Biografie

Der mysteriöse Mr. S.

Fleißarbeit: Kenneth Slawenskis Salinger-Biografie Foto: Roger & Bernhard

Biografie

Der mysteriöse Mr. S.

Kenneth Slawenski geht den Spuren des Schriftstellers Jerome D. Salinger nach

von Georg Patzer  11.02.2013 21:18 Uhr

15 Bücher hat er noch verfasst. Oder sieben. Man weiß es nicht genau. Bekannt ist nur, dass er immer weiter geschrieben hat. Und das ohne den Willen, jemals wieder etwas zu veröffentlichen. Dabei hätten die Verlage von ihm alles genommen, und keiner hätte sich getraut, auch nur einen Strich zu lektorieren.

Jerome David Salinger (1919–2010) war und ist ein Mythos. Einen Roman hat er veröffentlicht, drei schmale Bücher mit Kurzgeschichten, eine lange Story im »New Yorker«. Das war’s. Mit dem Roman wurde er berühmt, die ganze Welt kennt den Fänger im Roggen. Und die Kurzgeschichten bewiesen, dass ihr Autor ein brillanter Stilist war, der in nur wenigen Sätzen eine Figur oder eine Beziehung charakterisieren konnte.

Viele dieser Storys kreisen um eine exzentrische jüdische New Yorker Familie namens Glass. Es geht dabei vor allem um Krisen: Lebenskrisen, Ehekrisen, spirituelle Krisen. Da ist das Genie der Familie, Seymour, der als Kind, als er auf seine zehn Monate alte Schwester aufpassen muss, ihr eine taoistische Fabel vorliest, mit dem Kommentar: »Sie hat Ohren. Sie kann hören.« Der sich schließlich im Urlaub neben seine schlafende Frau setzt und sich erschießt.

Da ist Seymours Schwester Franny, die mit ihrem langweiligen Freund Schluss macht und dann zu Hause zusammenbricht. Ihr Bruder Zooey, der ihr aus ihrer religiösen Krise hilft, indem er ihr von Seymours Rat für ein besseres Leben erzählt. Die Schwester Boo Boo, die ihren kleinen Sohn davon überzeugen muss, aus dem Boot auszusteigen, in das er sich verkrochen hat, nachdem er in der Schule beleidigt worden ist, mit einem antisemitischen Schimpfwort, das er nicht einmal richtig verstanden hatte.

autobiografisch Viele von Salingers Geschichten sind autobiografisch unterfüttert. Kenneth Slawenski unternimmt es in seiner neuen Biografie, diesen Hintergrund zu erzählen. So erfährt man ausführlich von Salingers Vorkriegsreise nach Europa, wo er in Polen in einer Fleischfabrik Schweine zerlegte und sich in Wien mit einer jüdischen Familie anfreundete, die er nach 1945 vergeblich suchte. Man liest von Salingers Zeit als Infanteriesoldat an der Front. Vor allem die fürchterliche Schlacht im Hürtgenwald im Februar 1945 hat ihn nachhaltig schockiert. Sie bildet die Folie für manche Geschichte, in denen die Hauptpersonen erschütterte, instabile junge Männer sind wie Holden Caulfield, der seine Geschichte ja aus einem Sanatorium heraus erzählt.

Slawenski erzählt auch von Salingers Verhören ehemaliger Gestapo-Mitglieder als Angehöriger einer Aufklärungseinheit. Thema ist auch seine seltsame Ehe mit Sylvia Welter, einer Deutschen, die er am 10. Mai 1946 nach seiner Entlassung aus der Army nach New York mitnahm. Im Juli war sie dann bereits wieder in Europa, kurz danach wurde das Paar geschieden. Salinger heiratete später eine junge Studentin, mit der er zwei Kinder hatte. Wir erfahren viel über diese Ehe, ebenso wie über Salingers Beziehungen zu Nachbarn, Bewunderern, Verlegern und Kritikern – auf Letztere reagierte er sehr empfindlich und auch nachtragend.

storys All das, auch Salingers intensive Beschäftigung mit Buddhismus und Hinduismus, erzählt Slawenski in großer Breite und mit vielen Einzelheiten, die er jahrelang mühsam recherchiert hat. Dankbar ist man ihm für die Details über Salingers frühere Kurzgeschichten, die zwar einmal in Zeitschriften erschienen, aber nie als Buch gesammelt und schon gar nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Zu viel des Guten tut der Verfasser aber bei den überlangen Nacherzählungen der Geschichten, die seit vielen Jahren publiziert sind. Da hätte er sich sehr viel kürzer halten können. Was auch fehlt, sind eine Zeittafel und ein paar Fototafeln in guter Qualität.

Und das letzte Geheimnis, wie viele Bücher Salinger noch geschrieben hat, kann auch Slawenski nicht lüften. Denn zwar weiß man, dass es die Manuskripte gibt, aber wie viele es sind und ob wir sie je zu sehen bekommen werden, das kann der Biograf nicht sagen. Und so bleibt immer noch ein letztes Geheimnis um J. D. Salinger, diesen großen Mann der amerikanischen Literatur.

Kenneth Slawenski: »Das verborgene Leben des J. D. Salinger«. Übersetzt von Yasmin von Rauch. Rogner & Bernhard, Berlin 2012, 440 S., 29,95 €

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