Roman

Damals in Beit Hakerem

Verarbeitet in »Erwachen« den Tod seiner Mutter und den Suizid eines Freundes: Nir Baram Foto: Getty Images

Roman

Damals in Beit Hakerem

Der israelische Schriftsteller Nir Baram ertastet in »Erwachen« die verbindende Kraft der Freundschaft

von Frank Keil  12.03.2020 12:03 Uhr

Wir sind ungefähr bei der Hälfte des Romans angekommen, da beginnt der Held der Geschichte wieder zu schreiben. Er fertigt erste Notizen, versucht, eine Geschichte zu entwickeln, sitzt mit dem Laptop in einem dieser tiefen Sessel in der Hotellobby. Er bestellt sich etwas zu trinken, ein Bier, einen Gin Tonic, tippt und überlegt. Und bald schon fällt ihm auf, dass Szenen, an denen er gerade schreibt und feilt, schon so in seinen Büchern aufgetaucht sind. Ist das nun ein gutes oder ein nicht so gutes Zeichen?

Jonathan ist Schriftsteller. Ein erfolgreicher dazu, denn er kann vom Schreiben gut leben. Gerade ist er zu einem internationalen Schriftstellerkongress nach Mexiko-Stadt eingeladen. Lesungen, Podiumsgespräche und einige Interviews begleiten seinen Aufenthalt. Nur hat er seit einiger Zeit nichts mehr geschrieben, er steckt fest, gründlich und grundsätzlich, und »Schreibkrise« wäre ein zu harmloses Wort für das, was ihm zu schaffen macht, was ihn seit Längerem aus der Bahn geworfen hat.

WIRRNIS Und so finden wir ihn in einem recht desolaten Zustand vor, auf den ersten Seiten, als wir ihn kennenlernen: Jonathan kann sich kaum noch erinnern, was am Abend und in der Nacht zuvor passiert ist, wo er war und mit wem. Kurz blitzen die zerhackten Bilder einer Party auf, die Musik war laut, eine Frau mit Brille sprach ihn an, einem obskuren Verleger begegnete er, den die Mafia gefangen gehalten haben soll, wie man raunte, dann versinkt alles wieder in einem Nebel aus Alkohol und Kokain und Wirrnis. Nir Barams neuer Roman heißt nicht zufällig Erwachen.

Jonathan und Joël halten als beste Freunde zusammen einiges aus.

Drei Jahre hat Baram an diesem Werk gearbeitet. Er verarbeitet darin den Tod seiner Mutter und den Selbstmord eines engen Freundes, ohne auf vereinfachende Weise autobiografisch zu sein. Erwachen ist harter Stoff, druckvoll erzählt, mit der Tendenz zum Atemlosen, manchmal zum Hyperventilieren. Und ebenso getragen von der Gegentendenz des ruhigen Erzählens, des Entwickelns intimer Szenerien: Nir Baram hat ein ausgezeichnetes Gespür für die richtige Mischung aus Anspannung und Entspannung, das Spiel aus Nähe und Distanz und für urplötzliche Kippmomente.

Und dazu geht es zurück in die 80er-Jahre, in den Jerusalemer Stadtteil Beit Hakerem. Es ist ein »besseres« Viertel. Die Eltern wollen, dass aus ihren Kindern später etwas wird, und sie sind entschlossen, dass es so kommt. Vielleicht spürt Jonathans Mutter deshalb, dass sie diesen Joël nicht recht mag. Mit ihm wird sich ihr Kind anfreunden, sie werden beste, unzertrennliche Freunde. Sie stehen einander bei, auch wenn die größeren Jungs aus der Siedlung ihnen prügelnd zu Leibe rücken. Zusammen halten sie einiges aus. Sie lernen Mädchen kennen, die sie in eine andere Welt als die der ruppigen Jungmännlichkeit führen, sie konkurrieren um sie. Sie haben nun jeweils jemand anderen im Sinn, dem sie nahe sein können. Sie suchen sich auch sonst andere Freunde, eine Clique, und finden zueinander zurück.

Da sind wir in den 90er-Jahren angekommen, das Abitur ist bald bestanden, der Militärdienst wartet nicht mehr lange, und danach beginnt das nächste Leben, so hat man es gehofft. Immer wieder kreuzen sich Joëls und Jonathans Wege, im guten wie im anstrengenden Sinne. Denn Joël findet nicht in die Welt. Er schläft nicht oder schläft nur. Er taucht für längere Zeit ab, reist, wohin auch immer. Joël hat Beziehungen, die zu nichts führen. Er kehrt zurück zu seinen Eltern, zurück in das Viertel ihrer Kindheit und Jugend. Sie treffen sich dort, wo sie noch jede Straßenecke kennen. Und immer deutlicher wird, dass ihre so enge Verbundenheit sich zunehmend allein aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit speist, über die man immer wieder reden und an die man sich fortlaufend gegenseitig erinnern muss: Weißt du noch? Fällt es dir wieder ein? Sag bloß, du hast das vergessen!

»Erwachen« ist auch ein Buch über die Rätsel der Kindheit und Jugend.

So wie sie auch kein Wort darüber verlieren, dass Joëls Nachfragen nach dem Wohlergehen von Jonathans junger Familie maximal formale Höflichkeit ist, aber nicht mehr. Was tun, wenn der eine vorwärtsschreitet und der andere stehen bleibt? Wenn der eine immer erkennbarer den Halt verliert – und am Ende nicht zu retten ist? Wie sich nun von dem lösen, was einen einst verband? Und wie mit Gefühlen von Scham, Schuld und Verantwortung umgehen?

HEFTE Erwachen ist aber nicht allein ein Roman über Freundschaft, der ertastet, was sie ist und nicht ist, wie sie uns täuschen kann, wie sie uns belastet und wie wir ihrer verbindenden Kraft dennoch nicht entkommen können. Es ist auch ein Buch über die Rätsel der Kindheit und Jugend, über die dunklen Momente, wenn elterliche Fürsorge ins Leere greift. Und immer wieder ist es ein Roman über den Tod und darüber, wie schwer es ist, seine Unerbittlichkeit und das, was man Schicksal, Fügung oder was auch immer nennt, auszuhalten. Und nicht zuletzt ist Erwachen auch eine Auseinandersetzung mit dem Schreiben, mithin ein Künstlerroman. Denn es sind seine Hefte, die Jonathan früh Halt geben. In den Heften notiert er, was er erlebt, das schreibend gebändigt werden will, damit Platz wird für das gegenwärtige Leben, das nur einem selbst gehört und das man mit niemandem mehr teilen muss. Erst recht nicht mit seinem besten Freund.

Nir Baram: »Erwachen«. Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch. Hanser, München 2020, 352 S., 25 €

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