Ioannina

»Wir sind sehr aktiv«

Herr Elisaf, Ihre Wahl zum Bürgermeister von Ioannina 2019 galt in Griechenland als mittlere politische Sensation. War Ihre religiöse Herkunft mitentscheidend für den Wahlausgang?
In gewissem Sinne, ja! Aber nicht so, wie Sie vielleicht vermuten. Ich wurde nämlich nicht gewählt, weil ich Jude bin. Sondern, und das ist wichtig, ich bin trotz meiner Religionszugehörigkeit gewählt worden. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Zudem trat ich nicht für eine der etablierten politischen Parteien in Griechenland an. Ich gründete frühzeitig eine unabhängige Liste und zog damit in den Wahlkampf. Eigentlich gilt so etwas in unserem Land als völlig aussichtslos. Aber es ist – zur Überraschung vieler – gut gegangen. Ich habe gewonnen, wenn auch sehr knapp.

Ihre Wahl weckt viel Hoffnung bei den Bürgern von Ioannina. Endlich mal einer, der nicht zu den Etablierten zählt. So etwas bringe frischen Wind in die Politik, finden viele, nicht nur in Ioannina. Wie wollen Sie die Stadt verändern?
Ioannina ist eine Stadt und zugleich ein großer Landkreis mit einer Ausdehnung von rund 40 Kilometern. Zu unserer Kommune gehören also auch zahlreiche Dörfer. Oft sind sie klein, liegen versteckt in den Bergen und sind vor allem im Winter schlecht zu erreichen. Das darf man nicht vergessen, wenn man von Ioannina spricht. Ich möchte die Qualität der öffentlichen Versorgung, den Service für die Menschen in Stadt und Land nachhaltig verbessern. Die Bürger sollen das spüren. Zum Beispiel, wenn sie die städtische Verwaltung aufsuchen, wenn es um Abfallentsorgung geht oder um die Bekämpfung der Korruption, die in unserem Land leider immer noch eine Rolle spielt.

Ioannina gilt als eine prosperierende Stadt. Sie ist beliebt – auch bei Flüchtlingen.
Das stimmt. Ich bin der Meinung, dass Ioannina gerade den Flüchtlingen viel zu verdanken hat. Zunächst kamen im Jahr 1989, nach der politischen Öffnung Albaniens, zahlreiche Albaner in unsere Stadt. Albanien ist ja nicht weit entfernt. In knapp einer Stunde ist man dort. Viele dieser neuen Bürger aus unserem Nachbarland hatten übrigens griechische Wurzeln. In den vergangenen Jahren sind rund 2000 Flüchtlinge zu uns gekommen, die meisten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Sie wohnen in Camps, sogenannten Hotspots, in Hotels oder Apartments. Diese Menschen versuchen wir in das alltägliche Stadtleben zu integrieren. Das fällt uns zugegebenermaßen nicht leicht. Im Gegensatz zu Deutschland ist Griechenland nämlich kein gut organisiertes Land. Und uns steckt noch immer die ökonomische Krise schwer in den Schuhen, und das übrigens bereits zehn Jahre lang. Mit all diesen Dingen müssen wir klarkommen.

Ihre Stadt kann auch auf eine große jüdische Tradition zurückblicken. Merkt man das Ioannina heute noch an?
Die Stadtgeschichte Ioanninas war lange geprägt von einer starken jüdischen Community. Im Unterschied aber zu Thessaloniki und einigen anderen Städten Griechenlands, wo die jüdische Gemeinde in der Mehrzahl aus sefardischen Juden bestand, war Ioannina von den romaniotischen Juden dominiert. Unsere Stadt galt sogar als die Hauptstadt der Romanioten in Hellas. Wir, die romaniotischen Juden, haben immer Griechisch gesprochen. Im Gegensatz zu den sefardischen Juden in Griechenland, die ausnahmslos Spanisch sprachen.

Ioannina, die Hauptstadt der Romanioten. Was verbirgt sich konkret dahinter?
Ioannina konnte sich erst 1913 von der osmanischen Besatzung befreien. In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts lebten gut 5000 Juden in der Stadt. Das war ein Anteil von 20 Prozent der Stadtbevölkerung. Die meisten immigrierten allerdings schnell in die USA. Das lag vor allem an der miserablen ökonomischen Situation unserer Stadt. Die Migration vieler unserer Glaubensbrüder in die USA spielt bis heute übrigens eine überaus wichtige Rolle für Ioannina. Es gibt in New York eine sehr aktive jüdische Gemeinde mit bekennenden Wurzeln in unserer Stadt. Ihr Name ist: Kehila Kedosha Ioannina. Mitten im Zentrum von New York stehen die Synagoge und ein Museum dazu. Die Verbindung dieser Exilanten und ihrer Nachkommen zu unserer Stadt ist nach wie vor äußerst lebendig. So besuchen zahlreiche Juden der New Yorker Gemeinde regelmäßig unseren Jom-Kippur-Gottesdienst. Oder sie spenden Geld für die Entwicklung unserer Stadt.

Wie groß ist die jüdische Gemeinde heute?
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs haben immerhin noch etwa 2000 Juden in der Stadt gelebt. Jetzt sind es weniger als 50, eine sehr kleine Gemeinde also. Während der deutschen Besatzung wurden 1950 Juden aus Ioannina in die deutschen Konzentrationslager deportiert. Nur knapp 100 überlebten die Schoa und kehrten schließlich in unsere Stadt zurück. Das heißt, 91 Prozent der jüdischen Bevölkerung von Ioannina wurden bis 1945 vernichtet. Das war in Europa, ich sage es einmal vorsichtig, ein Spitzenwert.

Was zeichnet die jüdische Gemeinde von Ioannina heute aus?
Vor allem eines: Wir sind sehr aktiv und lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind in das alltägliche städtische Leben voll integriert und gestalten es mit. Zum Beispiel in der Stadt- und besonders der Kulturpolitik oder an der Universität von Ioannina.

Verspricht sich die jüdische Gemeinde jetzt mehr von ihrem Bürgermeister, weil er einer von ihnen ist?
Ich glaube, ja. Ich werde versuchen, die jüdische Gemeinde von Ioannina zu stärken, wo immer es geht. Ich möchte das jüdische Leben der Stadt mit seiner wechselvollen Geschichte bekannter machen. Unsere Synagoge ist sehr berühmt und eine Art Touristenattraktion, weil sie die größte romaniotische Synagoge Griechenlands ist. Sie ist zudem architektonisch wirklich außergewöhnlich. Uns besuchen jetzt schon Touristen aus Israel, die gerne die Stadt und das attraktive, bergige Umland bereisen. Es sollen aber noch viel mehr werden. Dafür setze ich mich ein.

Die offen rassistische und antisemitische Partei Chrysi Avgi, »Goldene Morgenröte«, hatte es bei der Wahl im Juli 2019 nicht mehr ins griechische Parlament geschafft. Ein Hoffnungsschimmer?
Das ist ein gutes Zeichen. Aber zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass der Antisemitismus in Griechenland seit einigen Jahren deutlich zunimmt. Zu beobachten sind vermehrt Attacken und Vandalismus gegen jüdische Monumente und Synagogen. Es gibt allerdings bisher einen Unterschied zu Deutschland oder Frankreich: Hier in Griechenland handelt es sich bisher »nur« um verbalen Antisemitismus. Es gibt noch keine offene Gewalt gegen Juden in Hellas. Wir haben also weiterhin keine Furcht, unsere jüdische Identität offen zu zeigen. Unsere Synagogen, Schulen und Büros werden aber selbstverständlich von der Polizei geschützt. Das ist im griechischen Gesetz so vorgeschrieben und wird umgesetzt.

Ein in Griechenland stark diskutiertes Thema ist die Haltung der griechischen Regierung gegenüber Deutschland bezüglich der Reparationszahlungen. Wie stehen Sie dazu?
Wir haben darüber oft im Zentralrat gesprochen, und wir sind der Meinung, dass Deutschland auf einem insgesamt guten Weg ist, vor allem in Sachen Entschädigungsleistungen für Familien und deren Nachkommen, die dem Holocaust ausgesetzt waren. Ich weiß aber auch, dass es in unserem Land eine immer stärkere Bewegung von Aktivisten gibt, die Reparationen für Menschen fordert, deren Dörfer und Familienmitglieder von deutschen Soldaten vollständig oder fast vollständig vernichtet wurden. Ich unterstütze diesen Ansatz immer dann, wenn er sachlich, moderat und nicht aggressiv vorgetragen wird. Ich finde es richtig, dass die deutsche Regierung aufgefordert wird, mit den betroffenen Gemeinden und ihren Behörden zusammenzuarbeiten, denen im Zweiten Weltkrieg unglaubliches Leid angetan wurde. Zusammenzuarbeiten heißt für mich, diese Gemeinden mit ihren Bürgern tatkräftig zu unterstützen, wann immer sie Hilfe benötigen. Das gilt zum Beispiel für wichtige kommunale Projekte wie den Schul- und Kindergartenneubau. So etwas ist sinnvoll!

Mit dem Bürgermeister von Ioannina sprach Torsten Haselbauer.

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