Nachruf

Die Musik der Sprache

Alles Wichtige genau gelesen: George Steiner im Jahr 2010 Foto: imago images/Leemage

Was bleibt, sind seine Gedanken, immer in Essays verdichtet, sein großer Nachlass. Als George Steiner am 3. Februar – 90-jährig – in Cambridge starb, begannen viele, seine zahlreichen Bücher aus den Regalen zu nehmen. Womit anfangen, womit seiner gedenken, um die Trauer zu überwinden, womit das wieder aufrufen, was geblieben ist und was bleiben wird?

Manche werden Nach Babel. Aspekte der Sprache und des Übersetzens herausnehmen, andere die überraschende Heidegger-Einführung oder das großartige Gespräch mit der französischen Journalistin Laure Adler, Ein langer Samstag. In jeder Hinsicht nachhaltige Bewunderung löst eines seiner letzten Bücher aus, Gedanken dichten. In ihm beschwört Steiner die Poesie, die Musikalität und den bislang oft übersehenen literarischen Rang der großen europäischen Philosophie bezwingend herauf.

Der Essay war für ihn die angemessene Ausdrucksform seiner Gedanken.

Als George Steiner 1929 in Paris geboren wurde, waren seine Eltern aus Wien vor dem immer bedrohlicher heraufziehenden österreichischen Antisemitismus schon nach Frankreich geflohen. Sein im von den Nazis 1942 ausgerotteten tschechischen Lidice geborener Vater hatte es in Wien zum wohlhabenden Bankier gebracht.

George wuchs zunächst in Paris auf, floh mit seiner Familie vor der nahenden Wehrmacht in die USA und genoss eine dreisprachige Erziehung: Er beherrschte fortan neben dem Englischen, das seine Literatursprache werden sollte, genauso das Französische und das Deutsche. Seine Mutter war Elsässerin. Steiner studierte in Harvard und Oxford, wurde Redakteur beim britischen »Economist« und besuchte das Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, wo er bald auch erste Vorlesungen hielt.

ABENDLAND Es folgten Lehrverpflichtungen in Cambridge, eine lange Zeit in Genf als Professor für Englische Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft. Später unterrichtete er in Oxford und beendete seine akademische Laufbahn als Professor für Poetry in Harvard. Die Exzellenz der Orte seiner Tätigkeit spiegelt nur annähernd die seiner Werke wider, in denen zweieinhalb Jahrtausende abendländischer Literatur und Philosophie für immer aufgehoben sind. Was soll man an ihm mehr bewundern – seine unnachahmlichen Möglichkeiten, über das zu
schreiben, worüber man – nach Wittgenstein – vielleicht schweigen sollte? Oder seine unbestechliche Würdigung selbst solcher Autoren wie des Modernisierers des französischen Romans und hanebüchenen Antisemiten Céline oder des führerstaatlich redenden Rektors und Großphilosophen Heidegger?

Oder soll die Bewunderung doch eher der Voraussetzung für alles andere gelten: alles Wichtige genau gelesen zu haben? Über das Gelesene schreibt er in der Annäherungsform des Essays, nichts »Endgültiges«, immer Gültiges.

Ausgangspunkt ist für Steiner die klassische griechische Philosophie. In den Dialogen, die Platon Sokrates führen lässt, findet Steiner bisher nichtgehobene Schätze von Poesie und dramaturgischer Finesse. Sokrates als Apologet des mündlichen Diskurses mit Rede und Widerrede, von Platon aufgeschrieben, ist der Ausgangspunkt.

Immer kommt Steiner auf das Griechische zu sprechen, auf seine Ausdrucksmöglichkeiten – mit denen des Deutschen vergleichbar? –, selbst, wenn dazu vordergründig kein Anlass besteht: Steiner bescheinigt etwa Karl Marx in einem Großteil seiner Schriften literarische Qualitäten, hebt dessen Bildung hervor und erwähnt bedeutungsvoll, dass Marx gegen Ende seines Lebens Aischylos im griechischen Original gelesen hat.

STIL Lange setzt sich Steiner mit dem »unelegant« schreibenden Hegel auseinander, gewinnt unbeschreibliche Erkenntnisse aus dem zuweilen Unverständlichen seiner Philosophie und stellt dann dessen Bewunderung der Antigone des Sophokles mit einem Zitat vor: Dieses Drama sei eines der »allererhabensten, in jeder Rücksicht vortrefflichsten Kunstwerke aller Zeiten«.

Steiners Bezugspunkte waren die griechische Antike und die klassische Philosophie.

Sein Tour d’Horizon durch Literatur und Philosophie kennt viele Verweilpunkte. Er kniet nieder vor Descartes und seinem ewig gültigen »cogito, ergo sum« – ihm bescheinigt er Stil und Schönheit. Dieses »cogito« ruft Steiner wieder auf, wenn er an anderer Stelle nochmals auf Marx zurückkommt: »Marx ist überzeugt davon, dass Denken unsere Welt verändern kann, dass es keine größere Macht gibt. Daher die unbedeutende Rolle, die der Tod im Marxismus spielt – während er im Faschismus zu einem zentralen Thema wird.« Welch eine singuläre Unterscheidung!

Ein ihm wichtiges Thema bringt er beispielhaft und beispiellos auf den Punkt: »Das dreifache Zusammentreffen von Hegel, Hölderlin und Heidegger markiert einen Höhepunkt in Philosophie und Literatur. Die Philosophie liest große Dichtung und wird von ihr gelesen. Beide Seiten erfassen intuitiv, dass ihnen ein Grund gemein ist, eine ursprüngliche Kunst und Musik des Denkens, die der Welt Sinn gibt, unseren Weltsinn formt.«

EPOCHEN Steiner nimmt nicht nur Philosophie und Literatur der Alten Griechen oder Deutschlands in den Blick. Schon früh hat er in Tolstoj oder Dostojewskij. Analyse des abendländischen Romans bleibende Gedanken aufgeschrieben. Manchmal nimmt er sich eine ganze Epoche vor: »Die Romantik und das neunzehnte Jahrhundert waren besessen vom Ideal und Prestige des Epischen. Balzacs Comédie humaine oder Zolas Les Rougon-Macquart beweisen mit ihren Satzfolgen epische Dimensionen. Dreimal wurde der epische Traum vollständig verwirklicht: In Moby Dick, in Krieg und Frieden und in Wagners Ring.«

Eine ganz andere Qualität nehmen für ihn die zwischen Walter Benjamin und Gershom Scholem gewechselten Briefe ein: »Es gibt keinen scharfsinnigeren Kommentar zu Kafka als jenen, den sie in ihren Briefen der frühen 1930er Jahre ausarbeiteten.« Natürlich kennt Steiner auch die spätere Entfremdung zwischen den beiden, aber auch die Geschichte von Paul Klees Gemälde Angelus Novus, das, einst von Benjamin erworben, in den Besitz Scholems übergegangen war.

Steiner wusste viel, aber er urteilte selten apodiktisch. Der Essay erschien ihm die angemessene Ausdrucksform, in der er einem kultivierten Publikum die Wunder des Denkens im Austausch mit denen des Dichtens oder der Musik nahebringen wollte. Das ist ihm beeindruckend gelungen. Wer wird uns nach Steiner diese Wunder verkünden?

Funfacts & Wissenswertes

10 Jahre

Zahl der Woche

 20.10.2026

Punk

»Gefilte Fuck« und andere Provokationen

Ein neuer Sammelband beleuchtet jüdische Identitäten, Antisemitismus und den Kampf dagegen in der Szene

von Pascal Beck  19.10.2026

Elfriede Jelinek

Virtuose Sprachkomponistin

Eine Würdigung der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin zu ihrem 80. Geburtstag

von Christa Gürtler  19.10.2026

New York

Mike Tyson droht Supreme wegen verschwundener Israel-Flagge auf Hoodie

Bei dem Streit geht es um ein Hoodie, das neben dem Boxer mehrere Nationalflaggen zeigt. Plötzlich war nicht mehr die des jüdischen Staates darunter, sondern die Palästina-Fahne

 19.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

Aufgegabelt

Salat mit gerösteten grünen Bohnen

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  18.10.2026

Ausstellung

Hinweise auf Hamas-Symbol - Museum Friedland verschiebt Schau

Bundespräsident Steinmeier war schon angekündigt, um die erweiterte Ausstellung des Museums Friedland bei Göttingen neu zu eröffnen. Nun verschiebt sich der Termin. Hintergrund ist ein antisemitisches Symbol

 18.10.2026

Großbritannien

Wegen Unterstützung von Palestine Action: Britischer Verlag nimmt Sally Rooneys Bücher vom Markt

Die irische Bestsellerautorin ist für ihre Unterstützung der in Großbritannien als Terrorgruppe eingestuften Organisation bekannt. Sie sei bereit, die Konsequenzen zu tragen, sagt Rooney

 16.10.2026

Wolf Biermann

»Israel ist mir näher als alle übrigen Länder dieser Welt«

Der Liedermacher wird 90 Jahre alt. Ein Gespräch über den Krieg gegen Unterdrückung, seine Eltern, den 7. Oktober und über neuen Faschismus

von Tobias Kühn  16.10.2026