Italien

Streit um die Resistenza

Demonstration mit Palästinaflaggen: Tag der Befreiung 2010 Foto: dpa

Der Tag der Befreiung vom Faschismus am 25. April wird dieses Jahr in Italien kein Fest sein. Zum ersten Mal in der italienischen Nachkriegsgeschichte werden jüdische Verbände nicht an der traditionellen, vom italienischen Partisanenverband (Anpi) organisierten Parade in Rom teilnehmen. Der Grund: Antizionistische und propalästinensische Gruppen, die seit Jahren mit ihren Fahnen und Ikonen bei der Demonstration mitmarschieren, mobilisieren gegen die Präsenz »zionistischer Symbole« auf der Parade.

Eine absurd anmutende Situation, zu der es nicht unerwartet kam, denn sie ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung, die am 25. April vergangenen Jahres ihren Höhepunkt erreichte. Damals war es während der offiziellen Kundgebung in Rom zu Handgreiflichkeiten gekommen, als Mitglieder der Palästina-Solidarität-Fraktion auf Demonstranten losgingen, die israelische Fahnen hochhielten.

Jüdische Brigade Die Angegriffenen wurden mit Rufen wie »Ihr seid schlimmer als die SS« und »Nieder mit dem Zionismus!« beschimpft. Sie marschierten hinter dem Transparent der Jüdischen Brigade, die zwischen 1944 und 1945 unter britischem Oberbefehl in Europa gegen die deutsche Wehrmacht kämpfte. Dass Italien vom Faschismus befreit wurde, ist auch diesen jüdischen Soldaten aus Großbritannien und dem britischen Protektorat Palästina zu verdanken. Ihre Geschichte ist den meisten Italienern allerdings so gut wie unbekannt.

Es blieb aber nicht bei den israelfeindlichen Beschimpfungen der antizionistischen Aktivisten. Nach den Ausschreitungen wurden die Vertreter der Jüdischen Brigade aus der Rednerliste gestrichen, »um die Stimmung nicht weiter anzuheizen«, wie es vonseiten der Organisatoren hieß.

Es verwundert also kaum, dass im Vorfeld der diesjährigen Kundgebung Klärungsbedarf herrschte. Viele Juden fragen sich, was palästinensische und antizionistische Gruppen auf einer solchen Veranstaltung zu suchen haben. »Es gibt 364 Tage im Jahr, um für die Rechte der Palästinenser zu demonstrieren. Am 25. April aber sollen diejenigen geehrt werden, die ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus geopfert haben. Wir demonstrieren an diesem Tag seit Jahren hinter dem Transparent der Jüdischen Brigade. Sie waren, gemeinsam mit den italienischen Partisanen, die Helden der Befreiung – während die oberste Autorität der palästinensischen Muslime, der Großmufti von Jerusalem, damals mit Hitler paktierte«, sagt der Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Rom, Fabio Perugia.

Dass Palästinenser am Befreiungskrieg nicht beteiligt waren und der Großmufti gar mit den Nazis kollaborierte, ist zwar hinreichend bekannt, doch für die militanten Israelhasser vollkommen irrelevant.

Eklat Zum Bruch mit dem Partisanenverband kam es nach einem öffentlichen Treffen Ende März in Rom. Eingeladen waren neben der Jüdischen Brigade der Verband der ehemaligen Deportierten in NS-Vernichtungslagern (Aned), Gewerkschaftsvertreter sowie einige kleine kommunistische Parteien. Nicht eingeladen, aber trotzdem anwesend, waren Mitglieder palästinensischer Organisationen.

Die Palästina-Freunde forderten die Organisatoren auf, bei der Kundgebung am 25. April zionistische Symbole zu untersagen. An diesem Tag sei aus ihrer Sicht der »Widerstand aller Völker gegen ihre Unterdrücker« zu ehren, wie es in einem Kommuniqué der »Palästina-Front« heißt. Es folgt eine Liste angeblicher Verbrechen der »Besatzungsmacht Israel« an »den unterdrückten Palästinensern«, inklusive des Einsatzes von »experimentellen Massenvernichtungswaffen« und der »systematischen Entführung und Ermordung von Kindern«.

Der eigentliche Skandal besteht jedoch nicht in der inakzeptablen Forderung der Israelhasser, sondern darin, dass die römische Abteilung des Partisanenverbands bis heute keine klare Position in der Auseinandersetzung bezogen hat. Viele Juden sehen darin eine politische Legitimierung der Hetze gegen den Staat Israel auf den Straßen von Rom.

Die nationale Führung des Partisanenverbands versucht nun, die Wogen zu glätten. Sie hat vorgeschlagen, die Organisation der Veranstaltung in die Hände der römischen Stadtverwaltung zu geben. Sowohl Aned als auch die Jüdische Brigade haben erklärt, sie seien bereit, ihre Entscheidung zu revidieren – sofern man ihnen versichert, dass am 25. April keine palästinensischen Fahnen auf den Straßen getragen werden.

Ukraine

Fürs Überleben lernen

Wie jüdische Schulen mit Spenden und viel Improvisation dem Raketenterror Russlands trotzen

von Michael Gold  20.06.2024

Ukraine

Hilfsorganisation: Überlebende NS-Opfer nicht vergessen

Es gibt 40.000 ehemalige Zwangsarbeiterinnen sowie KZ-Überlebende

 18.06.2024

Ehrung

Daniel Radcliffe gewinnt Musical-Preis Tony Award

Geehrt wird er für eine Nebenrolle auf dem Broadway

 17.06.2024

Terror

30 Jahre nach Anschlag auf jüdische Gemeinde: Argentinien wird verurteilt

Bei dem Attentat in Buenos Aires im Jahr 1994 kamen 85 Menschen ums Leben

von Denis Düttmann  15.06.2024

Russland

US-Reporter Gershkovich wird vor Gericht gestellt

Gershkovich war am 29. März 2023 in Jekaterinburg verhaftet worden

von Steffen Grimberg  14.06.2024

Brüssel

Kräfte und Verhältnisse

Wie unruhig die politischen Zeiten nach der Europawahl werden, hängt von vielen Faktoren ab

von Michael Thaidigsmann  14.06.2024

Tschechien

»Sag den Jungs, dass ich noch spiele«

In Prag gedenkt man des jüdischen Fußballstars Pavel Mahrer, der das KZ Theresienstadt überlebte

von Kilian Kirchgeßner  14.06.2024

Berlin

Selenskyj im Bundestag: Putin muss den Krieg verlieren

Kurz nach Kriegsbeginn hatte sich der ukrainische Präsident per Video an den Bundestag gewandt und mangelnde Hilfe beklagt. Jetzt hält er dort live eine ganz andere Rede

von Michael Fischer  11.06.2024

Washington D.C.

AJC ruft »globalen Ausnahmezustand für das jüdische Volk« aus

Beim Globalen Forum wird deutlich, unter welchem Druck Juden weltweit stehen

von Nils Kottmann  11.06.2024