Polen

Wo 1946 der Mob tobte

Grzegorz Artman ist ein Visionär. Der 38-jährige freie Künstler, der im Auftrag der polnischen Stadt Kielce die Planung und Organisation eines Begegnungs- und Erinnerungszentrums übernommen hat, spricht weniger über Details als über Ideen: Obgleich das Konzept noch längst nicht fertig ist, sei es Ziel, »einen Ort zu schaffen, der in der Sprache der Künste Themen kommuniziert, die in bloßen Worten schwierig zu beschreiben sind«.

Dabei soll die Erinnerung an das Pogrom von Kielce zentraler Bestandteil des umgebauten Gebäudes werden. Am 4. Juli 1946 ermordete eine aufgebrachte Menge von Polen 42 polnische Juden in der Stadt. »Dieses Ereignis wird ein Kern der Gedenk- und Begegnungsstätte sein«, sagt Artman. Ziel ist es, dass der Schweizer Architekt Peter Zumthor, der »weltweit für ähnlich angelegte, geistige Projekte hochgeschätzt« sei, »einen Ort schafft, der an dieser Stelle ein Symbol der Erneuerung wird«, so Artman.

Nach Angaben von Wojciech Lubawski, Präsident der Stadt Kielce, hat Zumthor, der vergangenes Jahr mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, zugesagt, den Umbau der heute als Staatsarchiv genutzten alten Synagoge zu übernehmen. Noch im Frühjahr soll der Architekt zu Besuch in die Stadt kommen.

begegnungszentrum In dem Gebäude, das auf zwei Ebenen eine Fläche von rund Tausend Quadratmetern hat, soll ein Zentrum der Begegnungen von Kultur und Religionen entstehen. Artman möchte in der Frage der Beteiligung von Peter Zumthor vorerst lieber etwas tiefer stapeln. »Die Verhandlungen mit Herrn Zumthor sind zwar in einem sehr fortgeschrittenen Stadium, aber ich bin vorsichtig, solange wir es noch nicht in trockenen Tüchern haben«, sagt er. Vor vier Jahren hat es den Warschauer nach Kielce verschlagen. Die 200.000-Einwohner-Stadt eine Autostunde nordöstlich von Krakau genießt auch im heutigen Polen keinen guten Ruf. Dies liegt vor allem an ihrer Randlage und der schlechten Verkehrsanbindung.

Nach Aussage von Artman befindet sich das Projekt zurzeit in der Organisationsphase. Details zu Terminen und Kosten kann der Künstler nicht nennen, jedoch werde die Stadt für die Organisation zuständig sein und als Träger auftreten. Das Gebäude soll auch von außen umgebaut werden. »Eine Konzeption ohne äußeren Umbau ist schwer vorstellbar«, sagt Artman. Geplant sei es, dem Gebäude seine ursprüngliche Form wiederzugeben und jene »realsozialistischen« Elemente zu entfernen, die nach dem Zweiten Weltkrieg hinzugefügt wurden.

Tatsächlich fallen die Unterschiede zwischen dem heutigen Zustand und der ursprünglichen Form der Synagoge schnell ins Auge. Das Gebäude wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Moses Pfefer, einem Vorstandsmitglied der damaligen jüdischen Gemeinde von Kielce, gestiftet. 20.000 Rubel kostete der 1909 fertig gestellte Bau, den der Stadtarchitekt Stanislaw Szpakowski entworfen hatte. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Innere der Synagoge zerstört, 1945 zündete man das Gebäude an. Nach dem Krieg wurde es im Stil des Klassizismus und des sozialistischen Realismus umgebaut und den Erfordernissen des 1955 eingezogenen Stadtarchivs angepasst.

idee Artman möchte mit dem umgebauten Gebäudes folgende Grundidee verwirklichen: »Vier Bürger in vier Dimensionen und in vier Richtungen der Welt«. Die vier Dimensionen sollen aus den Bereichen Begegnungen, Literatur, Stille und Theater bestehen. »Für jeden dieser Bereiche könnten Kuratoren eingesetzt werden. Das gegenseitige Ineinanderfließen der Bereiche soll das Durchdringen der vier Welten symbolisieren – und ein einmaliges Ergebnis zeitigen«, sagt Artman, der jahrelang unter anderem als Schauspieler auch in unabhängigen Theatergruppen wirkte. Judentum und Christentum werden dabei die Eckpfeiler sein. Schließlich ist es ein Zentrum für die Begegnung von Kultur und Religion. Es solle zwar als ein Objekt der polnischen Kultur verstanden werden. Doch: »Mir ist wichtig, dass dieser Ort auch über die Grenzen Polens hinaus wahrgenommen wird.« Und für die Aufmerksamkeit soll in einem ersten Schritt nicht zuletzt Zumthor sorgen.

Heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Kielce. In der Schoa sind rund 27.000 Juden aus dem Kielcer Ghetto ermordet worden. Nach dem Pogrom im Jahr 1946 verließen die wenigen damals noch in der Stadt lebenden Juden das Land.

Auszeichnung

Olaf Scholz bekommt die Leo-Baeck-Medaille

Das in New York ansässige Leo-Baeck-Institut würdigt den Altbundeskanzler. Laudator soll der frühere US-Außenminister Antony Blinken sein

 10.04.2026

Ukraine

Selenskyj: »Pessach handelt vom Sieg der Freiheit«

Der ukrainische Präsident empfängt zu Pessach Rabbiner in Kyjv und wendet sich mit einer Grußbotschaft an Juden in der gesamten Welt

von Eugen El  07.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

USA

So wild wie Doja Cat

Sie ist der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar – und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit

von Sarah Thalia Pines  04.04.2026

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026