Dokumentation

Die Großeltern auf den Schultern

Konrad Rufus Müller und Alexandra Föderl-Schmid beim Foto-Termin mit der Schoa-Überlebenden Giselle Foto Cycowicz Foto: ZDF/ Frank Marten Pfeiffer

»Ich kann meine Geschichte nicht erzählen, ohne die meiner Großeltern«, sagt Rifka Ajnwojner, Enkelin von vier Schoa-Überlebenden. Ihre Großeltern säßen jeden Tag auf ihren Schultern, berichtet sie am Vorabend des Holocaustgedenktags im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main.

Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, brachte an diesem Abend in dem kleinen Kinosaal mit den roten Sesseln vier 20- bis 30-Jährige und damit »Facetten junger jüdischer Erinnerung« miteinander ins Gespräch: »Gedenken 3.0 – Zwischen Weitergabe und Gedächtnistheater« hat sie das Podium genannt. Die »jüdische Perspektive muss sichtbarer werden« in den Erinnerungs- und Gedenkdiskursen, fordert Donath.

Verantwortung Die Frankfurter Lehrerin Ajnwojner sagt, sie fühle eine »gewisse Verantwortung«, weil ihre Großeltern überlebt haben. Alexander Stoler geht es ähnlich: »Mein Großvater hat nicht den Holocaust überlebt, damit ich sage: ›Ich bin jüdisch, aber was soll’s?‹« Dessen Geschichte und Wissen sei für ihn »wie ein Schatz«, den er auch an die nächste Generation weitergeben wolle, sagt der Kulturreferent der Jüdischen Gemeinde Darmstadt.

Die Lehrerin Rifka Ajnwojner fordert, Antisemitismus als Problem aller Demokraten zu sehen.

Weitergeben oder vielmehr weitererzählen, das möchte auch Joëlle Lewitan, Texterin einer Kreativagentur in Hamburg. Es komme darauf an, neue Wege zu finden, das Gedenken weiterzutragen. Lewitan vertraut auf die Kraft des Narrativen: Es müssten »weniger Fakten, mehr Geschichten« erzählt werden, um die Menschen zu erreichen.

Im Kampf gegen Antisemitismus seien zudem die Medien gefragt, ein junges, positives Bild des Judentums in Deutschland zu zeigen. Pädagogin Ajnwojner fordert, Antisemitismus nicht als Problem der Juden, sondern als das aller Demokraten zu sehen – und der Demokratieerziehung einen ganz anderen Stellenwert zu geben.

Symbiose Tom Krane, in Jerusalem geboren, seit acht Jahren Wahlfrankfurter, sagt, er könne sich gar nicht anders sehen denn als jüdisch-deutsche Symbiose: Sein Vater stamme aus einer typisch deutschen Nachkriegsfamilie. Dessen Zivildienst in Israel mit Aktion Sühnezeichen führte schließlich dazu, dass er seine israelische Mutter kennenlernte.

Er weigere sich, »zu definieren, was ich bin« und in welcher Reihenfolge deutsch, israelisch, jüdisch. Sein Traum sei, dass er eines Tages auf den Satz »Ja, ich bin jüdisch« die Antwort erhalte: »Ja, na und?« Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus informierter Selbstverständlichkeit.

Der Film zeigt Begegnungen mit Zeugen der Schoa in Israel, Deutschland und Österreich.

Die Bildungsabteilung hatte am Sonntag auch in das Kino geladen, um die Dokumentation Die Zeugen – Eine Reise zu den letzten Überlebenden des Holocaust zu zeigen und mit Regisseur Rouven Rech sowie Produzent Thorsten Neumann zu diskutieren.

Der Film, der lediglich 37 Minuten dauert, begleitet die Israel-Korrespondentin der »Süddeutschen Zeitung«, Alexandra Föderl-Schmid, und den Fotografen Konrad Rufus Müller bei ihrer Reise für einen Interview- und Fotoband mit eindringlichen Schwarz-Weiß-Porträts (Unfassbare Wunder, Böhlau-Verlag).

Deutschland Er zeigt aus ihrer Perspektive, und damit »durch die deutsche Brille« (Donath), Begegnungen mit Zeugen der Schoa in Israel, Deutschland und Österreich. Deren Geschichten kommen dabei nur in Ausschnitten zur Sprache. Diese lassen erahnen, was die Protagonisten er- und überlebten, und mitunter, wie sie weiterlebten.

Im Fokus des Films, der noch rund ein Jahr in der 3sat-Mediathek zu sehen ist, stehen die Interaktionen von Journalistin und Fotograf mit den Menschen, die sie aufsuchen: »Das ist Deutschland«, sagt etwa Manfred Rosenbaum, 1924 in Berlin geboren, im Film, als er seinen Besuchern im israelischen Givatayim einen Brief der SS vorzeigt, dessen Adressatin den Empfang der Uhr eines Ermordeten quittieren sollte.

»Das war Deutschland«, entgegnet ihm Fotograf Müller sofort, seither habe sich viel geändert. »Ich hoffe es«, hört man Rosenbaum leise sagen.

www.3sat.de/kultur/kulturdoku/die-zeugen-102.html

Berlin

Swing-Konzert nach Hüftoperation

Nur Tage nach dem Eingriff will Andrej Hermlin wieder auf der Bühne sein. Unter anderem steht ein großes Konzert in der Philharmonie an

von Imanuel Marcus  08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Gil Ofarim reagiert auf Kritik an Dschungelcamp-Teilnahme

Gil Ofarim sorgt mit dem Einzug ins Dschungelcamp wieder für Wirbel. Nach Boykott-Aufrufen von Fans äußert er sich erstmals selbst

 08.01.2026

Kulturkolumne

Litwaks: Bin ich einer von ihnen?

Kühl, rational, berechnend und skeptisch – so sind sie laut der »YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe«

von Eugen El  08.01.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  08.01.2026

Ausstellung

Saurier, Krieg und Davidsterne

»Bad/Good Jews« von Marat Guelman und Yury Kharchenko in Berlin setzt sich auf beeindruckende Weise mit jüdischer Kunst und Identität auseinander

von Stephen Tree  08.01.2026

Sehen!

»After the Hunt«

Luca Guadagninos Film spielt mit Erwartungen, hinterfragt Machtstrukturen und lässt bewusst Raum für Interpretation

von Katrin Richter  08.01.2026

Programm

Kicken, Karneval, König Salomo: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Januar bis zum 14. Januar

 08.01.2026

In eigener Sache

Die Jüdische Allgemeine erhält den »Tacheles-Preis«

WerteInitiative: Die Zeitung steht für Klartext, ordnet ein, widerspricht und ist eine Quelle der Inspiration und des Mutes für die jüdische Gemeinschaft

 07.01.2026 Aktualisiert