Immunsystem

Den Zombiezellen Paroli bieten

Wenn man die Prozesse, die sich abspielen, dann lassen sich auch Therapieansätze entwickeln. Foto: Clara Wischnewski via KI

»Mens sana in corpore sano«, was auf Deutsch so viel wie: »Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper« heißt, ist ein häufig zitierter lateinischer Spruch, der auf den Zusammenhang zwischen mentaler und physischer Gesundheit anspielt und von dem römischen Dichter und Satiriker Juvenal stammen soll. Das eine würde nicht ohne das andere funktionieren, so der Hauptgedanke hinter diesem klugen Satz. Fragt man aber Michal Schwartz, so sollte statt einem »gesunden Körper« viel häufiger von einem »gesunden Immunsystem« die Rede sein.

Denn die Professorin für Neuroimmunologie am renommierten Weizmann-Institut in Rehovot und Trägerin des Israel-Preises des Jahres 2023 ist überzeugt, dass vor allem ein funktionierendes Immunsystem die Grundvoraussetzung für die mentale Leistungsfähigkeit ist. »Mit zunehmendem Alter baut es aber ab und wird defizitär«, skizziert Schwartz im Gespäch mit der »Times of Israel« diese Problematik. »Das alternde Immunsystem mag vielleicht nicht die Hauptursache für die Alterung des Gehirns sein, es ist aber ein wichtiger Katalysator.«

Das Gehirn ist eines der Organe, die von der Immunalterung besonders betroffen sind.

Wenn man aber die Prozesse, die sich dabei abspielen, weitestgehend versteht, dann lassen sich auch Therapieansätze entwickeln, wodurch neurodegenerative Erkrankungen verhindert werden können – so ihr Ansatz. Oder anders formuliert: Alterungsprozesse lassen sich dann auch verlangsamen oder womöglich sogar umkehren – sprich, eine Verjüngung des Gehirns wäre theoretisch möglich. Das sind die Ergebnisse ihrer Forschungen, die Schwartz und ihr Team gerade in einem Beitrag für das Fachmagazin »Neuron« veröffentlicht haben.

Verstärkte Entzündungsreaktionen und Akkumulation von alternden Zellen

»Das alternde Immunsystem erfährt eine Vielzahl von Veränderungen, darunter ein Ungleichgewicht bei den Immunzellpopulationen, verstärkte Entzündungsreaktionen und die Akkumulation von alternden Zellen«, ist in dieser Publikation zu lesen. Bei Letzteren handelt es sich um sogenannte seneszente Zellen, also solche, die sich altersbedingt nicht mehr teilen können, wohl aber aktiv bleiben und entzündungsfördernde Stoffe wie Zytokine oder Proteasen freisetzen.

Sie werden deshalb auch gerne »Zombiezellen« genannt. »Diese Veränderungen beeinträchtigen nicht nur die Fähigkeit des Immunsystems, Infektionen zu bekämpfen und die Homöostase aufrechtzuerhalten, sondern wirken sich auch auf alle Systeme des Körpers aus und erhöhen das Risiko für zahlreiche Krankheiten und Leiden. Das Gehirn ist eines der Organe, die von der Immunalterung besonders betroffen sind,« erklärt die Expertin.

In diesem Kontext kommen die Senolytika ins Spiel. Das sind Medikamente, die speziell diesen »Zombiezellen« Paroli bieten sollen. In einer Versuchsreihe habe man bereits älteren Mäusen einen »senolytischen Cocktail« aus verschiedenen Medikamenten verabreicht, woraufhin sich die kognitiven Fähigkeiten der greisen Nagetiere deutlich verbesserten, so Schwartz.

Faktoren wie Genetik, Hormonhaushalt oder das psychische Wohlbefinden spielen eine wichtige Rolle – auch der persönliche Lebensstil.

Selbstverständlich, so die Wissenschaftlerin, sind solche Interventionen, um das Immunsystem auf Vordermann zu bringen nur eine Seite der Medaille. Andere Faktoren wie Genetik, Hormonhaushalt oder das psychische Wohlbefinden spielen ebenso eine wichtige Rolle – wie auch der persönliche Lebensstil, womit gesunde Ernährung und regelmäßige körperliche Bewegung gemeint sind.

Schwartz beschäftigt sich bereits seit über 27 Jahren mit diesen Themen. Damals, als sie in den Funktionsweisen des Immunsystems den Schlüssel sah, neurodegenerative Erkrankungen und Alterungsprozesse zu verhindern oder zumindest abzumildern, schlug ihr eher Ablehnung entgegen.

Wieder wurde mit der Blut-Hirn-Schranke gegen ihre Thesen argumentiert. Denn jahrzehntelang war es in der Forschung Konsens, das Gehirn vollständig vom Immunsystem isoliert zu betrachten und die Immunzellen in der Peripherie zu ignorieren.

Mittlerweile habe sich das aber geändert, die Fachwelt stehe all dem jetzt deutlich aufgeschlossener gegenüber. Heute wisse man einfach mehr über den »komplizierten Tango« zwischen dem Immun- und dem Nervensystem, der sich insbesondere an den Grenzen des Gehirns abspielt, wo sich die Immunzellen konzentrieren. Eine Option. »Viel emotionale Resilienz war dafür nötig«, so die Wissenschaftlerin rückblickend.

Die kognitiven Fähigkeiten greiser Mäuse konnte man schon deutlich verbessern.

Neben den Senolytika sind auch Antikörper, die das Immunsystem durch die Stärkung Gehirn-relevanter Zellen »boosten« für Schwartz das geeignete Mittel. Damit habe sie gleichfalls reichlich Erfahrungen, wie das von ihr 2015 mitbegründete Start-up ImmunoBrain Checkpoint (IBC) beweist, das sich erfolgreich der Entwicklung von Therapien zur Behandlung von Alzheimer und Demenz verschrieben hat.

»Das Boosten des Levels von T-Zellen, die das Gehirn unterstützen, insbesondere solchen, die sich in hirnspezifischen Nischen aufhalten, wo sie auf ihre spezifischen Antigene treffen, könnte eine mögliche Strategie zur Verlangsamung oder Verzögerung der Auswirkungen des Alterns sein«, heißt es deshalb auch in dem Beitrag in »Neuron«.

Am Ende könnte, so heißt es darin ferner, auch eine Art »Anti-Aging-Impfung« stehen – aber das sei noch Zukunftsmusik. Das ultimative Ziel der Wissenschaftler laute zunächst, einer Verschlechterung des Immunsystems entgegenzuwirken, fasst die Professorin für Neuroimmunologie zusammen.

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