Kommentar

Der »Spiegel« schreibt am eigentlichen Thema vorbei

Rebecca Seidler Foto: picture alliance/dpa

Neulich erschien ein Artikel im Spiegel mit der Überschrift »Nach Vorwürfen wegen sexualisierten Übergriffen und Machtmissbrauch - Der Streit ums Rabbinerkolleg eskaliert«. Wer dann erwartet hat, im Artikel würden die Hintergründe zum bestehenden Konflikt erläutert werden, wurde enttäuscht.

Denn statt über die erforderliche Neustrukturierung der liberalen und konservativen Rabbinats- und Kantoratsausbildung zu berichten, wurde eine Konfliktlinie konstruiert, die längst verwunden ist. In den 90er-Jahren gab es wahrlich tiefe Gräben zwischen dem orthodoxen und dem liberalen Judentum in Deutschland. Harte Debatten und der Aufbau von neuen, pluralistischen Strukturen in der jüdischen Gemeindelandschaft waren erforderlich und kosteten viel Energie und Zeit - hierfür gilt allen Beteiligten Anerkennung.

Seit Jahren nun ist das liberale Judentum fester Bestandteil des Zentralrats. Liberale, konservative und orthodoxe jüdische Gemeinden werden durch den Zentralrat gleichberechtigt vertreten und gefördert und die gegenwärtigen Herausforderungen nach dem 7. Oktober 2023 haben die jüdischen Gemeinden noch weiter vereint. Der im vergangenen Jahr gegründete »Jüdische Liberal-Egalitäre Verband« (kurz: JLEV) unter dem Dach des Zentralrats ist ein weiterer Beleg dafür, dass liberales Judentum genauso zum Zentralrat gehört wie etwa der »Bund traditioneller Juden in Deutschland«.

Der Spiegel-Artikel lenkt durch die vermeintliche Konfliktlinie zwischen dem orthodoxen und liberalen Judentum vom eigentlichen Thema ab: ein Schlag ins Gesicht, insbesondere für die Betroffenen des jahrelangen Machtmissbrauchs. Es ist erforderlich, vertrauensvolle und transparente neue Strukturen zu schaffen, die unabhängig sind von einzelnen Personen.

Zudem ist eine Einmischung aus dem Ausland - wie geschehen durch die World Union for Progressive Judaism oder der European Union for Progressive Judaism - in hiesige Ausbildungssysteme und in liberales jüdisches Leben in Deutschland abzulehnen, so wie bei anderen Religionsgemeinschaften. Selbstverständlich sind internationale Netzwerke bereichernd und auch weiterhin zu fördern, aber ausländische Funktionäre dürfen keinen Machteinfluss haben auf die Ausgestaltung jüdischen Lebens hierzulande.

Die Neugründung der Levinson-Stiftung für eine liberale und konservative Rabbinats- und Kantoratsausbildung ist somit ein wichtiger Schritt, um das lebendige, vielfältige jüdische Leben in Deutschland weiterzuentwickeln und endlich wieder den Fokus auf Inhalte statt auf persönliche Machtkämpfe zu richten.

Die Autorin ist Co-Vorsitzende des Jüdisch Liberal-Egalitären Verbandes.

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Standpunkt

Braucht es ein Verbot?

Warum gerade Juden einen Social-Media-Stopp für Jugendliche unter 16 Jahren unterstützen sollten

von Daniel Neumann  27.02.2026

Musik

Der große Romantiker: Bruno Mars ist der König des Soul

Das Warten hat sich gelohnt. Mit »The Romantic« zeigt der 40-jährige Künstler mit jüdischem Familienhintergrund, dass er weiter in einer eigenen Liga spielt

von Philip Dethlefs  27.02.2026

Berlin

Wegner: Berlinale darf nicht für Propaganda genutzt werden

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) nimmt zum jüngsten Skandal bei den Filmfestspielen Stellung

 27.02.2026

Online-Hass

Hugh Laurie und die Anti-Zionisten

Der britische Filmstar Hugh Laurie wurde zum Ziel von Anti-Zionisten, nachdem er öffentlich um die verstorbene israelische Produzentin Dana Eden getrauert hatte

 27.02.2026

Essay

Ich habe Xavier Naidoos öffentlicher Abbitte geglaubt ...

Da steht er also wieder vor dem Kanzleramt. Nicht als Sänger, nicht als geläuterter Rückkehrer, nicht als jemand, der seine eigenen Irrwege wirklich aufgearbeitet hätte, sondern als Lautsprecher für den nächsten verschwörungsideologischen Ausnahmezustand

von Serdar Somuncu  27.02.2026

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Interview

»Lachen statt verzweifeln«

Ein Gespräch mit der Meme-Künstlerin ruth__lol über jüdischen Humor, die komische Seite des Antisemitismus und eine Leerstelle in den sozialen Medien

von Joshua Schultheis  26.02.2026

Reaktionen

»Plattform für antisemitische Hetze«: Das sagen Künstler und Politiker zur geplanten Tuttle-Absetzung

Wolfram Weimer will die Berlinale-Chefin nach dem jüngsten Antisemitismus-Skandal absetzen. Das sorgt – so wie die Rede von Abdallah Alkhatib – für kontroverse Diskussionen. Ein Überblick

 26.02.2026