USA

Vielfalt im Spiel

»Ein kluger Konzern investiert in Vielfalt«: Christina Jefferson Foto: Chloe Jackman Photoqraphy 2018

Für Christina Jefferson sind Vielfalt, Gleichbehandlung und Inklusion (Englisch: Diversity, Equity, Inclusion, kurz: DEI) mehr als nur klangvolle Schlagworte eines aktuellen Trends. Es sind Werte, die sich aus ihrer gelebten Erfahrung speisen. Als schwarze, jüdische, lesbische Frau, »mit vielen Tattoos«, sei sie eine Ausnahmeerscheinung nicht nur in der Welt von Corporate America, der amerikanischen Unternehmenswelt, sagt Jefferson im Videochat.

Eine Exotin ist sie – zumindest derzeit noch – auch in der Welt des US-Profisports: Seit Mai ist Jefferson Direktorin für DEI bei den San Francisco 49ers, dem legendären Football-Team in der Westküstenmetropole. Jefferson bringe »umfassendes Wissen und langjährige Erfahrung mit – und wird uns dabei helfen, noch inklusiver und erfolgreicher zu sein«, betonte Al Guido, Präsident der 49ers, in einem Statement.

INKLUSION Firmen und Organisationen in den USA wie in Europa legen seit etwa zehn bis 15 Jahren einen immer stärkeren Fokus auf Vielfalt, Gleichbehandlung und Inklusion – teils in Reaktion auf den demografischen Wandel, teils in Reaktion auf verschiedene Studien, die allesamt belegen: Unternehmen, deren Mitarbeiter nach Herkunft, Kultur, Geschlecht oder Alter stark gemischt sind, erwirtschaften mehr Umsatz. Hinzu kommt: Wer Mitarbeiter aus einem vielfältigeren Pool von Bewerbern rekrutiert, schaffe mehr Chancen für Talente, sagt Jefferson – und damit auch ein produktiveres Unternehmen. »Ein kluger Konzern investiert in DEI-Initiativen nicht nur aus Freundlichkeit. Vielfalt ist gut fürs Geschäft.«

Jefferson hat ein gesundes Misstrauen gegenüber PR-Slogans entwickelt.

In der NFL, der Nationalen Football-Liga in den USA, sind seit den 80er-Jahren Bemühungen im Gang, mehr Vertreter von Minderheiten einzustellen. Aber bis heute spiegelt die Besetzung der Management-Positionen nicht die Vielfalt der Spieler oder der Fans wider.

Es waren der gewaltsame Tod von George Floyd im Mai 2020 in Minneapolis und die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung, die den Initiativen für Vielfalt und Gleichstellung in amerikanischen Unternehmen eine neue Dringlichkeit gaben – und Debatten nicht nur über Polizeibrutalität, sondern auch über systemischen Rassismus anstießen.

rassismus Der Sommer der Gewalt habe vielen »die Augen geöffnet«, sagt Jefferson. »Uns allen ist bewusst geworden, wie viel Arbeit nötig ist.« Individuen wie Unternehmen müssten lernen, ehrliche Konversationen über Rassismus zu führen − und »statt kosmetischer Veränderungen eine Kultur zu schaffen und Strategien zu entwickeln, die wirklichen Wandel möglich machen«.

Jefferson (41) sitzt bei dem Zoom-Gespräch vor einem Regal, das überquillt mit Büchern, Fotografien und ein paar Comic-Figuren. Sie hat ihre wilden Locken streng zurückgebunden und trägt eine große Hornbrille. Sie hat über die Jahre ein gesundes Misstrauen gegenüber süffig klingenden PR-Slogans entwickelt. Gefragt nach ihrer persönlichen Definition von DEI hat sie eine einfache Antwort. »Es geht darum, dazuzugehören. Punkt.«

Vielfalt könne sichtbar oder unsichtbar, sein – seien es Unterschiede in der Hautfarbe oder dem Geschlecht, aber auch Unterschiede in Perspektiven, Meinungen, Begabungen. Inklusion bedeute, dass alle diese unterschiedlichen Menschen einen Platz in der Organisation hätten – und Gleichbehandlung, dass alle ihre Stimmen gehört würden.

persönlichkeit Ihre Persönlichkeit und ihr bisheriger Lebensweg, auch ihre Hautfarbe und sexuelle Orientierung legten vielleicht nahe, dass sie für eine Position im Bereich DEI besonders geeignet sei, sagt sie. Aber das heiße nicht, dass ein weißer, heterosexueller Mann mittleren Alters nicht einen ebenso guten Job machen könne. »Schwarze und Hispanics und LGBTQ-Leute können die Arbeit nicht allein tun. Wir brauchen jeden, dem diese Werte am Herzen liegen.«

Jefferson, die einen Master in Personalmanagement hat, für die US-Modelabel Banana Republic und Gap und die Parfümerie-Kette Sephora arbeitete, sieht DEI als Projekt für soziale Gerechtigkeit. »Am Ende geht es um Tikkun Olam«, sagt sie – darum, eine gebrochene Welt zu reparieren.

Jefferson wuchs in einem Vorort von Indianapolis im US-Bundesstaat Indiana auf. Ihre Mutter war Baptistin, erzog ihre Tochter aber nicht religiös. »Sie wollte, dass ich das selbst entscheide, wenn ich so weit bin.« Sie studierte an der University of Southern Indiana in Evansville, einer Stadt mit einer überschaubaren Schwulen- und Lesbenszene. »Ich war es gewohnt, oft das einzige schwarze Kind zu sein und später, als junge Erwachsene, eine der wenigen Queeren«, sagt sie. »Ich weiß, was es heißt, allein zu sein.« DEI – das war ihre Mission, lange bevor der Begriff als Wertekanon in aller Munde war.

DAZUGEHÖREN Es war ihre Sehnsucht nach einem Ort des Dazugehörens, der sie mit Mitte 20 auch zum Judentum führte. Sie war für ihren ersten Job nach Columbus im US-Bundesstaat Ohio gezogen. Dort hatte sie viele jüdische Freunde, und einer nahm sie am Schabbat mit in die Synagoge. Sie war beeindruckt von den Gebeten und Gesängen und wollte mehr über die jüdische Religion lernen. »Ich liebe die Tradition des Argumentierens, das Streben danach, sich ständig zu verbessern.«

Sie lernte Tora und Hebräisch, traf sich regelmäßig mit einem Rabbiner und konvertierte schließlich in einer Reformsynagoge in Ohio. Kurz darauf zog sie nach San Francisco, wo sie seit 13 Jahren engagiertes Mitglied der progressiven Gemeinde Sherit Israel ist. Dort heiratete sie Julie Driscoll in einer jüdischen Zeremonie. Driscoll arbeitet in einer Technologie-Firma, ist weiß und nicht jüdisch. »Aber sie unterstützt mich hundertprozentig auf meiner jüdischen Reise.«

Sie wuchs als Tochter einer Baptistin auf und trat zum Judentum über.

Die beiden Frauen lernten sich bei einem exotischen Hobby kennen, das Jefferson für ihre künftige Karriere im Kontaktsport bestens vorbereiten sollte: Roller Derby. Bei dem Sport, der von Frauen dominiert wird und von teilweise harten Rempeleien geprägt ist, treten zwei Teams in Rollschuhen auf einer ovalen Bahn gegeneinander an.

team Jefferson war Kapitänin ihres Teams, und das sei die beste Schule für ihre späteren Führungsaufgaben gewesen, sagt sie. Dort habe sie Management und Motivation gelernt. Außerdem habe Roller Derby sie immun gegen Lampenfieber gemacht. »Wenn man regelmäßig in Hotpants vor Hunderten oder Tausenden von Zuschauern spielt und oft übel verliert, dann ist man gestählt«, sagt sie und lacht.

Heute spielt sie nicht mehr Roller Derby, geht aber manchmal im nahen Golden Gate Park skaten. Außerdem sei ihr der Geschmack fürs Abenteuer geblieben. Und deshalb freue sie sich auf das Abenteuer mit den San Francisco 49ers, sagt sie. »Ich habe die großartige Chance, für eine Weltklasseorganisation Pionierarbeit zu leisten.« Ihre Position als Verantwortliche für Vielfalt, Gleichbehandlung und Inklusion ist brandneu. Auch hier wird Christina Jefferson eine Exotin sein. Aber daran hat sie sich inzwischen gewöhnt.

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