Glosse

Der Rest der Welt

Joshua Schultheis Foto: Charlotte Bolwin

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich Steven Spielbergs Entschuldigung annehme

von Joshua Schultheis  06.06.2023 09:12 Uhr

Meine größte Angst war immer tiefes Wasser. Die Ursache für meine Thalassophobie, Griechisch für »Angst vor dem Meer«, kann ich auf einen einzigen Schlüsselmoment zurückführen: Als Kind, vielleicht war ich sechs oder sieben Jahre alt, habe ich einmal bei einem Freund übernachtet, und spätabends haben wir noch Fernsehen geguckt. Es lief Der Weiße Hai von Steven Spielberg.

Die meiste Zeit über sieht man in dem Film, der in den 70er-Jahren den Ruhm des Regisseurs begründen sollte, den wichtigsten Protagonisten gar nicht. Nur die berühmt gewordene Suspense-Musik kündigt an, dass sich der »Great White« in der Nähe des kleinen Kutters befinden muss, dessen Besatzung Jagd auf ihn macht. Als definitiv nicht altersgemäßer Zuschauer war ich bereits ein Nervenbündel, als der Abschnitt des Films anfing, in dem sich der wahre Horror abspielt: Das gewaltige Raubtier reißt das Heck des Bootes ab, verbeißt sich in den Kapitän und zieht ihn ins Meer.

ängste Auch wenn der Mensch am Ende über das Ungeheuer triumphiert und es in 1000 Stücke sprengt, war der Spaß für mich gelaufen: Weiter als knietief habe ich mich seitdem in Seen und im Meer nicht mehr getraut. Man soll sich mit seinen Ängsten konfrontieren, heißt es. Deshalb habe ich einen Tauchkurs gemacht – in einem Baggersee in Süddeutschland. Das Gewässer erfüllte meine Bedingungen – tief, dunkel und kalt –, hatte aber den Vorteil, dass ich dort sehr wahrscheinlich nicht auf Haie treffen würde.

Wobei ja jeder weiß: Die Natur ist immer für eine Überraschung gut. In dem Theorie-Buch, das ich zur Vorbereitung auf den Kurs lesen sollte, war zwar viel von Tauchunfällen, Luftknappheit und Dekompressionskrankheit die Rede, Haie wurden aber erstaunlich selten erwähnt. Das beruhigte mich schon ein bisschen. Als sich mein Tauchlehrer schließlich als sehr erfahren und kompetent erwies, war ich mir meiner Sache ganz sicher. Erst nach dem Kurs erzählte er mir, dass ihm einmal vor Fuerteventura ein Hai fast die Hand abgebissen hätte.

Während der ersten Tauchgänge ist man aber ohnehin viel zu sehr mit der ganzen Technik befasst, als dass man sich auf eventuelle Attacken aus der Tiefe konzentrieren könnte: Jacke aufblasen, Maske richten, Flaschendruck checken, Luft wieder ablassen.

baggersee Als ich das alles im Griff hatte und es richtig losging, konnte ich das Tauchen tatsächlich genießen. In so einem Baggersee gibt es allerhand zu beobachten: von Kaulquappen über dicke Karpfen bis hin zu Wäldern aus Wasserpflanzen und versunkenen Ruderbooten. Und die größten Tiere, die uns begegnet sind, waren keine gefährlichen Raubfische, sondern nur bis zu 1,8 Meter große Primaten in Neoprenanzügen.

Heute kann ich voller Stolz sagen, dass ich zertifizierter Tauch-Anfänger bin und meine Angst vor tiefem Wasser weitgehend überwunden habe. Steven Spielberg hat übrigens vor einer Weile für die ganzen Sorgen und Phobien, die sein Weißer Hai in vielen Zuschauern ausgelöst hat, um Verzeihung gebeten. Lieber Herr Spielberg, ich nehme Ihre Entschuldigung an!

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich die schlechte Antwerpener Luft so manchem Insekt vorziehe

von Margalit Edelstein  12.05.2026

Ausstellung

Zerstörung bauen

Das Jüdische Museum Berlin würdigt das Werk von Daniel Libeskind und feiert den 80. Geburtstag des Architekten

von Thomas Sparr  12.05.2026

Eurovision Song Contest

Autor von Kultserie macht TV-Sender schwere Vorwürfe

Irlands Sender RTÉ boykottiert den diesjährigen ESC, weil Israel daran teilnimmt. Jetzt kommt Gegenwind: Drehbuchautor Graham Linehan will nicht, dass zeitgleich eine Episode der von ihm mitgeschaffenen Sitcom »Father Ted« ausgestrahlt wird

 12.05.2026

Serie

Filmemacher: Tagebuch von Etty Hillesum als Pflichtlektüre an Schulen

Die jüdische Autorin Etty Hillesum wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Eine Serie über den Holocaust ist »Etty« jedoch nicht: Es geht vielmehr um ihr Leben und ihre Ideen - die heute höchst aktuell erscheinen

von Paula Konersmann  12.05.2026

Eurovision

Weimer fährt für Israels ESC-Auftritt nach Wien

»Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten«, sagt der Kulturstaatsminister

 12.05.2026

Filmfestivals

Regisseurin: Filmfeste müssen politische Debatten aushalten

Wird es in Cannes ähnlich politisch wie bei der Berlinale?

 12.05.2026

Fernsehen

»Etty«: Eine junge Frau umarmt das Leben und trotzt der Vernichtung

Amsterdam 1941: Die jüdische Intellektuelle Etty Hillesum besiegt ihre Ängste und erlebt eine große Liebe. Sie führt Tagebuch, das viele weltweit berührt. Nun ist es verfilmt worden

von Annette Birschel  12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026

Wien

Wie gewinnt man eigentlich den ESC?

Ein Lied über Krieg? Ein queerer Act? Oder ein Song, über den vor allem Jurys jubeln? Viele Thesen kursieren, wie man den Eurovision Song Contest gewinnt. Zeit für eine Annäherung kurz vor dem Finale

von Gregor Tholl, Jonas-Erik Schmidt  12.05.2026