Halacha

Wer gehört dazu?

Die Debatte um sogenannte Vaterjuden wird seit Jahrzehnten in vielen Ländern geführt. Ein Überblick

von Jérôme Lombard  19.01.2022 07:48 Uhr

Ein Vater segnet seinen Sohn. Foto: Flash 90

Die Debatte um sogenannte Vaterjuden wird seit Jahrzehnten in vielen Ländern geführt. Ein Überblick

von Jérôme Lombard  19.01.2022 07:48 Uhr

Wer ist Jude? Nach der Halacha ist die Antwort eindeutig. Das Religionsgesetz gibt vor, dass jüdisch ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder »Giur« gemacht hat, also vor einem Beit Din, einem Rabbinatsgericht, konvertiert ist.

Im Judentum gilt das matrilineare Prinzip: Kinder, die einen jüdischen Vater, aber keine jüdische Mutter haben, werden religionsgesetzlich nicht als jüdisch anerkannt. Nach gängiger Meinung hat der biblische Priester Esra (5. Jahrhundert v.d.Z.) die Matrilinearität eingeführt. Andere argumentieren, sie basiere auf einer Vorgabe, die auf die Mischna (Kidduschin 3,12) zurückgeht.

Die Matrilinearität sorgt immer wieder für Debatten. Nicht wenige fragen: Ist das Prinzip noch zeitgemäß? Stimmen die religiösen Gesetze mit der religiösen Wirklichkeit im 21. Jahrhundert überein? Sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern wird die Diskussion um die Frage nach der jüdischen Identität und deren Auswirkung auf den Fortbestand der Gemeinden geführt – mit unterschiedlichen Ansätzen und Perspektiven.

WURZELN Will man die Debatten verstehen, lohnt sich auch ein Blick in die ehemalige Sowjetunion. Viele Mitglieder in den jüdischen Gemeinden in Deutschland stammen aus Familien mit Wurzeln in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Dass in Deutschland viele der sogenannten jüdischen Kontingentflüchtlinge »Vaterjuden« sind, hängt nach Meinung des Historikers Alexander Friedman auch mit dem Nationalitätsprinzip in der UdSSR zusammen.

Friedman selbst wurde in Minsk geboren und ist heute Lehrbeauftragter an der Universität des Saarlandes und auf jüdische Geschichte in der Sowjetunion spezialisiert. »Im sowjetischen Pass wurde ab dem 16. Lebensjahr die Nationalität des Passinhabers vermerkt, wozu neben russisch, ukrainisch, kasachisch und so weiter auch die Bezeichnung ›jüdisch‹ gezählt wurde«, erklärt Friedman.

Dabei sei von den Behörden das patrilineare Abstammungsprinzip angewandt worden. Sprich: War der Vater Jude, galt auch das Kind als jüdisch, unabhängig von der Herkunft oder der Nationalität der Mutter. Die Folge, so Friedman: »Viele sowjetische ›Vaterjuden‹, die ab 1990 in die Bundesrepublik kamen, sahen sich voll und ganz als jüdisch, stand das doch sogar in ihrem Pass.« Zumal in den jüdischen Gemeinden in der UdSSR, die im atheistischen Staat ohnehin nur im Verborgenen agieren konnten, das Religionsgesetz keine große Rolle gespielt hat, wie Friedman sagt. »Bei einem Minjan hat niemand nach der halachischen Abstammung gefragt.«

reformjudentum In den USA sind »Vaterjuden« schon seit langer Zeit ein Thema. Da seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer mehr Menschen in die Gemeinden eintreten wollten, die zwar keine jüdische Mutter, aber einen jüdischen Vater oder jüdische Vorfahren hatten, fasste das amerikanische Reformjudentum 1983 einen wegweisenden Beschluss.

Damals verabschiedete die Central Conference of American Rabbis (CCAR) die »Resolution on Patrilineal Descent«. Demnach ist das Kind eines jüdischen Elternteils, das ausschließlich als Jude erzogen wird und dessen jüdischer Status »durch angemessene und rechtzeitige öffentliche und formelle Identifikation mit dem jüdischen Glauben und Volk festgestellt wird«, jüdisch – und hat ohne formale Konversion Anspruch auf eine Bat- oder Barmizwa und damit die Aufnahme in die Gemeinde.

Die orthodoxe Bewegung in den USA hält weiterhin an dem traditionellen Prinzip der Halacha und der matrilinearen Abstammung fest. In der konservativen Bewegung gibt es Bestrebungen, Interessenten mit patrilinearer Abstammung den Giur zu erleichtern.

In der Sowjetunion wandten die Behörden das patrilineare Prinzip an.

Umfragen zufolge rechnen sich in den Vereinigten Staaten rund 35 Prozent der Juden dem liberalen Judentum zu, und 30 Prozent nennen sich säkular, 18 Prozent bezeichnen sich als konservativ und sechs Prozent als orthodox. Die patrilineare Abstammung gilt daher in vielen Gemeinden des Landes als ausreichende Zugehörigkeit zum Judentum.

MATRILINEAR In Großbritannien verhält es sich anders. Dort rechnen sich 66 Prozent der Gemeindemitglieder dem orthodoxen sowie ultraorthodoxen Judentum zu, wo das matrilineare Abstammungsprinzip der Halacha gilt. Nichtsdestotrotz haben sich die beiden großen liberalen Bewegungen des Landes, »The Movement for Reform Judaism« und »Liberal Judaism« – sie vereinen 84 Gemeinden und sprechen für rund 27 Prozent der britischen Juden –, inzwischen am amerikanischen Beispiel orientiert.

»Die Position der britischen Reformbewegung in Bezug auf Personen, die einen jüdischen und einen nichtjüdischen Elternteil haben, ist, dass wir von ihnen nicht verlangen, einen Konversionsprozess zu durchlaufen«, erklärt Rabbiner Josh Levy von der North Western Reform Synagogue in London. Eine entsprechende Resolution wurde 2017 gefasst, und »dies gilt ungeachtet des Geschlechts des jüdischen Elternteils«.

Dieser Schritt sei Ausdruck von Gleichberechtigung. »Das Geschlecht eines Familienmitglieds sollte nicht der entscheidende Faktor für die Art des jüdischen Lebens sein«, sagt Levy. Dies bedeute aber nicht, dass automatisch jede Person unabhängig von ihrer Erziehung anerkannt werde. »Es besteht immer noch die Notwendigkeit, ihren Status zu bestätigen, damit sie in unseren Gemeinschaften anerkannt werden.«

BESTÄTIGUNG Diesen Punkt findet auch Rabbinerin Robyn Ashworth-Steen von der Manchester Reform Synagogue wichtig. »Wenn eine Person in meine Synagoge kommt, die einen jüdischen Vater hat und jüdisch erzogen wurde, würde ich ihre jüdische Identität und ihren jüdischen Status anerkennen und ans Beit Din schreiben, um eine Bestätigung dieses Status zu erhalten«, sagt Ashworth-Steen. »Wenn die Person keine jüdische Erziehung hatte, muss sie erst etwas lernen, bevor wir zum Beit Din gehen können.«

Auch in den Niederlanden wird das Thema kontrovers diskutiert. Zwar zählt sich die Mehrheit der rund 30.000 Juden im Land zum liberalen und zum Reformjudentum, doch haben es »Vaterjuden« schwer, wie Esther Voet sagt. Sie ist Chefredakteurin des »Nieuw Israëlietisch Weekblad«, der größten jüdischen Zeitung in den Niederlanden.

»Viele Menschen, die einen jüdischen Vater haben, verfolgen die Debatte um Anerkennung mit großem Schmerz«, sagt Voet. Mit Ausnahme kleiner, autonomer Reformgemeinden würden sich rund 90 Prozent der jüdischen Gemeinden in den Niederlanden an das matrilineare Abstammungsprinzip der Halacha halten. So vertritt etwa auch der »Nederlands Verbond voor Progressief Jodendom«, die Dachorganisation der niederländischen Reformbewegung, die traditionelle Position.

FRUSTRATION Rabbiner Joram Rookmaker von der Liberalen jüdischen Gemeinde in Amsterdam kann den »Schmerz« und die »Frustration« der »Vaterjuden« verstehen. Seine Gemeinde habe den Konversionsprozess inzwischen »niedrigschwelliger« organi­siert. »Für uns geht es darum, deutlich zu machen, dass man ein aktiv bewusstes jüdisches Leben führt oder führen will«, sagt Rookmaker.

Das bewusste Bekenntnis zum Judentum hält auch der orthodoxe Amsterdamer Rabbiner Nathan Lopes Cardozo für entscheidend. Der 75-Jährige, der heute in Israel lebt, hatte selbst einen jüdischen Vater und durchlief den Giur-Prozess. »Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist im Allgemeinen viel stärker als die zwischen Vater und Kind, der Vater ist ein ›Passant‹, während die Mutter ihr ganzes Wesen dem Kind übergibt«, sagt Cardozo.

Doch sei es wichtig, dass auch »Vaterjuden« anerkannt werden – aber dies gehe nur mit einem formalen Übertritt. Cardozo tritt dafür ein, diesen Menschen ein Angebot für einen vereinfachten Giur zu machen.

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