Brasilien

Vorbild mit Kratzern

Für manche ist São Paulo die Hölle. Immer wieder kommt es vor, dass Obdachlose in Brasiliens führender Wirtschaftsmetropole bei lebendigem Leib verbrannt werden. Es gibt Todesschwadronen, Massengräber, mehr als 2.000 Slums mit Hunger und Lepra, und Kinder prostituieren sich für weniger als einen Euro, um die Droge Crack zu konsumieren. Die Elf‐Millionen‐Stadt kennt soziale Verwerfungen, von denen Europäer keine Vorstellung haben.

Inmitten dieses Menschenmeers leben etwa 70.000 Juden. Viele Außenstehende bewundern sie. Denn diese »Judeus« akzeptieren die Zustände nicht. Man sagt ihnen nach, sich stärker als andere zu engagieren und Ergebnisse zu bringen, von denen alle in der Stadt etwas haben.

Ein Beispiel ist das Albert‐Einstein‐Hospital, das als Lateinamerikas beste Klinik gilt. Eine Gruppe von Juden in der Stadt hat sie errichtet. Der Augenarzt Claudio Lottenberg, Chef der jüdischen Gemeinde Brasiliens, leitet das Krankenhaus. Ein weiterer, sehr bekannter Jude aus São Paulo ist der in Israel geborene Oded Grajew, der das Weltsozialforum erfunden hat. Er gründete den »Movimento Nossa São Paulo«, um mit konkreten Vorschlägen und Projekten die Megacity menschlicher zu gestalten, Politiker aufzustören und die Kräfte Hunderter NGOs zu bündeln. Mehr als 30 Städte des Landes haben Grajews Idee inzwischen kopiert. Auch den Ruf São Paulos als lateinamerikanischer Kulturhauptstadt prägen Juden kräftig mit. Ihr Klub »Hebraico« gilt als das größte jüdische Gemeindezentrum außerhalb Israels.

Mittelschicht Unter den Obdachlosen, Bettlern und Slumbewohnern São Paulos befindet sich kein einziger Jude. Die meisten gehören der Mittelschicht an, nur ein geringer Teil der Unterschicht. Nachvollziehbar, dass viele in der Megacity die »Comunidade judaica« bewundern, sie als gut organisiert empfinden und als Modell für andere Einwanderergemeinden sehen. Immer wieder hört man: Die Juden seien sich einig im Kampf für Menschenrechte und bei der Hilfe für Bedürftige, sie leisten Erstaunliches in einer von Desorganisation und Korruption geplagten Gesellschaft.

Kommt man jedoch mit Juden ins Gespräch, fällt das Urteil kritischer aus. Man misst sich mit hohen Maßstäben und ist beunruhigt darüber, dass die Gemeinde seit einigen Jahren schrumpft. Viele der Älteren, von denen einige noch aus Nazi‐ Deutschland geflohen sind, erleben bestürzt, dass ihre hoch qualifizierten Kinder just in dieses Land oder in die USA, nach Australien und Israel auswandern, weil sie in Brasilien keine Arbeits‐ und Lebenschancen sehen.

Auf dem UN‐Bildungsindex belegt Brasilien nur den 93. Platz, weit hinter Staaten wie Botswana (81.) und Libyen (66.). Das niedrige Bildungsniveau prägt das gesellschaftliche Klima auf ungesunde Weise. Nicht wenige junge Juden aus São Paulo sagen ihren Eltern unumwunden, dass sie in einem Brasilien unglaubwürdiger bis reaktionärer Politiker nicht leben wollen – und verlassen das Land.

Nelson Rozenchan, Direktor des Peretz‐Gymnasiums, nennt Zahlen: Vor 20 Jahren lernten in den jüdischen Schulen etwa 5.000 Heranwachsende, heute sind es nur noch rund 3.000. In die Synagogen kamen damals an Festtagen bis zu 8.000, heute kommen nur noch etwa 5.000 Beter. »Anders als jenen, die Pogromen und dem Nazismus entkamen, ist es vielen hier Geborenen leider nicht mehr so wichtig, jüdische Identität zu pflegen und zu stärken«, klagt Rozenchan. »Nicht wenige geben ihr Judentum sogar auf.«

Einige der ungefähr 50 Synagogen in der Stadt sind immer voll und bestens ausgestattet – andere dagegen sind fast leer. Gleiches gilt für die jüdischen Schulen. Manch eine, besonders die der liberalen Juden, sei von der Schließung bedroht, heißt es.

Der Medienmacher Roni Gotthilf sieht seine Gemeinde mit den vielen Gruppierungen über das gigantische São Paulo wie kleine Inseln verstreut, denen es nur um die eigenen Interessen geht. So sei die Teilung in sefardische Juden und Aschkenasen noch immer nicht überwunden. Hochzeiten zwischen ihnen seien weiterhin unüblich. Andererseits gehen »die Stadtbewohner eher oberflächlich miteinander um – wogegen wir Juden enger zusammenleben und besser zusammenhalten«. Mit Unbehagen sieht Gotthilf, dass sich viele Juden assimilieren. »Die neoliberale Gesellschaft ist egoistisch und individualistisch, also werden wir es in gewisser Weise eben auch.«

Tropenhitze Besonders am Wochenende begegnen einem ganze Gruppen ultraorthodoxer Juden. Sie schwitzen in ihren schwarzen Anzügen und Filzhüten in der Tropenhitze. Die Charedim stellen 15 Prozent der Gemeindemitglieder, die meisten Familien haben fünf bis sieben Kinder. Liberale und Konservative bringen es auf höchstens zwei. Manchem Kritiker gilt die Kleiderordnung der Charedim als fundamentalistisch. Andere betonen die positiven Aktivitäten wie die Hilfsorganisation Ten Yad mit über 300 Freiwilligen und einer Garküche, die täglich rund 2.100 Bedürftige beköstigt, Kranken und Alten Essen nach Hause bringt, zudem Sozialprojekte leitet und durchweg nur Lob erntet. Orthodoxe, heißt es zudem, versuchten, junge Juden ins Gemeindeleben zurückzuholen und deren jüdische Identität wiederzubeleben.

UNIBES (Uniao Brasileiro‐Israelita do Bem‐Estar Social), die zweite Wohlfahrtseinrichtung, betreut auch Nichtjuden. Vor allem werden Familien beraten, berufsbildende Kurse angeboten, Arbeitsplätze beschafft. Rabbiner wie Michel Schlesinger reden mit den Azubis über das Judentum und lehren Respekt gegenüber anderen.

Doch São Paulos populärster Rabbi ist weiterhin Henry Sobel, obwohl er in den Ruhestand wechselte und seine Aktivitäten deutlich eingeschränkt hat. Viele bescheinigen ihm immense Verdienste, die auch der Skandal um die in Miami aus einem Geschäft unbezahlt mitgenommenen Krawatten nicht mindere. Seine Nachfolger, hört man, hätten leider nicht solches Charisma. Deshalb kämen immer weniger in die Synagoge.

Für Rabbiner David Weitman gilt dies nicht, er ist enorm gefragt. »Die Leute wollen, dass der Rabbiner authentisch ist. Sie interessiert, was das Judentum über die Todesstrafe, über Sex, ja, über alles sagt.« In letzter Zeit beschäftigt viele die Rechtmäßigkeit von Folter. »Zehn Rabbiner haben zehn verschiedene Auffassungen«, sagt Schuldirektor Rozenchan. »Wäre ich absolut sicher, dass Folter Menschenleben rettet, würde ich sie anwenden.« Er habe in Israel erlebt, wie es durch Folter gelang, aus Jordanien eindringende Terroristen zu fangen und dadurch etwa 50 Menschen vor dem Tod durch Selbstmordattentate zu bewahren, sagt Rozenchan.

Arabischstämmige Hamas‐ und Hisbollah‐Anhänger demonstrieren gelegentlich auch in São Paulo, sogar mit der regierenden Arbeiterpartei und linken Studentenorganisationen. Sie skandieren »Tod dem Staat Israel«.

»Die Juden in Brasilien sind sehr besorgt darüber«, sagt die nichtjüdische Historikerin Maria Luiza Tucci Carneiro, Lateinamerikas führende Antisemitismus‐Expertin. Man erwarte von der Regierung, dass sie etwas dagegen tut. Die Gemeinde hofft, dass die neue Präsidentin Dilma Roussef mehr unternehmen wird als ihr Vorgänger, der im Januar abgelöste Luiz Inácio Lula da Silva.

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