Zu Fuß durchs jüdische New York

Steins Zeit

Muss ich jetzt noch sagen, dass vor der wunderschönen Synagoge in der Eldridge Street in der Lower East Side kein Polizeiauto steht? Dass kein Panzerglas sie von der Straße abschirmt? Dass ich einfach eine Tür aufdrückte und in der Eingangshalle stand, wo eine freundliche weißhaarige Dame mich fragte, ob ich eine Tour mitmachen wolle? Ich wollte. Sie knöpfte mir zehn Dollar ab. Und was, wenn ich jetzt ein irrer Muslim mit Sprengstoffgürtel um den Bauch oder ein Neonazi gewesen wäre? Darüber denkt hier kein Mensch nach.

Rund um die Synagoge in der Eldridge Street ist alles chinesisch, versteht sich. Längst passé und halb vergessen die Zeiten, als in dieser Gegend noch Ladenschilder auf Jiddisch hingen. Drinnen in der Synagoge herrscht hypertrophe Pracht: Gedrechselte Säulen aus nachgemachtem Marmor halten die Frauenempore hoch, die Rosettenfenster sind kirchenglasbunt. Wie muss das am Freitagabend auf jene armen Söhne Israels gewirkt haben, die in lichtlosen Löchern ihre Werktage zubrachten – und nun standen sie plötzlich in diesem königlichen Raum!

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Synagoge in der Eldridge Street von Juden aus Osteuropa gegründet, die vor dem Zaren und seinen Pogromen davongerannt waren. Mit diesem Gotteshaus feierten sie ihre Freiheit: Davidsterne, wohin das Auge reicht. Kein Versteckspiel mehr. Die Architektur im maurischen Stil sagt mit jedem goldverzierten Schnörkel: Hier zeigen wir stolz und offen, dass wir Juden sind. Zwanzig Jahre hat es gedauert (und 20 Millionen Dollar hat es gekostet), das Gebäude wieder so instand zu setzen, wie der Besucher es nun zu sehen bekommt. Die Eldridge-Synagoge ist vor allem ein Museum. Am Schabbes findet sich hier aber immer noch ein orthodoxer Minjan zusammen.

Ein Glasfenster konnte nicht renoviert werden, weil niemand mehr lebt, der sich erinnerte, wie es früher aussah. Eine Orkanbö hatte es 1938 eingedrückt. Ausgerechnet 1938. So grüßt der Wind aus Europa, dachte ich: ein Hauch aus dem ver- pesteten Erdteil.

Eldridge Street Synagogue, 12 Eldridge Street

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026

Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Der jüdische Musikmanager entdeckte und förderte Bands und Künstler wie Earth, Wind & Fire, Chicago, Santana, Whitney Houston, Barry Manilow und Barbra Streisand

 23.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026