Sein Vorname bedeutet: »Er wird lachen«. Eine Vorhersage, die sich erfüllt hat: Itzhak Perlmans ganzes Leben wird von fröhlichen Gesichtern begleitet. Bei den Proben, auf der Bühne, als Lehrer, in den Ferien mit seiner Frau Toby, den Kindern und Enkeln. Selbst im Weißen Haus brachen die vielen prominenten Gäste während einer würdevollen Feierstunde in Lachen aus.
Der damalige US-Präsident Barack Obama hatte seinen Ehrengast anlässlich der Verleihung einer hohen Auszeichnung gefragt, welcher Klang ihm, dem einzigartigen Geiger, der liebste sei. Was er besonders gern höre? »Das Brutzeln frisch angebratener Zwiebeln in einer gusseisernen Pfanne«, antwortete der leidenschaftliche Hobbykoch Perlman.
Der Sound seiner Stradivari, die er von Yehudi Menuhin erwarb, brutzelnde Zwiebeln und Gelächter – das Klangbild eines glücklichen Menschen. Liegt dies nicht nur an seinem Talent und seinem (jüdischen) Humor, sondern auch an dem Namen, den seine Eltern für ihn ausgesucht hatten?
Im Alter von vier Jahren erkrankte er in Tel Aviv an Polio.
Für sie selbst gab es nur wenig zu lachen am Ende des Krieges. Der bitterarme Friseur Chaim Perlman und seine Frau Shoshana waren kurz vor dem Überfall der Deutschen aus Polen nach Tel Aviv emigriert. Sie fühlten sich fremd im Land, sprachen untereinander nur Jiddisch – und sie wussten, dass ihre Familien nie wiederkehren würden.
Ihren Sohn, am 31. August 1945 geboren, nannten sie dennoch Itzhak. Dass dieser Junge mit seinem freundlichen runden Gesicht später nicht nur einer der besten Geiger des Jahrhunderts werden würde, sondern obendrein auch noch der witzigste, wer konnte das damals ahnen?
Die 3/4-Geige warf er später unters Bett, übte aber dennoch
Es war die Zeit, als Familien sich zu klassischen Konzerten vor dem Radio versammelten. Der kleine Itzhak hörte den großen Jascha Heifetz, um mit drei Jahren zu beschließen: So will ich auch spielen. Die 3/4-Geige warf er später unters Bett, lächerliches Kinderspielzeug, übte aber dennoch. Er übte weiter, als er kurz darauf schwer an Polio erkrankte und nur noch mit Krücken laufen konnte. Vater Chaim gab deshalb den Friseursalon auf, dieser lag zu weit von der Schule entfernt, die Eltern schlugen sich als Wäscher durch. Itzhak war Klassenbester, und er übte ständig. Nicht genug, befanden die Eltern, aber doch genug, um mit neun Jahren in die Academy of Music in Jaffa aufgenommen zu werden und im israelischen Rundfunk zu debütieren.
Ein Wunderkind? Nein, antwortet Perlman mit seiner typischen selbstironischen Leichtigkeit dem Filmemacher Christopher Nupen: »Eine Anormalität reicht, ich war schließlich behindert. Zwei wären zu viel.« Der Mann, der seine Konzerte im Sitzen spielt, fährt ernsthafter fort: »Wenn man sehr jung ist, wirkt nichts Fundamentales wirklich schwer. So wie man sprechen lernt, lernt man, Musik zu hören und zu verstehen. Dieser Instinkt geht nie mehr verloren.«
Mit 13 nahm ihn die Juillard School in New York auf, er teilte sich ein winziges Zimmer mit seiner Mutter und spielte abends in teuren Hotels. Eine Schule für die Bühne. Wenn er beim Dessert zu Rimski-Korsakows »Hummelflug« ansetzte, die Gäste währenddessen Kaffee bestellten und die Ober mit Geschirr und Besteck klapperten, musste der kleine Perlman um Aufmerksamkeit für seine Kunst buhlen. Der erste hymnisch gefeierte Auftritt in der Carnegie Hall? »Ein Kinderspiel dagegen. Die Leute waren ja alle gekommen, um mich zu hören. Niemand schmatzte, plauderte und ließ Gläser klingen. Da ist Spielen dann ganz einfach.«
Das Spiel. Die Geige. Der Klang. Viele Musikkenner und große Musiker haben versucht, Perlmans Kunst zu beschreiben. Verführerisch. Wohlgestaltet. Samtig. Großvolumig. Verströmend. Kraftvoll. Geschmeidig. Diskret-innig bei Bach. Witzig und lässig bei Sarasate. Mühelos tiefgründig und virtuos bei Beethoven.
Manche Hardcore-Klassikmaniacs nehmen ihm seine Ausflüge ins leichte Fach übel
Manche Hardcore-Klassikmaniacs nehmen ihm seine Ausflüge ins leichte Fach übel. Solche Kritik ist Perlman egal. John Williamsʼ berühmtes Thema aus Schindlers Liste hat er nicht nur für den Soundtrack zu Steven Spielbergs Film eingespielt. Die Melodie war auch seine häufigste Zugabe auf der Bühne – der größte Wunsch des Publikums. Im hinreißenden Film von Alison Chernick Itzhak Perlman – Ein Leben für die Musik spielt Perlman die Geigen von Musikern, die in Auschwitz ermordet wurden. »Die Geige ist der Nachbau der Seele«, so der Tel Aviver Geigenbauer Amnon Weinstein, der diese Instrumente sammelt und restauriert.
Perlman selbst hält seine eigene Kunst und die anderer großer Geiger für unergründlich. Warum manche technisch perfekt spielen und die Menschen trotzdem nicht berühren und andere jedes Mal von Neuem? Unerklärlich. Warum so viele Juden große Geiger wurden? »Mit dem Instrument kann man besser fliehen als mit einem Klavier«, zitiert er lachend seinen Kollegen Isaac Stern.
Ein Highlight seines Lebens war der Auftritt im Baseballstadion.
Was er wohl geworden wäre ohne die Behinderung? Geiger oder Baseballprofi? In Konzertpausen schaut er die großen Spiele, ein Highlight seines Lebens war der Auftritt im Baseballstadion, im elektrischen Rollstuhl spielte er Jazz und Pop. Fest steht: Ohne seine zauberhaft-energische Frau Toby, die sich mit 17 Jahren unsterblich in Itzhak verliebte und Mutter von fünf gemeinsamen Kindern wurde, wäre seine Karriere undenkbar.
Sie weiß, wann die E-Saite der Geige zu scharf klingt, sie ruft ihn an, wenn sie eines seiner Rezepte nachkocht und noch Ratschläge für die Garzeit braucht. Sie lässt die tief verschneiten New Yorker Wege räumen, damit ihr Mann, der auch für sein Engagement für die Rechte behinderter Menschen ausgezeichnet wurde, im Rollstuhl die Straßen überqueren kann.
Ob er manchmal Angst hat zu fallen? »Hinfallen ist egal. Fast hinfallen ist viel schlimmer. Der Schreck, das Adrenalin. Lieber ordentlich fallen. Wenn man etwas macht, dann richtig.« Möge Itzhak Perlman noch lange richtig leben und vor allem lachen. Bis mindestens 120. Masal tow!