Mossad

Bomben und Zahnpasta

Foto: Montage: Marco Limberg

Die Zutaten versprechen einen Verkaufserfolg. Man nehme die Geschichte der sagenumwobenen Geheimdienste Israels, würze das Ganze mit unzähligen Anekdoten über spektakuläre Aktionen gegen Terroristen, Nazis und Islamisten, lasse ordentlich kernige Agenten, Militärs und Politiker zu Wort kommen und füge dem Ganzen dann noch Talmudzitate wie »Wenn jemand kommt, dich zu töten, steh auf und töte ihn zuerst« hinzu – fertig ist der Bestsellerstoff.

Genau nach dieser Methode scheint die voluminöse Chronik über die geheimen Tötungskommandos des Mossad und der anderen Nachrichtendienste Israels zu funktionieren. Und um die Brisanz des Buches noch weiter hervorzuheben, erwähnt sein Autor Ronen Bergman vorweg, dass im Mossad eigens eine Sondersitzung stattfand, um Möglichkeiten zu besprechen, seine Recherchen zu behindern. »Alle ehemaligen Mossad-Bediensteten wurden angeschrieben und davor gewarnt, mir Interviews zu geben.« Das führt natürlich zu der banalen Frage: Wieso taten sie es dennoch? Und wa­rum konnte das Buch trotzdem ungehindert erscheinen?

einblicke Natürlich gehört Klappern zum Handwerk. Autoren und Verlage wollen auf diese Weise ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit erreichen. Das ist durchaus legitim, auch wenn es in diesem Fall ziemlich penetrant wirkt. Zudem verleiht die Tatsache, dass Der Schattenkrieg: Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad ein »Spiegel-Buch« ist, also genau von dem Nachrichtenmagazin mit herausgegeben wurde, das Israel auffällig feindselig gegenübersteht, der Veröffentlichung einen zusätzlich unangenehmen Beigeschmack.

Aber wenn man von all dem absieht, enttäuscht Ronen Bergman mit seinen sehr detaillierten Schilderungen der »Agentur, die Treffen mit Gott arrangiert«, wie es Natan Rotberg formuliert, einer der Männer, die das »Triumvirat aus AMAN, Schin Bet und Mossad« in den 50er-Jahren schufen, die in ihn gesetzten Erwartungen nicht. Wohl kaum wird man woanders eine derart detaillierte Auflistung der Operationen finden, die zudem intime Einblicke in die Denkweisen und Methoden ihrer Akteure vermittelt.

Viele dieser Einsätze der Tötungskommandos waren bereits publik. Beispielsweise das Vorgehen gegen die ehemaligen Raketentechniker der Wehrmacht, die in Nassers Ägypten an der Entwicklung neuer Waffen beteiligt waren, die gegen Israel zum Einsatz kommen sollten. Eine Serie von Briefbomben sorgte dafür, dass die meisten von ihnen kalte Füße bekamen und das Land am Nil wieder verließen. Unbekannt waren bis dato aber die Details, wie der Mossad 1962 den deutschen Geschäftsmann Heinz Krug verschwinden ließ, der für den Nachschub an Technik für dieses Projekt sorgen sollte.

Seilschaften Als Coup darf man in diesem Kontext zweifellos die Rekrutierung von Otto Skorzeny sehen, einem ehemaligen SS-Obersturmbannführer, der im Auftrag Hitlers 1943 Mussolini befreit hatte. Der Ex-Nazi erkaufte sich auf diese Weise seine Streichung von der Liste der gesuchten Kriegsverbrecher. Umgekehrt konnte Skorzeny aufgrund seiner alten Seilschaften dem Mossad bei der Beseitigung der Raketentechniker sehr behilflich sein. Für deutsche Leser mag das vielleicht neu sein, in der israelischen Presse ist diese ungewöhnliche Kooperation aber längst ausführlich beschrieben worden – spätestens seit der Historiker Benny Morris 1991 darüber berichtete.

Mit Spannung lassen sich ebenfalls die »Überraschungen« lesen, mit denen die Agenten die Drahtzieher des Terrors gegen Israel ins Jenseits beförderten. So wurde Wadi Haddad, verantwortlich für die Flugzeugentführung nach Entebbe, mit einer eigens präparierten Zahnpasta ein recht unangenehmer Tod bereitet, und dem Bombenexperten der Hamas, Jahja Ajasch, ein mit Sprengstoff versehenes Handy untergejubelt, das im richtigen Moment explodierte und ihn zum »Märtyrer« machte.

Bergman schildert ebenfalls, aus welchen Gründen Operationen schiefliefen und wie die moderne Informationstechnik die Arbeit von Mossad & Co. revolutionierte und vor neue Herausforderungen stellte. Zugleich verweist er auf die Problematik der gelegentlich sehr ausgeprägten Egos einiger Verantwortlicher, ihre Reibereien mit Regierungspolitikern und die vor allem in jüngster Zeit vorangetriebene erfolgreiche Synchronisation der verschiedenen Geheimdienste.

Moral Doch über allem steht die Frage nach der Moral und Kontrolle. Das Trauma der Schoa sowie die Tatsache, dass israelische Politiker genau wie die Mehrheit der Bevölkerung ihr Land einem ständigen Vernichtungsszenario ausgesetzt sehen, sind wohl die Gründe dafür, dass »der Staat bisweilen Maßnahmen ergreifen muss, die der Demokratie zuwiderlaufen«, wie es einmal der Ex-Mossad-Chef Meir Dagan auf den Punkt brachte.

Und da offenbart sich dann auch die Schwäche des Buches. Bergman schreibt, dass in Israel die Illusion vorherrsche, »verdeckte Operationen könnten ein strategisches, nicht nur ein taktisches Instrument sein und an die Stelle von Diplomatie treten, wenn es darum ging, die geografischen, ethnischen und nationalen Konflikte zu lösen«. Jenseits der deskriptiven Ebene hat er nichts an Analyse zu bieten außer diesen paar Zeilen. Das ist zu mager. Zudem ist die Übersetzung ins Deutsche schlichtweg grauenhaft und zeugt von großer Unkenntnis. Militärs werden regelmäßig dumm-flapsig als »Lamettaträger« bezeichnet und Kommandos des Schin Bet sind schon mal als »Einsatzgruppe« unterwegs.

Ronen Bergman: »Der Schattenkrieg: Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad«. DVA, München 2018, 864 S., 36 €

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Vladimir Shikhman

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026