Mexiko

Tora und Totenkult

Mexiko ist katholisch. Mexiko ist heidnisch. Wenn man über den Zócalo flaniert, den gigantischen Platz im historischen Zentrum der Hauptstadt Mexico City, dann sieht man auf der Ostseite den Nationalpalast, der auf den Trümmern jenes Bauwerks errichtet wurde, in dem der letzte Aztekenherrscher wohnte. Im Süden erhebt sich riesig die Kathedrale, sehr katholisch und sehr prächtig, die größte Barockkirche der Welt.

Etwas versteckt zwischen diesen Bauten findet der Tourist die Trümmer eines Aztekentempels, in dem die Mondgöttin angebetet wurde; selbstverständlich fanden hier auch Menschenopfer statt. Eine weniger jüdische Umgebung kann man sich kaum vorstellen. Und doch laufen einem in anderen Stadtteilen, etwa in Polanco oder La Condesa, mitunter fromme Juden über den Weg, die mit ihren Kindern Jiddisch reden. Wie ist das also mit den Juden in Mexiko?

Enrique Krauze, Jahrgang 1947, gehört zu den wichtigsten Intellektuellen des Landes; man könnte seine Stellung vielleicht mit jener von Hans Magnus Enzensberger vergleichen. Er gibt das Literaturmagazin »Letras Libras« heraus, das Texte aller bedeutenden lateinamerikanischen Schriftsteller gedruckt hat. Krauze hat Bücher geschrieben, tritt im Fernsehen auf und hat einen zweistündigen Film über die Geschichte der mexikanischen Juden gedreht, der allerdings leider nur auf Spanisch erhältlich ist.

Krauze ist ein bekennender Liberaler – im alteuropäischen Sinn des Wortes »liberal«. Außerdem ist er bekennender Galizianer: Seine Vorfahren stammen zum Teil aus Polen, teilweise auch aus der heutigen Ukraine. Wenn man mit ihm durch das Viertel La Condesa spaziert – es erinnert sehr an Paris oder Rom: Palmen, schöne Häuser, mediterrane Atmosphäre –, dann kann es vorkommen, dass Krauze plötzlich auf ein Fenster deutet und sagt: »Dort, in diesem Haus ist mein Großvater geboren. Und dort drüben mein Urgroßvater.« Viele seiner Vorfahren waren Schneider, ein ehrbarer jüdischer Beruf.

zwangstaufen Krauze kennt die jüdische Geschichte Mexikos so gut wie kaum ein anderer im Land. Und vor allem kann er sie gut erzählen: »Am Anfang war Mexiko ein archäologisches Museum für alle möglichen Arten des Marranismus: Von der Inquisition zwangsbekehrte Juden fanden hier, wo der lange Arm der katholischen Kirche sie nicht mehr so gut erreichen konnte, zum Judentum zurück. Aber das war vor langer Zeit, und es ist so gut wie nichts mehr davon übrig. Die heutige Geschichte der mexikanischen Juden beginnt mit der Revolution von 1910.«

Hier sollte man erklärend einflechten, dass Mexiko schon im 19. Jahrhundert – unter Benito Juárez, der als Präsident von 1858 bis 1864 regierte – eine Republik wurde. Aber auf Juárez folgte Porfirio Díaz (von 1884 bis 1911), der ein Diktator war. Als seine Herrschaft zusammenbrach, flogen Mexiko all seine sozialen Gegensätze um die Ohren. Die Revolution löste einen Bürgerkrieg aus, der bis 1920 dauerte; jeder achte Mexikaner wurde in den Wirren getötet.

»Nach der Revolution«, erzählt Enrique Krauze weiter, »warb Mexiko gezielt um jüdische Einwanderer. Es war damals ein sehr gewalttätiges Land, und man wollte tüchtige Leute haben, die helfen, es wieder auf die Beine zu stellen.« Was für eine seltsame Vorstellung: Die Vereinigten Staaten, der reiche Nachbar im Norden, beschlossen 1924 den Immigration Act, der Einwandererquoten vorsah. Vor allem Leute aus Osteuropa, darunter viele Juden, konnten sich danach kaum noch Hoffnung machen, auf legalem Weg nach Nordamerika zu kommen.

Just in dieser Epoche machte Mexiko seine Tore auf. »Religiöse Diskriminierung gab es hier nicht«, so Krauze. »Die Republik Mexiko definierte sich selbst als säkular. Es war gerade ein Ziel der Revolution, die Vorherrschaft der Kirche zu brechen.« Wie verhielt sich Mexiko in der Nazizeit? »Man kennt die Geschichten von Schiffen voller Flüchtlinge, die hier nicht aufgenommen wurden.« Andererseits gab es in Mexico City den Heinrich-Heine-Klub, dessen Vorsitzende und Gründerin die Kommunistin Anna Seghers war – ein Zusammenschluss deutscher Antifaschisten, von denen viele jüdische Wurzeln hatten.

Und nur der Vollständigkeit halber: 1942 erklärte Mexiko den Achsenmächten den Krieg. Zwar nahm nur ein Geschwader der mexikanischen Luftwaffe – 31 Piloten und etwa 150 Mitglieder des Bodenpersonals – aktiv an den Kämpfen teil, aber viele Mexikaner dienten in den amerikanischen Streitkräften. Im Kriegsgeschehen spielte es eine große Rolle, dass deutsche U-Boote sich nicht in mexikanischen Häfen blicken lassen durften.

revolution Nun gibt es eine peinliche Wahrheit über Mexiko, der man ins Gesicht blicken muss: Das Land wurde 80 Jahre lang von derselben Partei regiert, die einen wunderbar absurden Namen trägt: Partei der Institutionellen Revolution, kurz PRI. Mexiko war also eine Diktatur, aber keine harte, sondern eine weiche, wenn man von dem Massaker absieht, das Soldaten 1968 unter revoltierenden Studenten anrichteten. Es gab in Mexiko nie eine Militärdiktatur wie in so vielen anderen lateinamerikanischen Ländern (Chile, Brasilien, Argentinien).

Es gab andererseits auch nie die charismatische Herrschaft eines Caudillo, eines Retters auf einem weißen Pferd à la Fidel Castro. Die Diktatur der PRI war bürokratisch und langweilig; sie erinnerte ein wenig an die Herrschaft der grauen Männer in der Sowjetunion – allerdings mit dem Unterschied, dass es in Mexiko eine Privatwirtschaft und ein achtbares Wirtschaftswachstum gab. Und die mexikanischen Juden? Sie verhielten sich gegenüber dieser Diktatur genauso wie die anderen Mexikaner auch.

»Heute gibt es rund 40.000 Juden in Mexiko«, sagt Enrique Krauze. »Die Mehrheit von ihnen, ungefähr 25.000, sind syrische Juden. Sie leben sehr nach innen gekehrt, drei Dinge sind ihnen wichtig: ihre Religion, ihre Familie, ihre Geschäfte.« Das Gerücht, dass es in Mexico City heute große Angst vor Entführungen gebe – weil Juden als reich gelten und man mit dem Kidnapping von jüdischen Familienangehörigen viel Geld erpressen könne –, will Enrique Krauze nicht bestätigen. »Die jüdischen Gemeinden hier verstehen es gut, für ihre Sicherheit zu sorgen. Übrigens gibt es nur ganz wenig Antisemitismus in der mexikanischen Gesellschaft. Gewiss, auch wir haben unseren Anteil an dem linken Judenhass, der sich als Antizionismus verkleidet und vor allem an Universitäten auftritt. Aber ich beschwere mich nicht. Ich habe guten Zugang zu den Medien, ich kann meine Stimme dagegen erheben.«

Wahlen Seit dem Jahr 2000 ist Mexiko kein Einparteienstaat mehr. Damals wurde mit Vicente Fox zum ersten Mal ein Präsident gewählt, der nicht der PRI angehörte. Am 1. Juli finden zum dritten Mal freie Präsidentschaftswahlen statt. Haben die Juden dabei besondere Gründe, einem der Kandidaten den Sieg zu wünschen? »Nein«, sagt Krauze, »sie sind von denselben Problemen betroffen wie alle anderen Mexikaner.« Als da wären: ein Krieg gegen die Drogenkartelle, der in fünf Jahren 50.000 Opfer gekostet hat; Teile des Landes, in denen Kriminelle das Sagen haben; Gebiete, wo das Leben »einsam, arm, hässlich brutal und kurz« ist (um mit Thomas Hobbes zu sprechen).

Allgemein rechnet man damit, dass bei den Wahlen der Kandidat der PRI haushoch gewinnen wird. Fürchtet Krauze, dass sich damit die Tür zur Demokratie, die vor zwölf Jahren aufgegangen ist, langsam wieder schließt? »Nein«, sagt er, »denn dies ist eine andere PRI. Und dies ist ein anderes Mexiko.« Die große Frage, wenn man über jüdische Angelegenheiten spricht, lautet bekanntlich: Ist es gut für die Juden – oder ist es schlecht für die Juden? »Mexiko ist gut für sie«, antwortet Enrique Krauze, ohne im Geringsten zu zögern. »Das möchte ich hier wirklich sagen, vor allem, weil so viele verächtlich auf dieses Land herunterschauen. Dafür gibt es keinen Grund.«

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