Schweden

Sie müssen reden

Wer am späten Nachmittag in die Kamrergatan einbiegt und sich dem jüdischen Gemeindezentrum nähert, könnte meinen, die Juden Malmös blickten einer großen Zukunft entgegen. Es sieht aus, als gäbe es viele junge Gemeindemitglieder. Wenn gegen 17 Uhr der jüdische Kindergarten schließt, radeln junge Mütter und Väter mit ihren Söhnen und Töchtern – sei es im Kastenwagen vor dem Lenkrad oder im Sitz auf dem Gepäckträger – durch den Stadtteil Sorgenfri nach Hause.

Sicherheit Dass das jüdische Leben in Malmö durchaus nicht sorgenfrei ist, sieht man erst auf den zweiten Blick. Das Gemeindezentrum, ein mit gelben Ziegeln verblendeter Bau aus den 60er-Jahren, wird wie eine Bastion gesichert. Metallpoller verhindern das Parken vor dem Haus, mehrere Kameras nehmen jede Bewegung wahr, und das Erdgeschoss ist, anders als bei den benachbarten Wohnhäusern, aus Gründen der Sicherheit ganz und gar fensterlos.

Trotz aller Vorkehrungen, die zum größten Teil der schwedische Staat bezahlt, kommt es immer wieder zu antisemiti­schen Angriffen, Drohungen und Anschlägen, Juden werden angespuckt und geschlagen. Die Täter sind vor allem Muslime. Ihre Community wächst seit Jahrzehnten, man schätzt, dass heute gut ein Viertel der mehr als 300.000 Einwohner Malmös muslimisch ist.

Terror Die meisten Eltern, die durch die Kamrergatan radeln, um ihre Kinder vom jüdischen Kindergarten abzuholen, sind keine Juden. Viereinhalb Jahre ist es her, dass ein islamistischer Terrorist vor der Synagoge im benachbarten Kopenhagen einen Wachmann erschoss. Die Tat ließ auch die Juden jenseits des Öresunds erstarren: Am Tag darauf meldeten in Malmö 80 Prozent der jüdischen Eltern ihre Kinder vom Kindergarten ab. Zu gefährlich.

Malmös jüdische Gemeinde zählt heute knapp 500 Mitglieder. Vor 20 Jahren waren es noch fast doppelt so viele. Die Anfeindungen und die Angst, Opfer eines Angriffs zu werden, haben dazu geführt, dass immer mehr Juden die Stadt verlassen. Sie ziehen nach Stockholm, wo es zwar auch Antisemitismus, aber zumindest eine bessere jüdische Infrastruktur gibt. Andere wandern nach Israel aus.

Damit das jüdische Leben in Malmö weitergeht, haben kürzlich ein jüdischer und ein christlicher Unternehmer der Gemeinde eine größere Summe Geld zugesagt: Lennart Blecher und Dan Olofsson wollen der Gemeinde bis 2029 jedes Jahr umgerechnet 400.000 Euro spenden, damit die Arbeit trotz gestiegener Sicherheitskosten weiterhin möglich ist. Gleichzeitig forderten sie die Kommune auf, mehr Geld dafür auszugeben, die Atmosphäre in der Stadt zu verbessern.

Im kleinen Besprechungsraum in der Jugendstil-Synagoge sagt Rabbiner Moshe David HaCohen: »Hier können wir uns ganz sicher fühlen« und zeigt auf die Fensterrosette. Nachdem sie mehrere Male eingeworfen wurde, sei sie nun aus Panzerglas. »Wir sind geschützt«, konstatiert er – doch vor lauter Schutz falle es manchmal schwer zu atmen.

Moshe David HaCohen ist ein zuversichtlicher Mann. Er wuchs in der rund zehn Kilometer südlich von Jerusalem gelegenen jüdischen Siedlung Tekoa im Westjordanland auf und kam vor drei Jahren nach Malmö. In der Stellenausschreibung stand, der neue Rabbiner solle eine aktive Gemeindearbeit aufbauen – was ihm inzwischen gelungen ist –, und er solle einen Verein gründen, in dem Juden und Muslime zusammenarbeiten. »Das reizte mich«, sagt der 40-Jährige. Es gehe darum, Kontakte in die muslimische Community aufzubauen – damit die jüdische Gemeinde überlebt.

Vertrauen Inspiriert vom früheren Rabbiner seiner Heimatgemeinde im Westjordanland, der sich häufig mit führenden Muslimen traf, gründete Rabbi HaCohen vor zwei Jahren gemeinsam mit dem Imam Salahuddin Barakat von Malmö Muslim Network den Verein Amanah. Das Wort ist Arabisch und bedeutet, ähnlich wie das hebräische »Emuna«, so viel wie Glaube. Und es bedeutet auch, Vertrauen zu haben – nicht nur in Gott, sondern ebenso in Menschen. Genau darum geht es.

»Es ist für uns beide eine Herausforderung«, sagt HaCohen, »dass ich aus einer Siedlung im Westjordanland komme und der Imam aus dem Libanon.« Doch die beiden Männer waren sich auf Anhieb sympathisch und merkten, dass sie einander vertrauen können.

Der Rabbi aus dem Westjordanland traf den Imam aus dem Libanon.

Inzwischen besucht der Rabbiner gemeinsam mit dem Imam Schulklassen und erzählt vom Judentum, der Schoa und vom Miteinander zwischen unterschiedlichen Kulturen. Die beiden Männer halten jüdisch-muslimische Lerntage ab und versuchen, ihre Gemeindemitglieder miteinander ins Gespräch zu bringen.

»Es ist wichtig für beiden Seiten, dass wir Ansprechpartner haben«, sagt HaCohen. Wenn die Islamophobie in der Öffentlichkeit hochkocht oder ein Imam von den Medien angegriffen wird, dann wenden sich die Muslime an ihn. »Und wenn wieder einmal etwas passiert, dann wende ich mich an sie, die muslimischen Vertreter von Amanah.«

»Wieder einmal etwas passiert« ist zum Beispiel im Dezember 2017. Damals hatte US-Präsident Donald Trump angekündigt, die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Kaum ausgesprochen, versammelten sich in Malmö am Möllevangstorget, ein paar Hundert Meter vom jüdischen Gemeindezentrum entfernt, knapp 200 muslimische Männer zu einer spontanen Demonstration. Sie skandierten »Tod den Juden!« – und versetzten die jüdische Gemeinde in Angst und Schrecken.

veränderung »Dass Malmö eines Tages für uns Juden nicht mehr sicher sein könnte, wäre mir als Teenager nicht im Traum eingefallen«, sagt Fredrik Sierad­zki. Der gelernte Journalist ist in Malmö aufgewachsen und betreibt heute eine PR-Agentur. Nebenbei kümmert er sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde.

Malmö habe sich sehr verändert, sagt er. »Noch in den 80er-Jahren war alles homogen, Malmö war eine ›blonde Stadt‹.« Etliche seien besorgt, dass das heute anders ist, »aber ich habe damit kein Problem. Ein Problem habe ich jedoch damit, dass viele Muslime in Malmö keine Juden mögen.«

Als Fredrik Sieradzki 1965 geboren wurde, hatte Schwedens Regierung gerade das sogenannte Millionenprogramm aufgelegt. Es sah vor, binnen zehn Jahren vor allem in den Satellitenstädten eine Million neue Wohnungen zu bauen. Eine dieser Großwohnsiedlungen ist Rosengard im Osten Malmös. Dort wohnen heute rund 23.000 Menschen, etwa 85 Prozent sind Migranten.

Viele Soziologen und Politiker haben inzwischen erkannt, dass einiges aus dem Ruder gelaufen ist. Rosengard gilt heute als Musterbeispiel für Segregation, Ghettoisierung und gescheiterte Integration. »Viele dort sind arbeitslos, es gibt soziale Probleme«, sagt Sieradski, und immer wieder komme es vor, dass junge Männer meinen, »sie müssten mal wieder was für ›die palästinensische Sache‹ tun«.

Die Juden Malmös versuchen, möglichst weit entfernt von solchen Brennpunkten zu wohnen. Aus Angst vor Antisemitismus outen sich viele nicht als jüdisch, weder gegenüber den Nachbarn noch in der Schule oder am Arbeitsplatz. In der Öffentlichkeit zum Beispiel einen Magen David als Kettenanhänger zu tragen, käme den meisten nie im Leben in den Sinn.

Eine, die das dennoch tut, ist Mira Kelber. Die 19-jährige Tochter eines Schoa-Überlebenden engagiert sich als Freiwillige in der Jugendarbeit der Gemeinde und trägt über ihrem schwarzen T-Shirt für jeden sichtbar eine Kette mit einem kleinen goldenen Davidstern. »Jüdisch zu sein, ist ein Teil von mir«, sagt sie, »das kann ich doch nicht verstecken.« Ja, sie habe auch schon »unangenehme Situationen« erlebt, doch am Ende sei immer alles gut gegangen.

Flucht Vor ein paar Wochen ist Mira Kelber zu Besuch in Berlin gewesen. Als ihre (jüdischen) Gesprächspartner erfuhren, dass sie aus Malmö kommt, hätten sie sofort gefragt, wann sie denn wegziehe, erzählt sie. »So etwas ärgert mich! Man kann doch nicht einfach weggehen!« Natürlich verstehe sie, dass Menschen Angst haben, »aber man muss doch etwas dagegen tun, wenn die Situation schlecht ist«. Inzwischen habe sie allerdings das Gefühl, dass die Behörden das Problem ernst nehmen.

Wer die junge Frau fragt, was sie denn »dagegen tun« möchte, dem sagt sie, dass sie in Schulen gehen und den Jugendlichen, auch den muslimischen, erzählen will, dass sie Jüdin ist. »Sie werden sehen, dass ich blaue Augen und blonde Haare habe, und ich werde sagen: ›Schaut her, ich bin jüdisch!‹«

Mira Kelber glaubt daran, dass die zarten Pflänzchen des jüdisch-muslimischen Miteinanders in Malmö eines Tages große Bäume sein werden und die Stadt lebenswert machen. Sie träumt davon, dass in 20 Jahren der Polizist vor der Synagoge den Betern nach dem Gottesdienst nicht mehr rät, schnell nach Hause zu gehen. Und sie träumt davon, dass Malmö eine Stadt sein wird, in der sich Juden sicher fühlen – so sicher, dass niemand mehr fragt, wann sie wegziehen, sondern Juden aus anderen Städten sich gar in Malmö niederlassen.

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