Interview

»Wir waren nicht das Ziel«

Mark Gardner Foto: privat

Herr Gardner, wie wirken sich die Krawalle und Plünderungen in London auf die Sicherheitslage der jüdischen Gemeinden aus?
Die Unruhen waren willkürlich, und die Randalierer hatten es nicht auf Juden oder deren Besitz abgesehen. Es wurden zwar auch jüdische Anwesen beschädigt, aber unsere Gemeinden waren nicht das Ziel der Krawallmacher. Insofern ist unsere Sicherheitslage nicht stark beeinträchtigt.

Wie ist die Stimmung jetzt in den jüdischen Gemeinden?
Man sorgt sich darüber, wie schnell die Dinge außer Kontrolle geraten konnten. So etwas darf sich nicht wiederholen. Dass es eine spezifisch jüdische Reaktion auf die Ausschreitungen gibt, die sich vom Rest der Gesellschaft unterscheidet, glaube ich nicht. Vielleicht sind die Ängste in Stamford Hills mit seiner großen orthodoxen Gemeinde größer als in Nord-London, wo Juden geografisch weiter von den Unruhen entfernt waren. Das könnte natürlich auch in den hochexplosiven Ecken von Nord-Manchester oder in Salford der Fall sein.

Was empfehlen Sie Chassiden in Stamford Hills?
Die Gemeinde dort ist sehr, sehr vertraut mit dem Leben in einem multikulturellen Londoner Stadtteil. Vielleicht gibt es hier und da Antisemitismus, aber im Großen und Ganzen kann man in London ein fantastisches jüdisches Leben führen. Die Unruhen werden das nicht beeinträchtigen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für die Ausschreitungen?
Es handelt sich um ein sehr komplexes und explosives Gemisch von Gründen: soziale Entfremdung, geringes Selbstwertgefühl, mangelnder Respekt für soziale Normen, schlechte Elternhäuser, eine Kultur von aggressiver Maskulinität, kriminelle Attitüden – all das spielt eine Rolle. Ich denke, es ist falsch, zu liberal damit umzugehen, aber das Gegenteil wäre genauso falsch.

Gibt es Anzeichen dafür, dass die Unruhen antisemitische Züge trugen?
Den Krawallen war ein bizarres, multikulturelles Element zu eigen. In Dalston beispielsweise, wo viele Geschäfte in türkischer Hand sind, versammelten sich rund 200 Türken, um ihr Hab und Gut zu verteidigen. In Southall waren es 200 Sikhs, die ihre Straßen beschützten. Man könnte daraus schließen, die Unruhen in Dalston hatten ein anti-türkisches Element, und die in Southall waren gegen Sikhs gerichtet. Wären die Randalierer bis nach Golders Green vorgedrungen, hätten die Leute gesagt, da waren Antisemiten am Werk, obwohl das nicht die Motivation der Randalierer gewesen wäre.

Glauben Sie, dass mehr getan werden müsste, um jüdische Gemeinden in Großbritannien in Zukunft zu beschützen?
Im Großen und Ganzen ist unsere Beziehung zur örtlichen Polizei und ihren Chefs in den jüdischen Vierteln ausgezeichnet.

Mit dem PR-Direktor des Community Security Trust London sprach Frank Diebel.

Südafrika

Dem Virus trotzen

Das Land ist ein Corona-Hotspot – wie die jüdische Gemeinde versucht, darauf zu reagieren

von Markus Schönherr  13.08.2020

Schweiz

Aus Basel in die Welt

Die Buchhandlung Goldschmidt hat sich mit ihrem Verlag auf Siddurim und Judaica spezialisiert

von Peter Bollag  13.08.2020

Belarus

»Krieg gegen das eigene Volk«

Michael Rubin über die Wahlen, eine Diktatur mitten in Europa und notwendige Solidarität

von Eugen El  13.08.2020

Paris

Kippa-Träger gewürgt, beschimpft und ausgeraubt

Empörung in Frankreich nach antisemitischem Überfall

von Christian Böhmer  12.08.2020

USA

Medienmogul Sumner Redstone stirbt mit 97 Jahren

Redstones Unternehmen Viacom schluckte 1999 den TV-Sender CBS für 37 Milliarden Dollar

 12.08.2020

George Soros

Bewundert und umstritten

Der Multimilliardär, Philanthrop und Schoa-Überlebende wird heute 90

von Tobias Kühn  12.08.2020

Interview

»Hochstapler, Lügner und Betrüger«

Der israelische Journalist Eldad Beck über die Schattenseiten von Rainer Höß, dessen Nazi-Großvater und den unkritischen Umgang der deutschen Medien mit dem Enkel

von Michael Thaidigsmann  11.08.2020

Polen

Israelischer Eishockey-Kapitän wechselt nach Oswiecim

Eliezer Sherbatov: »Ich möchte an die Schoa erinnern«

 10.08.2020

USA

Liebe zum Judentum

Shuly Rubin Schwartz ist die erste Kanzlerin des konservativen Jewish Theological Seminary in New York

von Jessica Donath  10.08.2020