paris Foto: dpa

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Eine Zukunft in Europa?

Experten sprachen an der HfJS Heidelberg über die Situation jüdischer Gemeinden

von Oliver Beckhoff  13.01.2015 10:39 Uhr

Die Zukunft jüdischer Gemeinschaften in Europa entscheidet sich unter anderem am Ausgang aktueller Konflikte und Herausforderungen. Wer in die Zukunft sehen will, muss also zunächst die Gegenwart verstehen. Eine Bestandsaufnahme machten internationale Wissenschaftler bei der interdisziplinären Konferenz »Diversity and Identity – Jewish Communities and the Future in Europe« vom 10. bis 12. Januar an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (HfJS).

Das gemeinsame Ziel: zu erfassen, was jüdisches Leben in Europa heute ausmacht und wie es in Zukunft aussehen wird. Der gemeinsame Gegenstand: die Erforschung der europäischen Diaspora. Dabei zeigte sich, dass jüdische Lebensentwürfe heute so vielfältig sind wie nie. Das erschwert die Prognose.

An Europas Grenzen überschlugen sich im vergangenen Jahr die Ereignisse. An den jüdischen Gemeinden in Russland und der Ukraine geht das nicht spurlos vorbei: In der Krim-Krise bezog der ukrainische Rabbiner Shmuel Kaminetsky politisch Stellung gegen Russlands Vorgehen. Der russische Oberrabbiner Berel Lazar lehnte es dagegen ab, sich zum Konflikt zwischen der Ukraine und Russland zu äußern.

Aus staatlichen Auseinandersetzungen möchte er sich grundsätzlich heraushalten. Doch nicht nur in der Politik, sondern auch im Alltag vieler jüdischer Gemeinden führen Gegensätze in Identitätsfragen immer wieder zu Spannungen. Zudem wirken sich gesellschaftliche Großwetterlagen auf diesen Alltag aus.

Paris Aus Frankreich, der größten jüdischen Gemeinde Europas, sind im vergangen Jahr so viele Menschen wie nie zuvor nach Israel ausgewandert. 2014 war es in Frankreich bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg mehrfach zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen. Zuletzt warf die tödliche Geiselnahme in einem jüdischen Lebensmittelgeschäft am 9. Januar in Paris ein grelles Schlaglicht auf das Problem des Antisemitismus.

Abwanderungstendenzen in der jüdischen Bevölkerung zeigen sich auch im autoritären Ungarn unter Viktor Orbán. Ebenso in der Ukraine, wo die unsichere politische Lage rechtsextremen Stimmen Gehör verschafft. In Bulgarien und in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens haben die Gemeinden zum Teil so wenige Mitglieder, dass ihr Fortbestand heute infrage steht.

Dass die kleinen Gemeinden überhaupt so lange bestehen konnten, stellt Micha Brumlik, Emeritus der Goethe-Universität Frankfurt am Main, vor ein wissenschaftliches Problem: »Wie funktioniert das? Wie schaffen es diese Gemeinschaften zu bestehen?« Dies ist gleichzeitig eine Grundfrage der jüdischen Diasporaforschung. In anderen Ländern der EU sind die Zahlen ermutigender, zum Beispiel in Deutschland.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wanderten seit 1990 etwa 200.000 russischsprachige Juden in die Bundesrepublik ein. Viele der Zuwanderer schlossen sich jüdischen Gemeinden an und machten diese vielfältiger. Noch 1989 zählten die jüdischen Gemeinden in Deutschland kaum 30.000 Mitglieder, heute sind es rund 100.000. Doch kulturelle Unterschiede zwischen den Alteingesessenen und den Zugezogenen sorgen in vielen Gemeinden für erhöhten Verständigungsbedarf.

Auch der Gegensatz zwischen orthodoxen und liberaleren Wertvorstellungen sorgt nicht nur in Deutschland für Reibungen, wie Susanne Cohen-Weisz von der Hebräischen Universität Jerusalem feststellt. Zwischen den Generationen gibt es ebenfalls Vermittlungsbedarf, weil sich die Lebenserfahrungen oft gravierend unterscheiden. So entwickle jede Generation ein neues Verhältnis zur Schoa und zur Bedeutung Israels für die eigene Identität. Aktuell, so Cohen-Weisz, seien in Deutschland und Österreich in der jüngeren Generation ein wachsendes Selbstbewusstsein und ein stärkerer Bezug zu Deutschland beziehungsweise Österreich zu beobachten.

Identität Je unterschiedlicher die Hintergründe, Religionssauffassungen und Lebensentwürfe sind, desto schwerer tun sich Gemeinden damit, eine Gruppenidentität zu entwickeln, in der sich alle Mitglieder wiederfinden. Und »je größer die Spannungen«, sagt Cohen-Weisz, »desto eher bilden sich Gruppen außerhalb der kommunalen Gemeindenetzwerke«. Insgesamt gelingt es den großen Gemeinden oft besser als kleineren, unterschiedliche Vorstellungen unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen. Der zu beobachtende Trend: Jüdisches Leben wird vielfältiger, gleichzeitig nimmt aber auch die Bindungskraft traditioneller jüdischer Kultur ab.

So herrschen in jedem Mitgliedsland der EU besondere Bedingungen vor. Jüdische Gemeinden werden über lange Zeiträume historisch geprägt und gleichzeitig in der Gegenwart von Globalisierung, Individualisierung, von Politik und von Migrationsströmen beeinflusst. Wie also anhand der unterschiedlichen Entwicklungen ein Bild der Diaspora zeichnen, das dem jüdischen Leben in Europa gerecht wird und eine Entwicklungsprognose gestattet?

Die Organisatoren der Heidelberger Tagung, Johannes Heil, Michael Brenner und Guy Katz, sind zuversichtlich: Der Schlüssel zum Verständnis liege im Ausbau der interdisziplinären Diasporaforschung. Durch sie gewinne man Erkenntnisse über aktuelle und künftige Herausforderungen der europäischen Diaspora, auf die man dann reagieren könne.

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