Grossbritannien

Was Daten sagen

An der Wand hinter dem wöchentlichen Angebot des Pubs »Earl of Camden« prangt eines jener Graffiti, die seit einigen Jahren für diese Gegend Londons typisch sind. Es zeigt eine Heilige: die verstorbene jüdische Sängerin Amy Winehouse mit goldenem Heiligenschein. Camden Town, das Zentrum der Londoner Indie‐ und Rock‐Szene, war ihr Zuhause.

Als Ort formelleren jüdischen Lebens scheint Camden Town weniger bekannt zu sein, und doch gibt es hier mehr Jüdisches, als man denkt. So befindet sich gleich um die Ecke das Londoner jüdische Museum, und in einer der Parallelstraßen hat die Hauptzentrale der jüdischen Er­ziehungsorganisation ORT ihren Sitz.

denkinstitut Im selben Gebäude befindet sich auch das Institute for Jewish Policy Research (JPR). Die unabhängige Einrichtung will Forschungsinstitut, Beratungsorganisation und Denkinstitut sein. Die Studien und Erhebungen, die das JPR erstellt, befassen sich mit jüdischen Schulen, Antisemitismus, der britischen Synagogenmitgliedschaft oder mit dem Verhältnis britischer Juden zum Staat Israel.

Die Berichte gelten als anerkannt, richtungsweisend und akademisch robust. Oft landen sie in den Führungsetagen großer Organisationen sowie auf den Schreibtischen politischer Entscheidungsträger in London, Brüssel oder anderswo.

Derzeit bereitet das JPR eine Studie vor, für die Juden in ausgewählten EU‐Mitgliedsstaaten nach ihrer Wahrnehmung von Antisemitismus und ihren Erfahrungen damit befragt werden. Es ist die zweite Erhebung dieser Art. Die erste wurde 2012 durchgeführt.

Reputation Bei dem hohen Stellenwert, den man in ganz Europa den Studien des Instituts beimisst, ist der Besucher beim Betreten der JPR‐Büros ein wenig überrascht. Denn hinter der Glastür eröffnen sich lediglich vier kaum voneinander abgetrennte Büros, in denen bis zu sieben Angestellte arbeiten.

»Das ist mehr oder weniger der Kern der Organisation«, bemerkt Institutsleiter Richard Goldstein. Der Mittvierziger in Jeans und braunem Wollpullover sorgt für den Ablauf und das Management der Studien.

An den Wänden des modern eingerichteten Büros hängen gerahmte Plakate, auf denen in großen Lettern Zahlen und Fakten stehen, die das JPR im Laufe der Jahre erhoben hat. »50 Prozent aller Juden, die Nichtjuden geheiratet haben, beteiligen sich an einem Pessachseder«, ist auf dem einen zu lesen. »32.594 britische Juden sind zwischen 1948 und 2011 nach Israel ausgewandert«, steht auf einem anderen.

fakten Fakten seien dem JPR sehr wichtig, er­klärt Jonathan Boyd. Er ist der wissenschaftliche Direktor des Instituts, trägt Brille, kurzes Haar und Dreitagebart. »Wenn ich Berichte schreibe, darf ich nicht spekulieren, sondern alles muss auf einem Fundament empirischer Statistiken stehen«, erklärt Boyd. In den neun Jahren, in denen er für das Jewish‐Policy‐Research‐Institut arbeitet, hätten er und seine Kollegen die Berichte der JPR immer mehr nach dem Faktischen ausgerichtet.

Als jüdisches wissenschaftliches Institut sei es außerdem wichtig, welches Fazit man am Ende ziehe. »Wir machen kein Geheimnis daraus, dass unsere Arbeit für die jüdische Gemeinschaft einen Beitrag leisten soll. Das ist der einzige, aber wichtige Unterschied zu einem rein akademischen Institut.«

Abgesehen davon sei alles genauso streng gehalten wie an einem universitären Institut. So würde man immer auch außenstehende Experten um ihre Meinung bitten und Berichte vor deren Veröffentlichung intern und extern begutachten lassen.

vorsitzende Eine wichtige Rolle bei der kritischen Betrachtung spielen auch die ehrenamtlichen Vorsitzenden des JPR. Unter ihnen waren im Laufe der Geschichte bekannte jüdische Namen aus dem Rechtswesen, der akademischen und der Finanzwelt wie Lord Rothschild.

Für eine Organisation wie das JPR ist das nichts Außergewöhnliches, denn die meisten Organisationen in Großbritannien, ganz gleich ob jüdisch oder nicht, sind nach diesem Modell aus der aristokratischen Vergangenheit des Königreichs aufgebaut. Das habe durchaus direkte Vorteile, sagt Goldstein. Es helfe bei der Suche nach finanzieller Unterstützung und öffnet die eine oder andere Tür.

Boyd berichtet, dass einige ehrenamtliche Vorsitzende die JPR‐Mitarbeiter hin und wieder auf die rechtlichen oder politischen Konsequenzen gewisser Formulierungen hinweisen würden. Außerdem dienen die Vorsitzenden manchmal auch als Sprecher des Instituts. Mit all dieser Unterstützung und dem Versuch, die jüdische Gemeinschaft zu stärken und Schaden von ihr abzuwenden, würden viele Menschen dem Institut Vertrauen schenken, so Boyd.

Strategie An einem anderen Schreibtisch sitzt Judith Russell in blauer Weste vor ihrem Computer und neben einem Stapel von Dokumenten. Hinter ihr hängt eine Tafel mit der strategischen Planung für die kommenden Monate. Seit 22 Jahren arbeitet Russell im JPR und ist damit dienstälteste Mitarbeiterin.

Ihr entspanntes Lächeln gibt nicht preis, dass sie hier eine der wichtigsten Personen ist. Sie prüft die meisten Texte, redigiert sie und macht sie damit lesbar. Camden ist bereits der dritte Arbeitsort, an dem sie dies tut. Anders als Goldstein, der von der Lebendigkeit Camdens schwärmt, gefällt ihr das derzeitige Büro weniger. »Das alte in der Nähe der Oxford Street neben den großen Warenhäusern war praktischer«, findet sie.

In all ihren Jahren am JPR erlebte Russell außerdem, wie sich das Institut veränderte und sich von einer eher historisch orientierten Forschungseinrichtung zu ei­nem Zentrum entwickelte, das sich mit den Fragen der Zeit beschäftigt.

Minderheiten Mit seiner Stellung ist das JPR auch für andere britische Minderheiten wegweisend. Denn keine andere verfügt über ein ähnliches Institut, obwohl die meisten durchaus größer sind als die jüdische Gemeinde. Boyd sagt, er werde bei gemeinsamen Konferenzen oft von Vertretern der muslimischen Gemeinschaft angesprochen, wie das JPR diese Studien erstellt.

Als Grund, weshalb andere nicht über solche unabhängigen Institute verfügen, nennt er die längere jüdische Präsenz in Großbritannien. Die Ursprünge des JPR gehen auf das Jahr 1941 zurück, als es vom Jüdischen Weltkongress und dem American Jewish Congress in New York gegründet wurde. Erst 1965 zog es nach London. Inzwischen beschäftigt sich das JPR hauptsächlich mit Europa. Seit einiger Zeit verfügt es über eine frei zugängliche Online‐Datenbank zu den jüdischen Gemeinschaften Europas, die täglich aktualisiert wird.

Trotz des Erfolgs sorgt man sich bei JPR zumindest ein bisschen um die Zukunft. An Anerkennung und Forschungsaufträgen fehle es nicht, sagt Goldstein, auch sind alle Angestellten noch weit von der Rente entfernt, doch fehle ihnen der akademische Nachwuchs.

Boyd bestätigt dies. »Ein Institut wie unseres sollte im Bereich der jüdischen Demografie und Soziologie Forschungsstellen für junge Doktoranden anbieten können.« Allerdings fehle es auch an Nachwuchstalenten, denn es gebe nicht viele junge Wissenschaftler, die sowohl mit der jüdischen Welt vertraut seien als auch statistisches Können aufweisen. Dennoch gibt Boyd sich optimistisch: »Wenn ich die finanzielle Unterstützung hätte und dazu ein bisschen Zeit, dann würde ich das tatsächlich auf die Beine stellen.«

www.jpr.org.uk

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