USA

»Walk On By«

Sie steht allein auf der Bühne, weiß gekleidet, dramatisch ausgeleuchtet. Zuerst erklingt nur die Gitarre. »Weißt du, wo die Blumen sind?«, fragt die Dietrich mit heiserer Stimme. Die Elegie von Pete Seeger wird mit Marlene Dietrichs Interpretation ein weiteres Mal zum Welt­hit.

Denn es bleibt nicht bei der Gitarre. Der Sound ihrer Band greift die Metapher des Kriegsleids auf. Mit jeder Frage, wohin die Mädchen, die Soldaten, die Gräber und die Blumen verschwunden sind, klingt der Sound dramatischer, ausdifferenzierter und erschütternder. Irgendwann imitieren die Streicher gar ein Geschützfeuer.

symphonik Am Pult steht der Komponist, der die einfache Melodik in große Symphonik gesetzt hat: Burt Bacharach, Sohn einer liberalen jüdischen Familie aus Kansas und New York, die vor der Auswanderung in die USA in Bacharach am Rhein gelebt hatte.

Marlene Dietrich folgte seinen Anweisungen – »sie hielt mich für Gott«, erinnerte sich Bacharach.

Marlene Dietrich und Burt Bacharach hatten sich das erste Mal 1958 im Beverly Hills Hotel in New York getroffen. Die Diva war begeistert von dem charmanten, damals noch nicht weltberühmten Komponisten und Arrangeur. Sie wünschte sich, er möge sie mit Orchester bei ihrer Las Vegas Show begleiten. »Es war wie eine Audienz bei einer Queen«, erinnerte sich Bacharach viele Jahre später. »Ich hatte eine Erkältung, und sie gab mir Vitamine und Medizin. Ich war von ihr begeistert.«

Welttourneen Sie mochten sich beide sofort, und Bacharach begleitete Marlene Dietrich bei ihren Welttourneen. Ihre Stimme umfasste kaum mehr als eine Oktave, die Herausforderung, Songs für sie zu arrangieren, war groß.

Dietrich konnte dabei ein richtiges Biest sein, erinnerte sich Bacharach, aber wenn er ihr erklärte, sie sänge zu langsam oder hielte den Ton nicht, schwieg sie, »sie hielt mich für Gott«, und sie folgte seinen Anweisungen. Denn Bacharachs Songs gehörten während der Shows zu Dietrichs Höhepunkten.

So auch 1960, als beide in Israel auftraten. »Meine Hochachtung und Bewunderung für den Musiker Burt Bacharach geht Hand in Hand mit der für den Menschen Burt Bacharach«, beschrieb Marlene Dietrich ihre Beziehung. »Ganz egal, wie viel Applaus das Publikum mir spendet, es ist sein Beifall, den ich suche. Welch ein Glück bedeutet es für mich, seine Melodien zu singen, die mich wie ein Wunderteppich auf die Theater der Welt tragen.«

memoiren In Israel, so schrieb es Bacharach in seinen Memoiren, galt Anfang der 60er- Jahre noch die eiserne Regel, dass auf der Bühne keine deutschsprachigen Lieder gespielt werden durften. In einem Nachruf auf Burt Bacharach war vor Kurzem zu lesen, dass man noch einige Wochen zuvor Mahlers Chorpassagen in dessen Zweiter Symphonie in Israel nur auf Englisch hatte singen können.

Dietrich entschloss sich trotzdem, an einem Abend neun Lieder auf Deutsch zu präsentieren. Ihre eindeutige politische Haltung während der Nazizeit und ihre Unterstützung für die U.S. Army im Krieg machten es möglich. Für Bacharach war dieses Konzert eines der emotionalsten Ereignisse seiner Karriere – der Damm zwischen zwei Völkern sei an jenem Abend gebrochen, so beschrieb er es in seinen Memoiren.

Bacharach hatte eine besondere Beziehung zu Israel, denn er entstammte dem Judentum der amerikanischen Ostküste. Seine Mutter, eine Klavierlehrerin, bemerkte bald seine Begabung, einmal gehörte Melodien sofort auswendig am Flügel nachzuspielen und über das Thema zu improvisieren.

seele Für Bacharach war Musik wie für Leonard Cohen eine Möglichkeit, dem reichen Innenraum seiner Seele Ausdruck zu verleihen, aber auch, Teil der Gesellschaft zu werden oder Mädchen zu beeindrucken. Die Eltern blieben eine Weile skeptisch, ob er Musiker werden sollte.

Sie hätten sich erfreut an jener Nacht 2012, als US-Präsident Barack Obama einlud zu einer Hommage im Weißen Haus für den Weltstar, dessen Songs längst unsterblich geworden waren. 60 »US Top Forty Hits« entstammen Bacharachs Feder, seinem Genie, seiner unermüdlichen Lust, das Komplizierte einfach klingen zu lassen. Für die Filmmusik von Zwei Banditen schrieb er »Raindrops Keep Fallin’ On My Head«, die Jury in Los Angeles überreichte ihm dafür 1970 einen Oscar.

Dionne Warwick, Marlene Dietrich, Connie Francis, Aretha Franklin, Luther Vandross, Jack Jones, Tom Jones, The Carpenters, Sérgio Mendes, Elvis Costello, Neil Diamond, Frank Sinatra und Dusty Springfield, sie alle haben seine Songs interpretiert. »Schäm dich nie für eine Melodie, die man auch pfeifen kann«, so hatte es sein Lehrer Darius Milhaud geraten. Bacharach hielt sich daran.

Vor der Auswanderung nach Amerika hatten seine Eltern in Bacharach am Rhein gelebt.

»I’ll Never Fall in Love Again«, hatte Dionne Warwick 1969 zum Welthit gemacht, ebenso wie »What the World Needs Now«, »Walk On By« oder »Do You Know the Way to San José?«. Was im ersten Moment samtig und easy klingt, entpuppt sich schnell als eine äußerst vielschichtige, poetische Komposition. Burtologen (die gibt es wirklich) können genau analysieren, wo der Meister rhythmische Besonderheiten, unerwartete Synkopen, seltene Tonartwechsel, nie gehörte Instrumentierungen und ähnliche musikalische Phänomene eingebaut hat, die seinen Sound so einzigartig machten.

zeitgeist Fest steht, dass derlei Kunst in den Zeitgeist der 70er- und 80er-Jahre nicht recht passen wollte, um dann in den 90ern endlich als wunderbar und unerreicht gefeiert zu werden.

Denn jeder Song schien das Leben zu befragen, die Liebe melancholisch als endlich zu betrachten, um sie dennoch unendlich zu feiern. In dieser hohen Kunst der heiteren Ambivalenz, der tiefsinnigen Beschwingtheit liegt das Besondere, das Jüdische seiner Musik. Vergangene Woche ist Burt Bacharach im Alter von 94 Jahren in Kalifornien gestorben. Was neben seinen Songs bleibt, ist das Wissen darum, dass Bacharach ein zeitloses Werk geschaffen hat, dem im Olymp der Musikgeschichte ewige Ehre gebührt.

Schweiz

SIG begrüßt Entscheidung für Verbot von Nazi-Symbolen

Wann die Pläne umgesetzt werden, bleibt bisher unklar

von Imanuel Marcus  17.04.2024

Judenhass

Antisemitische Vorfälle in den USA um 140 Prozent gestiegen

Insgesamt gab es 8873 Übergriffe, Belästigungen und Vandalismusvorfälle

 17.04.2024

Chile

Backlash nach Boykott

Mit israelfeindlichem Aktionismus schadet das südamerikanische Land vor allem sich selbst

von Andreas Knobloch  16.04.2024

Kiew

Ukraine bittet um gleichen Schutz wie für Israel

Warum schützt der Westen die Ukraine nicht so wie Israel? Diese Frage stellt der ukrainische Staatschef Selenskyj in den Raum

von Günther Chalupa  16.04.2024

Statement

J7 Condemn Iranian Attack on Israel

The organization expressed its »unwavering support for Israel and the Israeli people«

von Imanuel Marcus  15.04.2024

«Library of Lost Books»

Mehr als 4000 verschollene jüdische Bücher aus Berlin in Prag gefunden

Eine Rückkehr der Bücher ist »derzeit nicht geplant«

 12.04.2024

Antisemitismus

»Strudel absurder Verschwörungstheorien«

Der Schweizer Regisseur Samir unterstellt Israel, die Massaker des 7. Oktober mit verursacht zu haben

 11.04.2024

Schweiz

Können Judenwitze lustig sein?

Ein Muslim und ein Jude scheren sich nicht um Political Correctness – und haben damit Riesenerfolg. Kein Witz

von Nicole Dreyfus  11.04.2024

USA

Heimatlos und kämpferisch

Wie der Hamas-Terror in Israel die Identität jüdischer Amerikaner verändert. Ein Ortsbesuch in Atlanta

von Katja Ridderbusch  10.04.2024