USA

Mit Skalpell und Kippa

Freitagnachmittag ist die Zeit der Transformation für Michael Salzhauer. Dann lässt der Arzt die Woche hinter sich: den prall gefüllten OP-Plan, die Po-Vergrößerungen und Bruststraffungen und Fettabsaugungen und Nasenkorrekturen, oft begleitet von Hip-Hop und derber Pantomime, aufgezeichnet von wackeligen Handykameras, gepostet als schrille Videoschnipsel auf TikTok, Instagram und Snapchat und mit tausendfachen Likes belohnt.

Am Freitagnachmittag streift der 50-Jährige all das ab wie seinen OP-Kittel und die sterile OP-Kappe, unter der er eine Kippa trägt, dann schlüpft er in Tallit und Zizit und bereitet sich auf den Schabbes vor, den er mit seiner Frau und vier Kindern begeht; die älteste Tochter lebt mit ihrer Familie in Jerusalem.

»Wenn du in einer Stunde hier aus dem Fenster schaust, wirst du viele orthodoxe jüdische Männer auf der Straße sehen«, sagt Salzhauer beim Videochat an einem Freitagnachmittag vor einer pink gestrichenen Wand. Dies ist Miami, eine Stadt mit knapp neun Prozent jüdischer Bevölkerung. Mehr Juden außerhalb Israels leben nur in New York City. Miami, das ist auch die zweite Hauptstadt der Plastischen Chirurgie in den USA. Nur in Los Angeles gibt es eine höhere Dichte an Schönheitschirurgen.

GRELLE AUFTRITTE So ist es nur passend, dass sich Michael Salzhauer den Künstlernamen »Dr. Miami« gegeben hat. Salzhauer ist einer der bekanntesten und umstrittensten Schönheitschirurgen in den USA, und nicht etwa aufgrund misslungener Operationen. Seine Akte als Chirurg – Salzhauer praktiziert seit 25 Jahren und hat 20.000 Eingriffe durchgeführt – ist makellos. Es sind seine grellen Social-Media-Auftritte, seine laute öffentliche Person, seine offene Lust an der Provokation, die bei Kollegen wie bei Aktivisten für das politisch Korrekte regelmäßig auf Kritik, Abscheu und moralische Entrüstung stoßen.

Salzhauer – groß, schlank, mit rastlosen, tief liegenden Augen und grauen Sprengseln in seinem braunen Dreitagebart – ficht das nicht an. »Ich bin nicht jedermanns Geschmack«, sagt er und zuckt mit den Schultern. »Und das ist okay.«

Welche seiner vielen Rollen kommt seiner wahren Persönlichkeit am nächsten? »Wir sind alle ein Bündel von Widersprüchen«, sagt er. Nur seien seine ein bisschen extremer als die der meisten Leute. »Ich bin orthodoxer Jude, ich bin plastischer Chirurg, ich bin Familienvater – und alles mit Leidenschaft.« Aber er ist auch Hofnarr der Reality-Sternchen und der Social-Media-Influencer – und deshalb weiß man nie genau, in welcher Rolle er sich gerade bewegt.

HERKUNFT Wer also ist Michael Salzhauer? Die Geschichte seiner Familie ähnelt der vieler aschkenasischer Juden: eine Saga von Flucht, Vertreibung und Überlebenswillen. Seine Familie väterlicherseits stammt aus Kolomyja, einer Stadt in der Westukraine. Sein Urgroßvater wurde während des Ersten Weltkriegs von Kosaken erschlagen, da war sein Großvater sechs Jahre alt. Die Urgroßmutter floh mit den Kindern nach Wien und von dort aus weiter nach Berlin. Als Hitler 1933 an die Macht kam, gelang es Salzhauers Großvater, nach Palästina auszureisen. Dort wurde Salzhauers Vater Tzvika geboren. Der trat als junger Mann der neu gegründeten israelischen Armee bei, entschied sich dann aber 1958, Richtung Amerika einzuschiffen.

Michael Salzhauer wuchs in einem Vorort von New York City auf. Seine Eltern pflegten zwar die jüdischen Bräuche, hatten aber ein eher lockeres Verhältnis zur Religion. Salzhauer war ein ehrgeiziges Kind, spielte schon als Vierjähriger mit einem Stethoskop und wollte später einmal viel Geld verdienen, wie sich seine ältere Schwester Eliana in einem Artikel in der »Miami New Times« erinnert. Er war schlau, begann mit 17 ein Medizinstudium am Brooklyn College in New York. Dort lernte er seine spätere Frau Eva Zion kennen, mit der er seit 28 Jahren verheiratet ist.
Salzhauer machte seine Facharztausbildung in Miami. Zum Abschluss schenkten ihm seine Kollegen eine Nasenplastik und ein Kinn-Implantat – eine Art Initiationsritual.

Und noch etwas anderes passierte in dieser Zeit: Salzhauer fand zur Religion. Er beschreibt sich selbst als Workaholic, mit einem Hang zum Besessenen. Die strikten Regeln des orthodoxen Judentums – die Verpflichtung, sich am Schabbat aus der Arbeitswelt auszuklinken – hätten seine Seele und vermutlich sein Leben gerettet, sagt er. »Ohne Schabbes wäre ich schon unter der Erde.«

Orthodoxen Juden empfiehlt der Arzt, vor der Beauty-OP mit ihrem Rabbiner zu sprechen.

Salzhauer lebt streng koscher, betet dreimal am Tag zwischen seinen Operationen. Er sieht keinen Widerspruch zwischen seinem freizügigen Umgang mit Plastischer Chirurgie und den Geboten der Tora. Dort heißt es, im 3. Buch Mose 19,28: »Für einen Toten dürft ihr keine Einschnitte auf eurem Körper anbringen, und ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen.« Einige konservative Schriftgelehrte legen diese Stelle als ein Verbot von Tätowierungen aus – von Nasenplastiken und Bruststraffungen ganz zu schweigen.

interpretation Für Salzhauer ist das eine sehr enge Interpretation. Plastische Chirurgie habe schließlich den Sinn, das Leben und die Lebensqualität von Menschen zu verbessern – und damit auch die Welt um sie herum. Das reiche von der Behandlung entstellender Narben nach einem Unfall bis zur Korrektur von krummen Nasen, hängenden Busen oder flachen Pos. All das sei in Ordnung, wenn es die Menschen sicherer, selbstbewusster und glücklicher mache, sagt er.

Schönheitschirurgie – ein Beitrag also zu Tikkun Olam – der Verbesserung der Welt? Warum nicht, meint Salzhauer, setzt aber hinzu: Orthodoxe Jüdinnen und Juden sollten, wenn sie eine Beauty-OP planten, zuerst mit ihrem Rabbiner sprechen, sicher ist sicher.

Er selbst stellt seine Fertigkeiten regelmäßig in den Dienst seiner Religion. Unter dem Motto »Operation Chuppa« bietet er kostenlose plastische Chirurgie für junge, alleinstehende jüdische Männer und Frauen an, die einen Partner suchen. Und sonntags führt Salzhauer – der auch zertifizierter Mohel ist – in seiner Praxis Beschneidungen für erwachsene jüdische Männer durch, Konvertierte oder Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Lateinamerika.

beschneidungen Von den wohltätigen Beschneidungen abgesehen, operiert Salzhauer heute nur noch Frauen im Alter zwischen 18 und 50 – »das ist die Gruppe, bei der ich meine beste Arbeit mache«, sagt er. Und das am liebsten vor einem großen Publikum. »Marketing bewegt die Welt«, sagt der Chirurg. Schon früh startete er seine eigene PR-Maschinerie – und merkte: Provokation, Kontroverse und Konflikt verkaufen sich gut.

2008 veröffentlichte er ein Kinderbuch mit dem Titel My Beautiful Mommy. Anhand von bunten Illustrationen erzählt es die Geschichte eines Mädchens, dessen Mutter sich einem Tummy Tuck unterzieht, einer Bauchstraffung. Am Ende entsteigt Mommy renoviert und strahlend den Bandagen. Salzhauer sagt, er habe das Buch als eine Art Leitfaden für Eltern geschrieben, die Kindern ihre Schönheitsoperationen erklären wollten.

Viele Kinderpsychologen sahen das anders: Es sei »ein brandgefährliches Spiel, das Thema Körperimage bei Mädchen zu thematisieren, die zu jung sind, um es zu verstehen«, sagte die renommierte Ärztin und Autorin Elisabeth Berger. Doch Salzhauer legte nach. Ein Jahr später kreierte er eine App, bei der Frauen ein Foto von sich hochladen und den Effekt möglicher plastischer Operationen ausprobieren können.

selbstmarketing Der Höhepunkt von Salzhauers Selbstmarketing-Aktivitäten kam 2012, als er die jüdische Punk-Rock-Band The Groggers beauftragte, ein Musikvideo über einen jüdischen Jungen zu produzieren, der sich seine Nase begradigen lässt, um einem beliebten Highschool-Girl zu gefallen. Am Ende bekommt der Junge – trotz operierter Nase – zwar nicht seine Angehimmelte, aber eine sexy Lehrerin steckt ihm ihre Nummer zu. Salzhauer selbst hat in dem Video Cameo-Auftritte als Skalpell-schwingender Clown im OP-Kittel.

Er kreierte eine App, auf der Frauen die Effekte plastischer Operationen ausprobieren können.

Der Aufschrei war gewaltig. »Das ist geschmacklos und beleidigend«, sagte Andrew Rosenkranz von der Anti-Defamation League. »Durch die Geschichte hinweg wurden Juden immer wieder mit Hakennasen karikiert. Das Video bedient diese Stereotype.« Die American Society of Plastic Surgeons – der Berufsverband plastischer Chirurgen in den USA – leitete eine offizielle Untersuchung gegen Salzhauer ein, um zu prüfen, ob er »die Würde und Ehre des Arztberufs« verletzt hatte. Die Untersuchung verlief im Sand, und das Video ist noch immer online. Seine Kritiker hätten nicht verstanden, dass es sich um Satire handele, sagt Salzhauer. »Wenn ich mir das Video heute anschaue, finde ich es immer noch extrem lustig.«

Das Megafon für Dr. Miamis schrilles Marketing sind seine Social-Media-Kanäle – vornehmlich TikTok, Instagram und Snapchat, auf denen er zusammen knapp acht Millionen Follower hat. Dort postet er kurze Videos von seinen Operationen, drastisch und blutig, neben Comedy-Einlagen aus seinem Praxisalltag.

Patientinnen müssen eine detaillierte Einwilligungserklärung unterschreiben, be­vor Salzhauer sie filmt. Als er anfing, soziale Medien zu nutzen, hätte etwa ein Viertel seiner Patientinnen einer Social-Media-OP zugestimmt, sagt er. Seit 2015 stieg die Zahl auf 80 Prozent. Häufig hätten Patientinnen, bevor sie in den Narkoseschlaf fallen, Grüße an den Freund oder eine bestimmte Musik im OP-Saal in Auftrag gegeben, erzählt er. Mittlerweile liege die Zahl der gefilmten OPs wieder niedriger, bei etwa 50:50. »Die Leute haben gemerkt: Das ist ein zweischneidiges Schwert, sie sind etwas vorsichtiger geworden.«

ZUKUNFT Auch für die Zukunft hat Dr. Miami große Pläne. Er will noch zehn, 15 Jahre als Chirurg tätig sein und mehr im Nahen Osten arbeiten. In Israel sei es schwierig, als ausländischer Arzt eine Lizenz zu bekommen, sagt er. Aber er hat bereits in Dubai operiert, war in Saudi-Arabien und Katar. Er sei gern in den Golfstaaten unterwegs, sagt er. Und nach einer kleinen Kunstpause setzt er hinzu: »Das mag jetzt seltsam klingen, aber als orthodoxer Jude ist es ein gutes Gefühl, sich in Ländern aufzuhalten, in denen die Menschen noch an Gott glauben, ganz konkret.«

Und auch für seinen Abgang von der medizinischen und medialen Bühne gibt es bereits einen Plan. Er hätte gern eine eigene Fernsehsendung, sagt Salzhauer, eine Reality-Show: Wer wird der nächste Dr. Miami? Da würden dann zehn junge, gut aussehende, ehrgeizige Chirurgen und Chirurginnen gegeneinander antreten, und der Gewinner bekomme die Praxis. Ganz im Stil von Bachelor, Shark Tank oder The Apprentice, der TV-Show, die einst Donald Trump berühmt machte. »Würden sich die Leute das wohl anschauen?«, fragt er, und lacht, kurz und trocken. »Oh, ich wette, sie würden.«

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