Mauritius

Wie im Garten Eden


Woche für Woche lädt Laima Barber zum »Schabbat im Paradies« ein. Wer seinem Ruf folgt, erlebt ein Abendessen am Strand – inklusive koscherem Wein, jüdischen Delikatessen und Blick auf den Indischen Ozean. Seit zehn Jahren lebt der Chabad-Rabbiner auf Mauritius. »Das Wetter ist toll, die lokale Bevölkerung grandios, und das Leben auf der Insel ist sicher«, sagt er.

Barber wuchs in Australien auf, später hat er in New York gelebt und dann in Südafrika. Als er hörte, dass die Gemeinde auf Mauritius einen Rabbiner sucht, hat er gemeinsam mit seiner Frau die Sachen gepackt und ist ausgewandert. »Als wir ankamen, lebten nur ein paar wenige jüdische Familien hier«, sagt er, »für sie gab es so gut wie nichts.« Er habe auf Mauritius, einem Inselstaat rund 900 Kilometer östlich von Madagaskar, buchstäblich bei null angefangen. Allein die Gemeinde zum Schabbat zu versammeln, sei anfangs eine Herausforderung gewesen. Aber: Es ist gelungen.

VORSCHULE Heute zählt die jüdische Gemeinde rund 250 Mitglieder. »Wir sind eine internationale Mischung«, sagt Owen Griffiths, der Vorsitzende der Island Hebrew Congregation, die 2006 gegründet wurde. Jüdische Familien aus Frankreich zählen zur Gemeinde, aus Südafrika, Israel und Australien, wie er selbst und der Rabbiner. Das jüdische Leben auf der Insel sei heute aktiv wie nie zuvor, sagt Barber. »Wir haben regelmäßig Gottesdienste und eine Vorschule für die Kinder.«

Die Zahl der Gemeindemitglieder ist bereits auf 250 gestiegen.

Damit ist Mauritius eine Ausnahme im Süden Afrikas. In Ländern wie Namibia, Simbabwe und Botswana kämpfen die Gemeinden um ihr Bestehen. Mehr als ein paar Dutzend Mitglieder sind ihnen nicht geblieben. Selbst in Südafrika, dem Land mit der größten jüdischen Bevölkerung des Kontinents, hat sich die Mitgliederzahl in den vergangenen Jahren halbiert. 50.000 Juden und Jüdinnen leben noch dort. Wie kommt es, dass ausgerechnet die abgelegenste Gemeinde der Region wächst, während alle anderen schrumpfen?

WIRTSCHAFT 1800 Kilometer liegen zwischen Mauritius und dem afrikanischen Festland. Nicht nur wegen seiner Lage nimmt die Insel eine Sonderrolle ein. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Mauritius zum Musterbeispiel Afrikas entwickelt: Das Leben auf der Insel ist beschaulich, die Wirtschaft wächst stetig, die Bevölkerung ist zufrieden. Der »Weltfriedens-Index« hat Mauritius in diesem Jahr zum wiederholten Mal als friedlichstes Land Afrikas eingestuft.

Auch der im März erschienene »Weltglücksbericht« der Vereinten Nationen sieht Mauritius als Spitzenreiter des Kontinents. Was die Inselbevölkerung so zufrieden macht? Als Hauptgrund nennen die Autoren das hohe Bruttoinlandsprodukt. Das verdankt die Insel dem Tourismus, der Landwirtschaft, dem Finanzsektor – und nicht zuletzt der liberalen Einwanderungspolitik.

Seit Jahren schon heißt die Regierung Investoren aus aller Welt willkommen. Sie sollen Kapital und Know-how auf die Insel bringen. Im Gegenzug verheißt Mauritius ihnen Perspektiven, politische Stabilität und eine hohe Lebensqualität. Davon profitiert auch die jüdische Gemeinde.

»Im Laufe der Zeit, als sich die Wirtschaft entwickelte und sich der Welt öffnete, kamen immer mehr Juden und ließen sich auf Mauritius nieder«, erzählt der Gemeinde-Chef Griffiths, der selbst Mitte der 80er-Jahre ausgewandert ist. Die Corona-Pandemie sei in dieser Hinsicht ein Segen für sie gewesen, sagt Rabbiner Barber: »Viele Menschen haben begriffen, dass sie überall arbeiten und leben können. Fernab der Arbeitslosigkeit und der Unruhen, die viele Länder plagen.«

Mauritius lebt den Traum der friedlichen Regenbogennation, der für Südafrika nach der anfänglichen Euphorie unter Nelson Mandela schnell platzte: Dutzende Ethnien und fast 100 Religionsgemeinschaften kommen auf der Insel zusammen. Etwa die Hälfte davon zählt zum Hinduismus, knapp ein Drittel zum Christentum, weitere 17 Prozent sind Muslime.

REGENBOGEN Die jüdische Gemeinde wächst zwar stetig. Dennoch macht sie nur einen Bruchteil der Inselbevölkerung von 1,3 Millionen Menschen aus. »Die verschiedenen Religionen und Ethnien behalten ihre eigene Farbe und Identität bei«, sagt Griffiths. »Zusammen bilden sie ein größeres Ganzes – einen Regenbogen.«

Antisemitismus gebe es auf der Insel nicht, sagen Barber und Griffiths. Mit den anderen religiösen Gemeinden seien sie gut verknüpft. Beide zeichnen ein strahlendes Bild von der Gegenwart auf Mauritius. Sie verschweigen aber auch nicht, dass das Leben auf einer abgelegenen Insel Hürden mit sich bringt. Da ist zum Beispiel das koschere Essen, das sie importieren müssen: den Wein etwa, Milchprodukte und Fleisch, abgesehen von Geflügel, das auf der Insel geschächtet wird. »Es kann kompliziert sein und teuer«, sagt Barber. »Aber wir tun, was nötig ist.«

Die Insel ist afrikanischer Spitzenreiter im »Weltglücksbericht«.

Gemeinsam mit seiner Frau betreibt der Rabbiner einen Catering-Service für Touristen und Geschäftsleute, die Mauritius besuchen. »Jahr für Jahr kommen Zehntausende Juden aus Europa, Südafrika und Australien hierher«, sagt Barber. Der Rabbiner ist eng mit den Hotels auf Mauritius vernetzt, er beliefert sie mit koscherem Essen und organisiert Konferenzen für jüdische Geschäftsleute. Manchmal veranstaltet er auch Hochzeiten am Strand.

Rabbi Barber träumt davon, ein jüdisches Gemeindezentrum zu bauen. Eine Synagoge soll dazugehören, ebenso ein jüdisches Restaurant und die erste Mikwe auf der Insel. Zurzeit sucht er nach einem geeigneten Grundstück.

Ob er sein gesamtes Leben auf Mauritius verbringen werde? Das könne er nicht sagen, sagt Barber. Aber vorstellen kann er es sich. Es sei ein wunderschönes Land. »Manchmal fühlt es sich an, als sei man im Garten Eden.«

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