Nachruf

Ein Spanier in Buchenwald

Fünfzehn Tage lang folterte die Gestapo 1943 in Frankreich den damals 19-jährigen Résistance-Kämpfer Jorge Semprún. Anschließend wurde er nach Buchenwald deportiert. Doch auf die Frage, welche Erfahrung in seinem Leben ihn am tiefsten verletzt habe, sagte Semprún einmal in einem Interview: »Der Hinauswurf aus der Kommunistischen Partei Spaniens hat mich tiefer getroffen als meine Gefangenschaft im Lager.«

Mehr als zwanzig Jahre lang, bis zu seinem Ausschluss 1964, war der 1923 in Madrid geborene Semprún Kommunist gewesen, zuletzt Mitglied des Politbüros der spanischen Partei. Sein Glaube an den Marxismus-Leninismus trug zu seinem Überleben von Folter und Lagerhaft bei. »Ich war ein kommunistischer Widerstandskämpfer und wusste deshalb genau, warum die Gestapo mich foltert. Auch die Brutalität hat mich keine Sekunde überrascht. Deshalb konnte die Folter mein Weltvertrauen nicht zerstören. Für mich hatte mein Leiden einen politischen Sinn.«

elie wiesel Das unterschied die politischen KZ-Häftlinge von den meisten jüdischen Insassen der Lager. Semprún, der 1942 als Student in Paris zusammen mit anderen Kommilitonen illegale Demonstrationen gegen die Judenverfolgungen der deutschen Besatzer organisiert hatte, hat in Interviews und Essays immer wieder darauf hingewiesen, dass seine jüdischen Mithäftlinge in Buchenwald in einer grundsätzlich anderen Situation waren als er, der deutsch- und französischsprachige spanische Kommunist aus einer katholischen Familie.

»Die Widerstandskämpfer«, so Semprún in einem Gespräch mit seinem ehemaligen Mithäftling Elie Wiesel, »haben tatsächlich gewisse Gefahren auf sich genommen, sie wussten genau, dass sie Verhaftung und damit Folter und damit Deportation oder Erschießungskommando riskierten.« Doch die Schoa, so Semprún, »hat das Gesicht der Mutter, der Schwester, des Cousins, des Freundes aus dem Dorf in Rumänien, in Ungarn oder Polen. Das ist eine vollständig andere Erfahrung. Und ich finde es erschreckend, dass Europa so lange gebraucht hat, diese Einzigartigkeit zuzugeben und anzuerkennen.«

einzigartigkeit
Die »absolute Einzigartigkeit der Auslöschung des jüdischen Volkes« hervorzuheben, den »Unterschied zu jeder anderen Erfahrung in Konzentrationslagern«, betrachtete der Schriftsteller als eine Verpflichtung. Er, den seine freiwillige Entscheidung zum Widerstand ins Lager gebracht hatte, hat in seinen autobiografischen Schriften immer wieder Zeugnis abgelegt vom Leben und Sterben derjenigen, die zur Vernichtung bestimmt waren, nur weil es sie gab.

Im Gegensatz zu den jüdischen Überlebenden wartete auf Semprún nach 1945 eine Familie, war nicht seine gesamte frühere Welt ausgelöscht worden. Und da im KZ der Kommunismus seine Religion war, hatte er zwar stets an seinem Überleben, doch nie an seinem Glauben zweifeln müssen. Woran Semprún allerdings stets gezweifelt hat, war die Möglichkeit, das Erlebte in Worte zu fassen: »Schweigen ist unmöglich. Schreiben ist auch unmöglich. Meine Theorie ist, dass das Schreiben unerschöpflich ist, unmöglich und unerschöpflich zugleich. Man kann nicht reden, aber man wird nie genug geredet haben. Man kann jedes Mal mehr sagen.«

Am 7. Juni ist Jorge Semprún in Paris 87-jährig verstorben.

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026