Russland

Wegbereiter und Befreier

In Israel und bei Juden in der ehemaligen Sowjetunion sehr beliebt: Michail Gorbatschow (1931–2022) Foto: picture alliance / abaca

Ende der 1980er-Jahre durften Juden in der Sowjetunion endlich wieder Hebräisch lernen, in die Synagoge gehen und wieder offen jüdisch sein. Der neue Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow erlaubte ihnen, was seine Vorgänger jahrzehntelang verboten hatten.

Nach dem Tod des letzten sowjetischen Präsidenten können wir ein Geheimnis lüften: Für die Europäische Rabbinerkonferenz (CER) stand schon lange fest, dass wir Präsident Michail Gorbatschow unseren wichtigsten Preis verleihen sollten. Wir diskutieren derzeit darüber, ob wir es nun posthum tun sollten.

RELIGIONSFREIHEIT In den vergangenen Jahren haben wir europäische Staatsmänner und -frauen, die das jüdische Leben und die religiösen Rechte der Juden in Europa unterstützen, mit unserem Rabbiner-Lord-Jakobovits-Preis ausgezeichnet. Der Politiker, der diesen Preis am meisten verdient hätte, war ohne Frage der letzte so­wjetische Präsident. Es war Michail Gorbatschow, der die Tore des Eisernen Vorhangs öffnete und Juden erlaubte, nach Israel und in andere Länder auszuwandern sowie sich offen zum Judentum zu bekennen und es in der Öffentlichkeit zu praktizieren.

Warum also haben wir Michail Gorbatschow diese wohlverdiente Auszeichnung nicht verliehen? Wir wollten den Kreml nicht verärgern, dessen derzeitiger Machthaber den Untergang der Sowjetunion als »die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts« bezeichnet und Gorba­tschow dafür immer verachtet hat.

Es war unter Gorbatschow, als meine Frau Dara und ich 1989 in die So­wjetunion kamen, um die jüdische Gemeinde in Russland wiederaufzubauen, die vom sowjetischen Regime zerstört worden war. Wir gründeten Kindergärten, Schulen und Synagogen neu, zunächst während der Gorbatschow-Jahre und später nach dem gescheiterten Staatsstreich im August 1991, als die Sowjetunion zerfiel und der neue russische Staat unter Präsident Boris Jelzin entstand.

Einmal besuchte ich Gorbatschow, es war im Jahr 1996, vor den Präsidentschaftswahlen in Russland. Er fragte mich: »Soll ich kandidieren?« Ich antwortete ihm scherzhaft: »Ja – in Israel. Dort sind Sie sehr beliebt!«

Als ich die Geschichte Wochen später dem amtierenden israelischen Premierminister Schimon Peres erzählte – das Land stand damals nach der Ermordung von Yitzhak Rabin unter Schock –, dachte er, ich meine es ernst. Da er selbst vor einer schwierigen Wahl stand, sagte er: »Wir haben schon genug Kandidaten in Israel!«

ZUSAMMENBRUCH Während Gorba­tschow über die Jahre hinweg nicht nur in Israel und bei den Juden in der ehemaligen Sowjetunion sehr beliebt blieb – sowie als Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung auch in Deutschland –, erfuhr er in Russland kaum öffentliche Unterstützung. Die horrenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die den größten Teil der Bevölkerung während und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion heimsuchten, der Wegfall des sowjetischen Sicherheitsnetzes, der Mangel an Konsumgütern und die Scham vieler So­wjetbürger über den Zerfall des Systems, an das man sie so lange hatte glauben lassen, trugen dazu bei, in Gorba­tschow den Schuldigen dieser Misere zu sehen.

Die Europäische Rabbinerkonferenz hätte ihm gern einen Preis verliehen.

Genau diese nie überwundenen Gefüh­le, den nie verschwundenen Phantomschmerz, hat die derzeitige russische Regierung als Vorwand für ihre jüngste Invasion der Ukraine genutzt, um den verlorenen Traum vom Sowjetreich wieder aufleben zu lassen. Doch die Vorstellung, dass diese Gefühle von der Mehrheit der heutigen russischen Bürger geteilt werden, ist völlig falsch: Sie werden vor allem von Mitgliedern der heutigen Elite geäußert, von Nutznießern des Systems und des Sicherheitsapparates wie dem berüchtigten damaligen Geheimdienst KGB.

Gäbe es tatsächlich eine breite öffentliche Unterstützung für diese brutale Invasion, wären die drakonischen Maßnahmen gegen unabhängige Journalisten und soziale Medien in Russland nicht notwendig gewesen, ganz zu schweigen von der Verhaftung Tausender Kriegsgegner. Nur durch Zensur, Unterdrückung und Propaganda kann das derzeitige Regime seine Macht aufrechterhalten.

KALTER KRIEG Keine Frage, auch Michail Gorbatschow unterlag Fehleinschätzungen, hat falsche politische Entscheidungen getroffen, als sich erste Sowjetrepubliken wie das Baltikum von Moskau lossagten und der Kreml zunächst mit militärischer Gewalt auf den beginnenden Zerfall seines Imperiums reagierte. Doch gleichzeitig beendete Gorbatschow den Kalten Krieg.

Ihm gebührt Ehre und Anerkennung von allen Menschen – nicht nur vom Westen und nicht nur von Juden, sondern von jedem Bürger der ehemaligen Sowjet­union, weil er eines der repressivsten, stupidesten totalitären Regime gestürzt hat, das einen großen Teil der Menschheit versklavt hatte.

Es ist eine bittere Ironie, dass Gorba­tschow zu einem Zeitpunkt von uns gegangen ist, an dem die Freiheiten, die er einzuführen versuchte, dem russischen Volk wieder entrissen werden. Möge sein Andenken ein Segen sein – und sein Erbe eine Verpflichtung, an bessere Zeiten zu glauben und daran zu arbeiten.

Der Autor ist Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) und war bis Juli Oberrabbiner von Moskau.

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