Bulgarien

Solidarität in Sofia

Iossif Melamed ist Hauptsekretär der Organisation »Shalom«. Er sitzt in seinem Büro im jüdischen Kulturzentrum am Alexander-Stamboliski-Boulevard in Sofia. »Die Sozialfürsorge ist in den vergangenen Jahren in unserer Gemeinde immer wichtiger geworden«, sagt er. Früher, zu Zeiten des Sozialismus, hätten in Bulgarien viele Juden in intellektuellen oder künstlerischen Berufen gearbeitet, und ihr sozialer Status schien gefestigt.

Doch nach der Wende sei es den meisten schwergefallen, sich den neuen Gegebenheiten und der Marktwirtschaft anzupassen. »Das private Unternehmertum hat sich in unserem Land etwas seltsam entwickelt«, sagt Melamed. Es sei ja bekannt, welche Leute heute in Bulgarien zu den Reichen gehören. »Doch weil Juden ihre Kinder in der Regel moralisch erziehen, können sie sich als Erwachsene schlecht an schmutzigen Geschäften und korrupten Machenschaften beteiligen.«

Wirtschaft Mit einem Durchschnittseinkommen von 800 Lewa (rund 400 Euro) gilt Bulgarien als ärmstes Land in der Europäischen Union. Noch zu Beginn des Jahrtausends erfreute sich das Balkanland kräftiger Zuwachsraten des Brutto-Inlandsprodukts. Bis heute aber hat es sich nicht vom Wirtschaftseinbruch infolge der internationalen Finanzkrise vom Herbst 2008 erholt. Die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich in den vergangenen fünf Jahren auf mehr als 13 Prozent. »Drei Viertel der Bulgaren befinden sich in einer schwierigen sozialen Lage«, sagt Melamed. Juden seien von der Krise genauso betroffen wie alle anderen. »Wir müssen tun, was wir können.«

Melameds Kollegin Isabella Ivanova leitet die Sozialabteilung von »Shalom«. Die Organisation betreibt ein Seniorenzentrum, einen Kindergarten und eine Suppenküche. Zusammen mit der Stadtverwaltung von Sofia organisiert Shalom »Essen auf Rädern« für rund 60 Menschen. »Wir müssen immer mehr Bedürftigen mit Nahrung und Kleidung, aber auch medizinischer Versorgung helfen«, sagt Ivanova.

Eine von ihnen ist die Holocaust-Überlebende Berta L. Sie kommt gern zum Essen in die Kantine im zweiten Stock des Kulturzentrums und zum persönlichen Austausch mit Bekannten. Als 14-Jährige musste sie in Fabriken und auf Obstplantagen Zwangsarbeit leisten. Für sie und viele weitere Überlebende in Bulgarien sagte die deutsche Regierung der Jewish Claims Conference vor zehn Jahren Entschädigungszahlungen zu. Ein Teil des Geldes wurde für persönliche Abfindungen verwandt, mit einem anderen Teil richtete Shalom vor drei Jahren eine Sozialstation für Alte, Kranke und Behinderte ein. Eine häusliche Assistentin hilft Berta L. und ihrem herzkranken Sohn im Haushalt und macht Besorgungen. »Die Menschen in Bulgarien sind sehr arm, doch wir haben Glück, dass wir Unterstützung erhalten«, sagt sie dankbar.

Als Shalom vor einiger Zeit Stellen für den mobilen sozialen Hilfsdienst ausschrieb, meldeten sich mehr als 700 Bewerber. Viele von ihnen hatten früher einen Job in ganz anderen Branchen und waren arbeitslos geworden. Jana L. ist eine von ihnen. Nach dem Verlust ihrer Stelle als Optikerin suchte sie lange vergeblich einen neuen Arbeitsplatz und konnte den Unterhalt für ihre fünfköpfige Familie kaum bestreiten. So entschloss sie sich, für Shalom als Hausbetreuerin tätig zu werden. Zwar kommt sie damit nicht auf ihr früheres Gehalt, doch es geht ihr materiell besser als in der Arbeitslosigkeit.

Kinder »Shalom hilft nicht nur Juden«, sagt Isabella Ivanova und erzählt von einer Hilfsaktion, die anlässlich des 70. Jahrestags der Rettung der bulgarischen Juden vor dem Abtransport in die faschistischen Vernichtungslager für Bulgariens armen Nordosten um die Städte Lom, Vidin, Vratsa und Montana durchgeführt wurde. »Wir untersuchten dabei sozial benachteiligte Kinder auf ihre Sehfähigkeit und besorgten ihnen Brillen, wenn es erforderlich war.«

In der Sofioter Niederlassung des American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) hat Shalom einen wichtigen Partner. »In Bulgarien existiert der Staat im sozialen Bereich faktisch nicht. Deshalb erwarten viele Juden von der Gemeinde, dass sie den Staat in sozialen Belangen ersetzt«, sagt JDC-Chefin Julia Dandolova.

»Seit einigen Jahren erleben wir, dass uns immer mehr Leute der mittleren Generation um Hilfe bitten, die das früher nicht nötig hatten.« Für die aufgrund von Arbeitslosigkeit in soziale Not geratene Klientel hält Dandolova Hilfe zur Selbsthilfe für angesagt. »Wir wollen den Armen nicht nur Fisch geben, sondern auch eine Angel.« Deshalb bieten Shalom und JDC verstärkt Weiterbildungsmaßnahmen an, bei denen sie die Teilnehmer zum Beispiel auf Bewerbungsgespräche vorbereiten.

Geschichte Nachdem Ende der 40er-Jahre die meisten der rund 50.000 bulgarischen Juden nach Israel ausgewandert waren, unterstand Shalom bis zur Wende im November 1989 der Kommunistischen Partei. Damals besaß die Organisation kein Eigentum und hatte nur rund 600 aktive Mitglieder, sagt Julia Dandolova. Zwar hielten die meisten der im Land gebliebenen jüdischen Familien auch während des Sozialismus Kontakt untereinander und pflegten zu Hause die religiösen Bräuche. Nach außen hin gaben sie sich jedoch kaum als Juden zu erkennen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten aber hat Bulgariens jüdische Gemeinde eine Renaissance erlebt. »Rund 5000 Menschen beteiligen sich aktiv am jüdischen Leben, zum Teil mit ihren nichtjüdischen Ehepartnern«, sagt Dandolova. Die soziale Not infolge von Bulgariens permanenter Wirtschaftskrise belaste die betroffenen Menschen sehr, sie stärke aber auch den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde.

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